Gedichte-Eiland  

Zurück   Gedichte-Eiland > Gedichte > Liebesträume

Liebesträume Liebe und Romantik

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 18.11.2017, 23:02   #1
Kokochanel
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.07.2016
Ort: NRW
Beiträge: 1.159
Standard Selbst

Selbst

Die Inszenierung


Er rief nach ihr. So viele stumme Lieder
besangen sie in mancher stillen Nacht,
die er in diesem Hause hat durchwacht.
So viele und sie kamen immer wieder.

Stets war es doch dieselbe Melodie,
die sanft beklagte, was verloren war,
nicht in die rechte Zeit geboren war.
Das dumpfe Weh des immer gleichen Nie.

Er nahm die Frauen wie sie grade kamen,
die Damen, die viel gaben und nichts nahmen.
Und wieder sank ein Abend, nebelgrau,

der ihm die Lieder spann wie blaue Seide
um diese unerreichbar ferne Frau,
und Kerzenschein vergoldete sein Leide.

Die Reduzierung


Nun liegt er hier und nichts ist ihm mehr nah.
Die Weißbetuchten schwirren wie die Bienen.
Sie sprechen leise, ernst sind ihre Mienen.
Jetzt sieht er Frauen wie er nie sie sah,

die zu ihm sprechen wie zu einem Kind.
Was wollen sie von ihm, den sie nicht kennen,
doch seinen Namen sanft und sachlich nennen?
Der Schrank dort, sagen sie, sei nun sein Spind.

Kein Bild hängt an der Wand, das ihm verriet,
wer er wohl wäre und alle jene Fremden,
die kommen mit den Taschen frischer Hemden.

Doch ist da dieses eine stumme Lied,
das heimlich tief in seinem Innern schwingt.
Und eine Fremde sagt: „Es wird! Er singt.“
Kokochanel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.11.2017, 08:28   #2
Erich Kykal
TENEBRAE
 
Benutzerbild von Erich Kykal
 
Registriert seit: 18.02.2009
Ort: Österreich
Beiträge: 6.857
Standard

Hi Koko!

Trefflich geschrieben!

Wie sagte Goethe's Faust? - Beim Ersten hat man freie Wahl, beim Zweiten sind wir Knechte ...

Jedes Leben endet, ob gut und nachdenklich selbstreflexiv gelebt oder so eitel, oberflächlich und nach außen gerichtet wie in diesem Beispiel.
Ja, man könnte den gewinnenden Charme dieses Don Juan sogar als positives Talent werten, womit er andere beschenkte und erhob - ich sehe es eher als Kompensationsversuch eines tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplexes.
Wie auch immer - ob Philosoph oder Taugenichts (für manche kaum ein Unterschied! ), wir alle enden, und manche enden schon bei lebendigem Leib!

Tragisch. Aber es geht vorbei ...

Sehr gern gelesen!

LG, eKy
__________________
Weis heiter zieht diese Elend Erle Ute - aber Liebe allein lässt sie wachsen.
Wer Gebete spricht, glaubt an Götter - wer aber Gedichte schreibt, glaubt an Menschen!
Ein HAIKU ist ein Medium für alle, die mit langen Sätzen überfordert sind.
Dummheit und Demut befreunden sich selten.
Erich Kykal ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.11.2017, 11:25   #3
mallarme
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 20.03.2017
Ort: Ostsachsen
Beiträge: 153
Standard

Liebe Koko,
der Glanz der Selbstinzenierung verrät
eben meist nicht die Nöte Dessen der
sie betreibt. Man kann sie erahnen,
nur selten sind sie eindimensional und
sofort durchsichtig. Du deutest es an.
Das Ende, ja so kann es sein, aber Du
lässt ja einen Hoffnungsschimmer auf-
keimen, das ist gut so, auch wenn das
Leiden dann wieder von vorn beginnen
würde.Ändern wird sich nichts.
War interessant zu lesen.
Grüße
mall
mallarme ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.11.2017, 18:03   #4
Kokochanel
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.07.2016
Ort: NRW
Beiträge: 1.159
Standard

Ja, lieber Erich, so philosophisch wie du es bedenkst, so war es auch gemeint. Es stecken viele Facetten darin, viele Themen, nicht nur eine etwaige Liebesgeschichte. Ich habe dieser "Persönlichkeitsstruktur" einige Gedichte gewidmet, weil ich es ähnlich empfand wie du. Nicht der glorreiche Sieger, sondern eher der verhärmte, der sich selbst nicht findet und anerkennen kann. Lieben Dank.

Ja, lieberMall, diese Charaktere sind faszinierend und diese fiktive "Persönlichkeit" hat mir oft Muse gestanden für ein Gedicht, weil der Charakter interessant und vielschichtig ist.
Es freut mich, dass du den Dopplsinn von der Fremden am Schluss empfunden hast. Es kann genau DIE sein. Aber es kann auch jemand wirklich Fremdes sein. Oder es ist seine eigene Frau, die er nicht erkennt. Kafkaesk und unausweichlich. So wollte ich es haben. und so ist es, denke ich.
Danke auch dir .

Euch beiden liebe Grüße von Koko
Kokochanel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.11.2017, 16:17   #5
Ophelia
Eiland-Dichter
 
Benutzerbild von Ophelia
 
Registriert seit: 10.05.2016
Beiträge: 89
Standard

Liebe Koko,

mir gefallen deine Verse sehr. Sie enthalten so tolle Formulierungen wie Z.B. " Das dumpfe Weh des das immer gleichen Nie" . Ich kenne diesen Typen nur zu gut, der reihenweise die Frauen nach Hause schleppte und sich nie gebunden hat ist, weil er immer hoffte, es kommt noch eine bessere, die Besondere, und der wahrscheinlich auch eine Riesenangst davor, dass er sich verliebt und dann verlassen wird. WIe dem auch sei, du hast diesen Charakter wirklich großartig beschrieben und sein Ende ist irgendwie bitter und traurig, obwohl er singt oder vielleicht gerade weil er singt. Da tut er mir richtig leid.

LG Ophelia
__________________
Vom Tod erwart ich Leben und vom Schweigen ein Wort.
Baratynsky
Ophelia ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen


Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)
 
Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Selbst bei den Schweden Walther Satire Zipfel 0 25.02.2016 15:04
Selbst ist der Mann Herbstblatt Der Tag beginnt mit Spaß 5 27.08.2010 18:36
Von selbst a.c.larin Ein neuer Morgen 4 09.04.2010 07:50


Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 15:32 Uhr.


Powered by vBulletin® (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2017, Jelsoft Enterprises Ltd.

http://www.gedichte-eiland.de

Dana und Falderwald

Impressum: Ralf Dewald, Möllner Str. 14, 23909 Ratzeburg