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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hinter der Jalousie


ginTon
24.10.2017, 18:57
Prolog

Gegeben sei Herr B, ein ganz normaler Mensch. Er steht morgens um 7.00 Uhr auf. Geht müde ins Bad, macht sich frisch und verlässt das Haus (ein wenig mürrisch) zur Arbeit. Auf dem Weg hält er beim Bäcker, wo der Ankauf der allmorgendlichen Gazette zu seinem täglichen Ritual gehört. Man kennt sich Hallo seit 20 Jahren und hat sich dennoch nicht viel zu sagen. Das Lächeln dient lediglich der aufgesetzten Fassade und unterstreicht, wie egal man sich eigentlich ist. Herr B ist kein Misanthrop oder Menschenfeind, denkt jedoch, dass es im Leben zwei Arten von Glück gibt. Den eines Lottogewinns oder den eines glücklichen Zufalls, wobei beides so ziemlich dasselbe ist und seine äußere Wirkung allein von diesem Umstand abhängt und es somit sein gutes Recht sei, sich so zu geben wie sein äußeres Erscheinungsbild es hergibt. Schließlich würde er ja Lachen, wenn er täglich nicht immer dasselbe machen müsste. Also fragt er sich, ob die Abwechslung im Leben (natürlich unter Voraussetzung entsprechender Mittel) den Menschen glücklicher macht, versucht jedoch seine Mitmenschen mit solcherlei Gedanken nicht zu überfordern, denn schließlich ginge es ja fast allen wie ihm und nur wenige, die Wenigen, könnten das Leben so richtig genießen, da ihnen das Glück zu Teil wurde. Dies sei eben aber nur Zufall oder der glückliche Umstand eines Geldgewinns oder sonstiges. Seine Maßstäbe blieben dabei weitestgehend auf die Zeitung beschränkt, in der ab und zu ein Lotteriegewinner mit einem überschwänglichen Lächeln winkt und sich mit Sicherheit ein neues Boot mit der nackten Schönheit von Seite Eins teilt. Dann leuchten seine Augen und er flüstert Geile Schnalle seinem Arbeitskollegen zu und isst in die Zeitung vertieft sein Pausenbrot weiter. Was die Politikseite angeht verfällt Herr B sehr schnell in Lethargie. Er findet Politiker scheinheilig und Politik ein Mittel zum Betrügen Arschkriecher nennt er sie und brabbelt weiter vor sich hin. Arschkriecher und Betrüger. Scheinheilige Kriegstreiber sind das. Herr B steigert sich dann oftmals hinein, stößt seinen Kollegen an, der nur ein Ja Ja für ihn übrig hat, da ihm die Pause doch sehr wichtig erscheint. Was soll er dazu auch sagen, ändern können sie überhaupt nichts, zumindest dahingehend sind sich beide einig. So sitzen sie nun und tun was sie immer tun, im Pausenraum am Fenster, Zeitungslesen um Halb zehn.


Herr B ist ein Träumer

Sagen wir, Herr B ist ein Träumer. Er schließt die Augen und entdeckt die Zeit. Er reist von den Bildern des Boulevardblattes bis zu den Ufern des Schwarzen Meeres, taucht in die schwarzen Wälder, verirrt sich und wacht wieder auf. Jeden Tag, dann schält er sich aus dem harten Stuhl, bleich, reibt sich die Augen und schreibt die Bilder auf Papier: Die Sonne an dem Tag stand hoch. Der Himmel war schwarz wie die Nacht und nur die feinen Kristalle und schneeweißen Körner des Sandstrandes kündigten von dem Licht, das sich in ihnen widerzuspiegeln schien. Ansonsten erinnerte die Szenerie an einen harten Kontrast, der am Horizont scharfkantig die Ebenen voneinander trennte und dem Betrachter zwischen Hell und Dunkel unterscheiden ließ. Auch die kleinen, schuppenartigen Wellen des Meeres schienen von Beidem etwas zu enthalten und funkelten in der Stille wie kleine Tränen. Als sich plötzlich und unerwartet aus dem schwarzen Vorhang Schiffe lösten. Ruderschiffe, morsch und knarrend, Metamorphosen von Krähen, die sich auf das Wasser niederließen. Mit zerfetzten Segeln, die für den Wind nicht mehr taugten. Ein Heer von schwarzen Rüstungen. Huaaah. Das war der einzig hörbare Laut und das Rasseln von blankem Metall auf Metall, welches sich heranschlich, neu formierte und an einem hohen burgartigen Wall an den sandsteingroßen Kolossen verharrte. Alles schien zu schlafen und die mächtigen Türme strahlten eine Form von Erhabenheit, Ruhe aus, deren Ruf Silberscharen folgten, glänzende Rüstungen und Schlachtgemetzel. In all diesem Tumult fühlte sich Herr B wie ein Besucher, schwebte über den Köpfen hinweg und entschwand geistesartig, wenn ihn jemand entdeckte, ihn verfolgte. Bis er schweißgebadet wieder aufwacht, mit einer schwingenden Handbewegung die Kaffeetasse fast vom Tisch fegt (ganz so, als hätte er ein Schwert in der Hand), um kurz darauf erschrocken zusammenzuzucken. Dann schaut er müde aus dem Fenster hinaus in den Alltag und träumt davon diesem Kreis zu entrinnen. Arbeit, Aufstehen. Arbeit, Aufstehen. Herr B träumt dann einfach mal weiter.

