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Alt 09.08.2017, 21:21   #1
Liara
Melody of Time
 
Registriert seit: 12.02.2017
Beiträge: 280
Standard Der Ausflug

Ein kleiner Junge steht auf der Fensterbank. Die Schildmütze mit dem bunten Logo tief ins Gesicht gezogen. Seine dicken Locken quellen darunter hervor. Ein buntes Ringelshirt steckt in den dunkelblauen Shorts. Mit Turnschuhen und Söckchen steht er seit Ewigkeiten. Nichts lässt ihn den Platz verlassen. Kein Wort. Kein Zureden. Ein Rucksäckchen gepackt mit Vesper, Tee, einigen Matchboxes und Bilderbüchern hängt ihm an den Schultern. Im Arm ein Teddy, fest an den Körper gedrückt. Unten läuft sein Freund vorbei und winkt. Er winkt nicht zurück. Kein Wort kommt von den Lippen, kein Lächeln verzieht seinen Mund. Unbeweglich steht er, bis in die Mutter von der Fensterbank nimmt. Fest hält sie ihn in den Armen, während ein vergesslicher Vater irgendwo arbeitet.

Geändert von Liara (20.08.2017 um 14:08 Uhr)
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Alt 10.08.2017, 11:31   #2
Chavali
ADäquat
 
Benutzerbild von Chavali
 
Registriert seit: 07.02.2009
Ort: Magdeburg - die Stadt Ottos des Großen
Beiträge: 10.521
Standard

Liebe Liara,

mich irritierte der Einstiegssatz:
Zitat:
Ein kleiner Junge steht auf der Fensterbank.
Hui, dachte ich, der fällt da doch nicht etwa runter?
Dann aber war klar, worum es geht in der Geschichte.
Vielleicht magst du steht in sitzt umtauschen oder steht am Fenster schreiben?

Das Gleichnis eines verlassenen Kindes mit Sehnsucht nach dem Vater hast du
in wenigen Worten eindringlich herausgestellt.
Man fühlt tiefes Mitleid.


Lieben Gruß,
Chavali

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Die schwerste aller Sprachen ist scheinbar Klartext.
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Alt 10.08.2017, 21:50   #3
Liara
Melody of Time
 
Registriert seit: 12.02.2017
Beiträge: 280
Standard

Liebe Chavali,

hier habe ich versucht eine Kürzestgeschichte zu schreiben. Soweit verdichten wie möglich, ohne in ein Gedicht zu verfallen.

Es ist ein Sinnbild für all die, von ihren Vätern vergessenen Kindern. Leider sind das nicht nur Einzelfälle.

Den stehenden Anfang auf dem Fenstersims möchte ich gerne stehen lassen. Er rüttelt auf (beinhaltet eine indirekte Warnung) und verstärkt die Tragik der Erzählung.

Danke für deinen verständnisvollen, einfühlsamen Kommentar.

Liebe Grüße
Liara
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Alt 12.08.2017, 19:25   #4
Felix
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 20.11.2016
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 328
Standard

Liebe Liara,
zwei Bemerkungen: Der Knabe steht da seit ein paar Stunden - zwei, drei, vier? Mein lieber Schwan!
Du wolltest "verdichten"?
Dieser Begriff taucht immer wieder auf, vor allem, wenn es darum gehen soll, dass Gedichte etwas mit verdichten zu tun haben sollen.
Müssten dann die Autoren nicht "Verdichter" genannt werden?
Ahd. tihtōn, mhd. tihten, weist aber eher auf "schreiben" hin und Schillers Kampf mit dem Drachen oder Die Glocke sind z.B. so lang, dass von "verdichten" im Sinn von "so kurz, so dicht wie möglich", keine Rede sein kann.
Dichter nannte und nennt man auch Poeten und meint damit einen Verfasser sprachlicher Kunstwerke. Die können sehr üppig, sehr knapp sein, aber einen Poeten zu einem Verdichter zu ernennen, halte ich für Quatsch.
Liebe Grüße,
Felix
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Alt 12.08.2017, 20:16   #5
Liara
Melody of Time
 
Registriert seit: 12.02.2017
Beiträge: 280
Standard

Lieber Felix,

also meine Prosatexte liegen dir scheinbar gar nicht. Aber "verdichten" ist nicht das richtige Wort, das hast du allemal Recht. Es handelt sich hier ja um kein Gedicht.

Hier handelt es sich um eine Kürzestgeschichte, also noch weniger wie um eine Kurzgeschichte (auf's notwendigste verkürzt und nicht verdichtet). Das wird in der Literatur differenziert. Ich habe dir mal ein paar schlaue Sätze von Wikipedia darüber für dich hierherzitiert:


Kürzestgeschichte

Die Kürzestgeschichte ist eine Gattung der deutschen Gegenwartsliteratur. Es handelt sich dabei um Prosatexte von maximal zwei bis drei Seiten Länge, die bestimmte Merkmale anderer Kurzprosagattungen auf sich vereinen.

