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Alt 20.10.2017, 18:02   #1
Sidgrani
Von Raben umkreist
 
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Registriert seit: 27.12.2009
Ort: Am Niederrhein
Beiträge: 983
Standard Thema Oktober II: Abschied und Ankunft

Die letzte Nacht, sie sah mich träumen,
so wirklich war noch nie ein Traum.
Ein weißes Licht entstieg den Bäumen
und führte mich in einen Raum
voll froher Menschen und Gedanken,
ihr leises Lachen klang befreit.
Ich sah die Zuversicht der Kranken,
sie waren allesamt bereit.

Ein junges Mädchen ohne Haare
half einem dürren alten Mann,
der sich erhob von seiner Bahre
und alte Kraft zurück gewann.
Der Junge, der so lang vergebens
geduldig und voll Hoffnung war,
begreift nun bald den Sinn des Lebens,
vergisst sein letztes schlimmes Jahr.

Dann, unter fein gewebten Klängen,
verbreitete sich heller Schein,
und ohne Hast und ohne Drängen
schritt Groß und Klein ins Licht hinein.
Ich spürte einen tiefen Frieden
und freute mich für all das Glück,
das diesen Menschen hier beschieden,
dann holte mich ein Laut zurück.
__________________
Alle meine Texte: © Sidgrani

"Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch"

»Erich Kästner«

Geändert von Sidgrani (31.10.2017 um 12:44 Uhr) Grund: Hinweis von Thomas
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Alt 21.10.2017, 08:08   #2
Thomas
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Benutzerbild von Thomas
 
Registriert seit: 24.04.2011
Beiträge: 2.225
Standard

Lieber Sidgrani,

ein sehr eindrucksvolles und gutes Gedicht, finde ich. Einzig zur Schlusszeile "dann holte mich der Traum zurück." möchte ich etwas zu bedenken geben.

Mir erscheint es nicht ganz stimmig, dass der Traum selbst ins Leben zurückholt. Denn eigentlich holt nicht der so "wirkliche" Traum zurück, sondern eher etwas wie die Morgendämmerung oder ein Geräusch, ein Stöhnen, welche den Traum als Traum – und mit ihm die dahinter liegende Wirklichkeit – verschwinden lässt – und somit in die "wirkliche" Wirklichkeit zurückführt.

Vielleicht verstehe ich aber auch nicht ganz, was du ausdrücken willst.

Liebe Grüße
Thomas
__________________
© Ralf Schauerhammer

Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft. Friedrich Schiller
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Alt 21.10.2017, 09:40   #3
Kokochanel
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.07.2016
Ort: NRW
Beiträge: 1.130
Standard

Lieber Sid,

Die Welt zwischen Tod und Leben, ein Licht, der Schlaf als "kleiner Tod" und als Begleiter und Zwischending der Traum, der ja sehr real und echt wirken kann.
Der Traum von der Erlösung bei schwerer Krankheit, sinnbildlich auch als der Wunsch.
Hier steck viel drin in deinen Zeilen.
Thomas' Anmerkung zum "Zurückholen"schließe ich mich an.
Vielleicht:
Dann holte mich der Tag zurück?
Es könnte ja auch ein Tagtraum sein...

Thema super umgesetzt, denn was könnte vergänglicher sein als ein Traum...

Magst mal meine Kurzgeschichte Der Spiegel lesen? Irgendwie traut sich da keiner ran an einen Kommi.

LG von Koko
Kokochanel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.10.2017, 12:35   #4
syranie
wilder Engel
 
Benutzerbild von syranie
 
Registriert seit: 12.02.2009
Ort: Schleswig - Holstein
Beiträge: 2.077
Standard

Lieber Sid,
Dein Gedicht ist herausragend! Der Stil, die Idee und die Sprache sind rundumgelungen.
Ich habe dabei gedacht, vielleicht gehen die Kranken in den Tod " helles Licht" vielleicht auch in die Zuversicht. Für mich ist Beides möglich.
( ich möchte eigentlich mehr sagen, aber mein PC ist Schrott und ich tippe mit dem Handy und bin da nicht so fit.
Das Traumbild am Ende würde ich ändern. Ich gebe Thomas recht.

Ein tolles Gedicht !★

Liebe Grüße sy

Blume hoch 3
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Erich Kykal Katzenmorgen --- Lailany Wilde Pferde

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Alt 31.10.2017, 12:43   #5
Sidgrani
Von Raben umkreist
 
Benutzerbild von Sidgrani
 
Registriert seit: 27.12.2009
Ort: Am Niederrhein
Beiträge: 983
Standard

Lieber Thomas,

ich freue mich, dass dir dieses Gedicht so gut gefällt. Die nicht logische Schlusszeile - das war mir überhaupt nicht aufgefallen - muss ich tatsächlich ändern. Dein Hinweis auf das Geräusch ist die Lösung, danke.

Liebe Grüße
Sid


Liebe Koko, liebe sy,

auch über eure anerkennenden Worte und eure Gedanken zum Thema freue ich mich.

Danke und liebe Grüße
Sid
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»Erich Kästner«
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Alt 05.11.2017, 13:14   #6
fee_reloaded
heimkehrerin
 
Registriert seit: 19.02.2017
Ort: im schönen Österreich
Beiträge: 336
Standard

Ein großes Thema sehe ich hier mit angenehmer Leichtigkeit - oder besser Schlichtheit - angegangen, lieber Sidgrani!

Der Lieblings-Onkel meines Mannes ist eben erst diesen Weg gegangen und hat der Familie sehr nachdrücklich genau diese Botschaft mitgegeben: es war gut, dass das Leiden endlich ein Ende fand und er wollte es so. Er hatte den Punkt erreicht, an dem der Kampf gegen die Krankheit an Sinn verloren hatte, weil das Leben nicht mehr lebenswert für ihn war. Dementsprechend war auch die Verabschiedung sanft und unaufgeregt, das Loslassen nicht ganz so schwer.

Oft hört man ja im Kreise der Hinterbliebenen nach längerer Leidenszeit des Verstorbenen, dass der Tod diesem endlich die ersehnte Erlösung brachte und "dass es schon gut so" war...doch selten klingt es auch überzeugend bzw. überzeugt...dein Gedicht aber leistet genau das: eine Aussage, in der die gelungene Aussöhnung mit dem Tod durchklingt... und auch damit, dass man selbst noch ein Weilchen hier verweilen darf und sein Leben genießen.

Ankunft eben. "Drüben" wie auch hier.

Das ist sehr schön zu lesen! Danke!

Lieber Gruß,
fee
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mei inglisch, set is rihli bed, mei pronansjeeschn tuu,
end set is, wei it dreivs mi med tu reim se weh ei du.

schö parl ön pötti pöh frongsseh, meh sa nö süffih pah
a fehr ün poähm elöveh. sölmong komm si komm sa.
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