Der Sandstrand an dem Tag veränderte sich, wurde grau bis mehlig, Staub, verlassen und das aufkommende Tosen des Meeres kalt und unnahbar. Wellen schlugen auf Wellen und gegen entfernte Felsen, die schwarz und scharfkantig aus der See ragten und in der Gischt schäumten. Ihre glatten Flächen perlten und flossen in die Dunkelheit zurück. Das Meer war aufgewühlt und energiegeladen Rattertatat Schützengräben. Schützen rattertatat. Am Strand Geflacker des Meeres und Schützengräben. Explosionen. Entfernte Mündungsfeuer. Über dem Wasser. Rattertatat. Hier hat Herr B Sandburgen gebaut, als kleiner Junge, große feste Gebilde. Mit einer Schaufel, die größer war als er, Wasser geholt und Gräben gebaut. Burggräben und Zinnen für kleine Figuren, Plastikfiguren, die sich bekämpften. Rattertatat. Hier hat Herr B Krieg gespielt. Verbrannte Erde, ringsherum verbrannte Erde. Der Sandstrand leer, bis auf zerstörtes Kinderspielzeug, leer und leblos. Leblose Beine und verbrannte Arme aus Plastik. Die Haut voller Brandblasen und die Haare bis auf Reste zusammengeschrumpft. Ihre Augen blicken starr in den Himmel, der unnahbar über dem Ganzen hängt, vom Betrachter so weit entfernt, dass er nicht aufsieht und ausschließlich Zerstörung fixiert, keinen Vogel hört und auch keine Blumen sieht. Herr B erinnert sich nicht mehr, wie der Himmel aussah, reibt sich müde die Augen und starrt auf die ausgebleichte Decke voll mit Wasserspuren und will schlafen, wieder einschlafen und weiter träumen. Hält sich fest an den Flecken, welche anfangen zu fließen und lässt sich treiben.

Auf dem Fluss. Immer auf dem Fluss entlang. Diesen langen, langen Fluss mit seinen Windungen, seinen roten, roten Schweißgesichtern. Wie das rohe Fleisch, das vor ihm auf den Blanken liegt. Roh und nackt, nahezu animalisch. Ein Stück Fleisch, beiß hinein, iss. Dann kommt sie aus der Kajüte, einer Windsbraut gleich. In ein weißes Tuch gehüllt, wallend, stürmisch, in ein Hauch von Nichts und zieht ihn an sich, zieht ihn aus. Und ihre Brüste, wie sie beben, rot so rot im Dämmerlicht. Und diese Lippen, die er küsste. Atemloser, wilder Sex. Ach, Herr B jetzt wird es Meer. Meer und Weite immer mehr. Es verwandelt dieses Schiff, wie das Wasser sich verwandelt. Erst ein Fluss und dann zum Meer. Erst mit Segel, dann auf Tauchstation. Wie tief wollen wir tauchen, Herr B? Bis zum Grund, bis zum Grund der See. In die tiefe Tiefe tauchen. Dort ist es schwarz und kein Licht dringt dorthin vor. Eingehüllt in schwarzer, tiefer See, hinab getaucht und dann langsam wieder aufgetaucht. In der Ferne, eine Insel, meine grüne, immergrüne Insel. Aus den Nebeln, wie sie ruft. Gleich der Windsbraut in dem seichten Tuch. Eine Quelle und das Geräusch des Wasser, fließend, rauschend oder tropfend: Tripf Tropf Tropf. Der alte Wasserhahn in dieser Hölle, fast war er am Ziel, fast wär er am Ziel. Dieser Welt entronnen, Freude, wenn auch nur für einen Augenblick.

Halt mich fest, flüstert sie ihm zu und schlaf mit mir. Schlaf mit mir ein und träume von uns. Uns auf einer Insel und immer diesen wunderschönen Strand entlang. Von Palmen umsäumte grüne Wälder, Vogelgezwitscher. Das ist Paradies und immer den langen weißen Meeresstrand entlang mit seinen vielfarbig glitzernden Sandkörnern und dem Meeresschaum, der sich sanft um ihre Füße spült, aufgeregt wie kleine Kinder. Somewhere over the rainbow singt es, summt er mit. Sie in diesem leichten Kleid, welches hauchdünn ihren Körper und ihre Brüste umrahmt. Sie ausgelassen mit ihm Hand in Hand, ganz dem Flug der Vögel zugewandt. Herzerwärmend nicht, dieses Rauschen, dieses Rauschen der See. Ach, Herr B dies wäre so schön. Weit, weit weg von hier. Mit ihr, der Frau, der Frau…


Epilog

Die Zeitung flattert abrupt zu Boden, die Pausenklingel schrillt und reißt Herr B aus seinem Schlaf. Er sieht wie immer auf die erste Seite und sein Lächeln erstarrt zu einer Grimasse. Dann hustet er und schaut verdattert zu seinem Kollegen, der ebenso wie er eingeschlafen ist. Ich glaube wir müssen wohl wieder, tippt er ihn dann unsanft auf die Schulter, um jede weitere Berührung zu vermeiden. Ganz so als wäre diese Welt nur ein schlechter Traum, aus dem er aufzuwachen versucht. Als wäre alles künstlich und ihm ekelhafterweise zugewandt. Er schüttelt sich kurz bei dem Gedanken und verlässt stumm den Pausenraum. Um Zehn, mürrisch, nur jeden Tag mehr.



*veröffentlicht in "Freie Räume - Anthologie zum Wiener Werkstattpreis 2017"