Merkmale

Ein zentrales Merkmal der Kürzestgeschichte ist die literarische Gestaltung von scheinbar unbedeutenden – thematischen wie auch sprachlichen – Einzelheiten. Hierbei wird aber nicht unbedingt, wie in der Kurzgeschichte, ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit des Einzelfalles erhoben. Kürzestgeschichten sind nicht immer narrativ; wegen der extremen Kürze kann der Erzählstrang nur angedeutet oder gar nicht vorhanden sein. In diesen Fällen geht es eher um die Wiedergabe eines momentanen Eindrucks oder Gedankens. Ort, Zeit und Personen der Handlung sind nicht genau bestimmbar, sondern nur skizziert oder ganz offen gehalten.

Die Autoren von Kürzestgeschichten entwickeln einen subjektiven, psychologischeren Stil (im Darstellen kleiner Lebensabschnitte), sowohl was die Perspektive, als auch was die Wahl der Stoffe und Themen angeht. Auch satirische, surreale und groteske Elemente werden verarbeitet; die Texte bekommen einen experimentellen Charakter. Ein stärkeres Bewusstsein für die sprachliche Form kommt auf, was eine größere Nähe zur Lyrik bewirkt.

Ein bisschen gekürzt und zusammengefasst, aber vielleicht verstehst du meine kleine Geschichte unter diesen Gesichtspunkten etwas besser.

Auch meine andere Geschichte "Das Treffen" fällt unter dieses Genre. Allerdings sind es meine ersten Versuche, aber ich habe mir extrem viel Mühe damit gemacht. Und um es vorweg zu nehmen. Beide Geschichte belaufen sich im Rahmen tatsächlich möglicher Geschehen, auch wenn es surreal wirkt.

Liebe Grüße
Liara

Geändert von Liara (12.08.2017 um 20:22 Uhr)
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Alt 15.08.2017, 10:11   #6
Kokochanel
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.07.2016
Ort: NRW
Beiträge: 1.159
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Liebe Liara,

habe lange überlegt, ob ich das Werk kommentieren soll, aber da du schriebst, du hast dir viel Mühe damit gemacht, möchte ich ein paar Gedanken dazu äußern.
Die Szene ist als Bild gelungen, man kann mitfühlen mit dem kleinen Jungen, denn dass „vergessene“ Kinder kein Einzelfall sind, ist sicherlich unbestritten.
Es soll zwar eine Art lyrische Kurzprosa sein, aber mir fehlt mir das Poetische. Auf mich wirkt es wie eine Beschreibung.
Ich würde also die Gefühle verstärken, indem ich Bilder einsetze, die die Gefühle des Kindes symbolisieren. Dass Vater nicht kommt, ist ausschlagebend, nicht, dass er arbeitet. (Aus Sicht des Kindes). Auch dass er auf einen Ausflug wartet, kommt nur im Titel. Mir ist das zuwenig.
Die Kurzsätze hingegen sind typisch für Kurzprosa, auch die Namenlosigkeit. Im Grunde bleibt der Junge unbekannt. Bis auf die kleine Szene. Typisch für Kurzprosa.

Ich habe es mal verändert, so wie ich es schreiben würde. Nimm dir, was du gebrauchen kannst:

Ein kleiner Junge steht auf der Fensterbank. Die Schildmütze mit dem bunten Logo tief ins Gesicht gezogen. Angestrengt schaut er auf die belebte Straße. Der Wind bauscht die geblümte Gardine, die sich wie schützend um seine zarten Schultern legt.
Er hat sich ausgehfein gemacht, sein coolstes Outfit angezogen: Das bunte Ringelshirt, seine dunkelblauen Shorts und seine Lieblingsturnschuhe. Vater soll stolz auf ihn sein, wenn er mit ihm den versprochenen Ausflug macht.
Der Kleine starrt auf die Straße, nun schon eine Stunde lang. Das Rucksäckchen, gepackt mit Vesper, Tee, einigen Matchboxes und Bilderbüchern drückt ihm an den Schultern. Er spürt es nicht. Er umklammert seinen Teddy, fester und fester, je mehr Zeit vergeht.
Unten läuft sein Freund vorbei und winkt. Er winkt nicht zurück. Kein Wort kommt von den Lippen, kein Lächeln verzieht seinen Mund. Unbeweglich steht er da, ein paar Stunden lang, sieht unzählige Autos in die Straße einbiegen, parken, Menschen steigen aus. Vaters blauer Van ist nicht dabei.
Irgendwann nimmt Mutter ihn von der Fensterbank, hält sie ihn in den Armen. Er weint nicht.


