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Alt 24.07.2009, 23:05   #1
wolfgang
Eiland-Dichter
 
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Beiträge: 42
Standard Überlegungen zum Tanka

Grundsätzliche Überlegungen zum Schreiben von Tankas

Meiner Meinung nach gibt es nur zwei Typen von Tankas. Ich nenne sie: analytisches und synthetisches Tanka. Begriffe wie Analyse und Synthese sind in der Lyrik bekannt, da sie den Aufbau eines Gedichts bezeichnen. Doch soweit ich in Erfahrung bringen konnte, hat man diese Begriffe bisher noch nicht auf das Tanka angewendet. So nehme ich mir also die Freiheit und benenne mit ihnen die beiden Typen. Meiner Meinung nach gibt es nur deshalb zwei Typen, weil ich das Tanka von seinen Enden her begreife, also von den beiden letzten Zeilen. Diese beiden letzten Zeilen fassen zusammen oder differenzieren das vorher geschriebene. Da ihre Möglichkeiten sich damit erschöpfen, kann ich sie als synthetisch oder als analytisch bezeichnen.* Dazu gebe ich typische Beispiele aus meiner eigenen Schreibpraxis.

Synthetisches Tanka:

Sieh, wie die Wolken
Berg und Sonne umkränzen,
als küssten sie sich.
Wenn du mich einst so umarmst,
darf ich dich dann Frau nennen?

analytisches Tanka:

Sternschnuppen regnen -
Liebe schnürt mir das Herz ein,
ich verwünsche sie.
An der Seite die Liebste,
im Kopf die Verflossene.

Untersucht man nun die Enden der beiden Tankas und vergleicht sie mit obiger Erklärung oder mit anderen Tankas, so wird man die Richtigkeit meiner Ansicht erkennen. Zieht man und die ersten drei Zeilen eines Tankas in Betracht kommt man auf abgewandelte Modelle für beide Typen.

Das analytische Tanka kann ich z. B. so erklären, dass ich die ersten drei Zeilen als Behauptung nehme und die beiden letzten Zeilen als Begründung. Statt Behauptung kann man auch Wünsche, Aussprüche, Befehle u. s. w. nehmen und dann begründen. Das sind Abwandlungen, die aber alle auf dem gleichen Schema beruhen.* *
Das synthetische Tanka kann ich nun nach dem gleichen Schema wie oben erklären: in den ersten drei Zeilen stellt man einen Umstand dar und zieht daraus einen Schluss. Statt eines Umstands kann man auch ein Bild, ein Gefühl, ein Gedanke u. s. w. darstellen und daraus dann einen Schluss ziehen.

Erlaubt sind alle Stilmittel. Die Klassiker haben oft Parallelismen und Metaphern verwendet, doch man kann anwenden, was beliebt.

Das Tanka ist eine typisch japanische Form der Lyrik. Das genaue Entstehungsdatum dieser Gedichtform ist unklar und liegt irgendwo im Dunkel der japanischen Geschichte. Ans Licht tritt das Tanka erst in den Aufzeichnungen alter Begebenheiten, kurz, Kojiki. Diese war von der Kaiserin Gemmei (681-722) veranlasst worden. Sie war es auch, die eine zweite Sammlung herausbringen lies.* Das waren die so genannten Aufzeichnungen über Brauchtümer und Land, kurz, Fudoki. Somit fällt die offizielle Geburtsstunde auf die Jahre 711/ 12 und 713. Bald danach, um 760, entstand die bis heute bekannteste der älteren Anthologien, sie hieß: Zehntausend-Blätter-Sammlung, kurz, Manyoshu. Die Anzahl der dort gesammelten Gedichte ist wirklich imposant. Das Manyoslu enthält insgesamt 4496 Gedichte, von denen 4173 Tankas sind. Was zeigt, wie beliebt das Tanka schon damals war.

Allerdings hatte es damals noch einen anderen Namen. Weil es für den Gesang verwendet wurde, nannte man es uta, kurz, Lied, oder auch: jamata uta, japanisches Lied. So wurde es bei allerlei Anlässen vorgetragen, z. B. bei Verlobungen, Hochzeiten, oder auch zum Neujahrsfest bei Hofe.* **

Unklar ist jedoch, wie das Tanka zu seinen 31 Silben kam. Wahrscheinlich gibt es dafür mehrere Gründe. Einer war ein historischer: die japanischen Gelehrten verwendeten chinesische Schriftzeichen, während die Frauen, da meist weniger gebildet, mit der japanischen Silbenschrift Vorlieb nehmen mussten. Auf das uta hatte das die Auswirkung, dass es mit beiden Schriftsprachen vermischt wurde. Ein weiterer Grund liegt im Japanischen selbst begründet. Denn die japanische Sprache hat viele kurze Silben. Somit eignet es sich zur Silbenzählung. Zu guter Letzt gibt es einen ganz praktischen Grund: man passte die Länge der Zeilen der Darbietung an. Auf diese vielfältigen Wege hat das Tanka seine 31 Silben bekommen.*

Wie jedes Genre hat auch das Tanka seine Helden und Heldinnen. Aus Platzgründen wähle ich von den frühen Klassikern nur einige aus, diese sind:

Kakinomato no Hitomaro, über ihn selbst ist wenig bekannt, aber er soll in der Zeit von 689 - 700 aktiv gewesen sein. Das Tanka wurde vielfach für kultische und formale Zeremonien gebraucht. Hitomaros Verdienst war es, dass Tanka zu erneuern. Das gelang ihm, indem er es in Ausdruck und Sichtweise* individueller machte. Außerdem war er der erste professionelle Tanka - Dichter.

Kasa no Iratsume, über sie ist sehr wenig bekannt. Sie lebte irgendwann im 8. Jahrhundert und war die Geliebte von Otomo no Yakamochi. Legendär wurde sie durch ihre Liebesgedichte an ihn. Unbekannt ist auch wie lange ihre Liebe anhielt. Ihre Gedichte jedoch haben überdauert.

Otomo no Yakamochi, er lebte etwa von 718 - 785. Sein Name ist eng mit dem Manyoshu verknüpft. Denn er stellte es zusammen und nahm auch eigene Gedichte mit auf. Yakamochi durchbrach Klischees, z. B. das man den Frühling als heiter darzustellen habe; für ihn war es eher eine Zeit der Wehmut.

Die Dame Ise, sie lebte etwa 877 - 938. Ise war die erste Frau, die hauptsächlich wegen der Kraft ihrer Gedichte berühmt wurde.* Mit anderen Worten, sie war schön und hatte eine moralische Haltung, doch die fielen weniger ins Gewicht.
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