LG von Koko


PS. @Felix
Die Diachronie zeigt uns, dass Wörter sich in ihrer Konnotation verändern. Über das Wort „dichten“, seinen Ursprung und seine Bedeutungsentwicklung hin vom „Aufschreiben“ bis hin zum „Etwas Ersinnen, das poetisch ist“ gibt es verschieden Thesen. Deine ist eine davon.
Hier aber wiederum nur dazu angetan, eine Autorin süffisant zu maßregeln, denn dass Liara „verdichten“ im Sinne von „komprimieren“ meinte, ist doch völlig klar.
Lyrik ändert sich, Prosa ändert sich, Sprache ändert sich und die diachronische Sprachforschung hat genau zum Ziel, diese Entwicklungen zu beleuchten und wissenschaftlich zu erfassen.
Deine Argumentation ist irgendwo in der Vergangenheit angesiedelt. Sowohl moderne Kurzprosa ( verdichtet, komprimiert) hat heute ihre Daseinsberechtigung ebenso wie auch alte Epen, Dramen, lange Balladen.
Dies grundsätzlich. Und völlig abstrahiert von diesem Werk hier.
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Alt 15.08.2017, 10:12   #7
Erich Kykal
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Hi Liara!

"... , bis ihn die Mutter von der Fensterbank nimmt."

Ein eindrückliches Bild hast du da gewoben, das sicher so manche Leser dank entsprechender eigener Erfahrungen nachempfinden können.

Erwachsene tendieren mitunter dazu, die "kleine" Welt ihrer Kinder zu bagatellisieren und vergessen dabei, dass es genau diese kleine Welt ist, die später groß wird ...
Diese kleine Welt past zu den kleinen Menschen, die sie bewohnen, und der Schmerz, den sie dort erfahren, ist für sie eben nicht klein, sondern im Verhältnis ebenso groß wie jener, den die Großen in ihrer großen Welt erleiden.
Zuweilen größer, weil sie noch so naiv, vertrauensvoll und verletzlich sind ...

Gern gelesen!

LG, eKy
__________________
Weis heiter zieht diese Elend Erle Ute - aber Liebe allein lässt sie wachsen.
Wer Gebete spricht, glaubt an Götter - wer aber Gedichte schreibt, glaubt an Menschen!
Ein HAIKU ist ein Medium für alle, die mit langen Sätzen überfordert sind.
Dummheit und Demut befreunden sich selten.
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Alt 18.08.2017, 17:50   #8
Felix
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Hallo Kokochanel,
durch Fettschrift wird eine Behauptung nicht richtiger.
"Hier aber wiederum nur dazu angetan, eine Autorin süffisant zu maßregeln, denn dass Liara „verdichten“ im Sinne von „komprimieren“ meinte, ist doch völlig klar."
Mir käme es nie in den Sinn, einer Autorin und schon gar nicht Liara mit Süffisanz zu begegnen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Liara meine Bemerkungen zum "verdichten" nicht als Überheblichkeit empfunden hat.
Dein pädgogischer Impetus ehrt Dich, ist aber hier völlig deplatziert.
Gruß,
Felix
Felix ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 18.08.2017, 18:48   #9
Liara
Melody of Time
 
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Liebe Koko, lieber Eky,

bitte entschuldigt meine verspätete Antwort. Nach einem Unfall und aus persönlichem Anlass bin ich kurzfristig nur sehr kurz auf der Insel. Ich habe mich wirklich sehr über eure Antworten gefreut und werde, sobald ich mich ein bisschen erholt habe, ausgiebig darauf eingehen. Diese (und die andere Kürzestgeschichte) liegen mir sehr am Herzen, deshalb bin ich über eure Kommentare sehr dankbar.

Lieber Felix,

du weißt, ich bin extrem friedfertig und gutmütig und kein bisschen nachtragend, aber deine Kommis hier und unter der anderen Geschichte haben mich doch etwas getroffen. Ich habe da viel Herzblut reingehängt. Für überheblich halte ich dich aber nicht.

Vielleicht kann jemand bei Gelegenheit einen weiteren kleinen Kommi druntersetzen, damit ich keinen Doppelpost machen muss, wenn ich wieder fit bin.

Ich danke euch und wünsche euch ein ruhiges, gemütliches Wochenende
mit vielen, lieben Grüßen
Liara

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Alt 18.08.2017, 20:54   #10
Chavali
ADäquat
 
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Liebe Liara,
Zitat:
Vielleicht kann jemand bei Gelegenheit einen weiteren kleinen Kommi druntersetzen,
damit ich keinen Doppelpost machen muss, wenn ich wieder fit bin.
gern habe ich deine Geschichte noch einmal gelesen und auch die Kommentare dazu.
Dass du einen Unfall hattest und dass es dir nicht gut geht, tut mir leid.
Ich wünsche dir gute Besserung und dass du bald wieder bei uns sein kannst

Lieben Gruß,
Chavali
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