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Alt 31.03.2017, 10:03   #1
Chavali
ADäquat
 
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Ort: Magdeburg - die Stadt Ottos des Großen
Beiträge: 10.055
Standard Liebe verzeiht?

Eine meiner Freundinnen rief mich an, ob ich sie kurzfristig besuchen könne.
Und nun sitze ich hier in ihrem tiefen Sessel und sie hockt angespannt auf der Couch.
Erzählt mir mit bebenden Lippen von ihrem Mann, dem sie vertraut und der sie betrügt -
eine Liebschaft, eine Affäre, ein Verhältnis oder was auch immer....

Meine Gedanken schweifen ab und ich kann nicht mehr richtig zuhören.
Ich denke an meinen Mann, dem ich selbstverständlich vertraue. Selbstverständlich?
Was ist schon selbstverständlich. Auch diese Selbstverständlichkeit muss erst einmal erworben,
erarbeitet werden und erhalten bleiben.

Mein Mann würde mich nie betrügen - davon gehe ich aus. Kann ich wirklich davon ausgehen?
Gegen dieserart Versuchung ist doch niemand gefeit!
Trotzdem, nein, meiner liebt mich zu sehr, das würde er nicht übers Herz bringen
und damit unsere Ehe gefährden.

Was soll ich tun, fragt meine Freundin.
Das ist nicht so leicht zu beantworten, sage ich.
Wenn du ihn liebst, verzeihe ihm. Liebe verzeiht. Folge deinem Gefühl, deinem Bauchgefühl.
Verzeihe ihm so lange, bis du es nicht mehr kannst. Rede mit ihm, frage ihn nach dem Grund,
dann siehst du klarer.
Sie weint leise und bleibt stumm.

Wir haben einen Garten, etwas außerhalb der Stadt.
Meist fährt mein Mann nach der Arbeit noch hin und am Wochenende sind wir beide da.
Was, wenn er gar nicht im Garten ist wochentags? Wenn er auch eine heimliche Geliebte hat?
Wieso zweifele ich plötzlich...

Meine Freundin weint immer noch. Schau mal, spreche ich ihr Mut zu. Such das Gespräch, in aller Ruhe.
Denk darüber nach, wie sehr du ihn liebst und wie dein Leben ohne ihn wäre.
Stolz hin oder her. Liebe fragt nicht nach Stolz, Liebe ist Gefühl.
Sie lächelt mich an und ich nehme sie in den Arm.
Ich wünsch dir alles Glück der Welt, sage ich zum Abschied.

In dieser Nacht kommt mein Mann nicht nach Hause. Aus seinem Handy spricht die Computerstimme,
dass er nicht zu erreichen wäre.
Mir wird heiß und kalt und mein Herz klopft bis über den Kopf, als er endlich die Tür aufschließt.
Ich falle ihm um dem Hals: Um Himmels willen, was ist passiert?
Nichts, was nicht schon längst passiert ist, sagt er kühl und schiebt mich weg.

Nein, ich habe es nicht geahnt, nicht wissen können.
Werde ich ihm jemals verzeihen?
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Alt 03.04.2017, 11:07   #2
syranie
wilder Engel
 
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Ort: Schleswig - Holstein
Beiträge: 1.867
Standard

Liebe Chavali,

Deine Prot. ist eine mitfühlende Freundin. Sie wirkt lebenserfahren, auch versucht sieihre Freundin zu trösten, die von ihrem Mann betrogen wird. Als sie selber feststellt, das in ihrem Leben nicht alles so ist, wie sie es sich denkt, werden ihr die Grenzen für Verständnis bewußt. Denn ob sie, die nun betroffen ist vom Betrug ihres Mann das verzeihen kann bleibt offen. das du das Ende offen läßt finde ich gut, das gibt Freiheit für den Leser....

Ich meine das muß jeder für sich selbst entscheiden, da gibt es keine Wahrheit.

Eine Geschichte die in die Mitte unserer Gesellschaft trifft, es gibt viele Paare, die daran scheitern, weil Treue und Vertrauen verloren gehen und weil Verzeihen und Beieinanderbleiben Kraft und Liebe kosten. Aber wenn die Zeit und deren Liebe füreinander groß ist, dann kann eine neue, andere Liebe zwei Menschen wieder zusammenwachsen lassen.

Sehr gerne gelesen und rüber nachgedacht sy

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Erich Kykal Katzenmorgen --- Lailany Wilde Pferde

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Alt 03.04.2017, 11:44   #3
Chavali
ADäquat
 
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Liebe sy,

ich freue mich, dass du die Geschichte gelesen und geantwortet hast

Du hast mein Anliegen sehr gut erkannt - denn oft ist es so, dass man bei sich selbst andere Maßstäbe anlegt.

Vielen Dank

Und ehe noch eine besorgte Anfrage kommt: Die Geschichte ist fiktiv

Lieben Gruß,
Chavali
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Alt 04.05.2017, 12:30   #4
Kokochanel
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Ich habe deine Geschichte gerne gelesen, liebe Chavali und mir kommt die "gehäufte Form von Fremdgehen" ein bisschen unwahrscheinlich vor. Dennoch ist es ja nur eine Geschichte, in der es gewollt so gesetzt wurde.
Zwei Fragen will die Geschichte dem Leser mitgeben:

Bemerkt man es wirklich nicht, wenn der Partner/in fremd geht?
Kann man es verzeihen?


Da ich selbst in diesen beiden Punkten keine Erfahrung habe, weder selber im Fremdgehen noch hat es einer meiner Partner je getan, klingt meine Antwort vielleicht unqualifiziert oder naiv.

Dennoch möchte ich sie geben:

Ja, ich denke, man bemerkt es. Weil das Fremdgehen für mich nur ein äusseres Symbol dafür ist, dass etwas in der Beziehung in der Basis nicht mehr stimmt.

Natürlich bekommt man immer Avancen, aber man ist eben, wenn die Beziehung stimmt, nicht interessiert. Man springt nicht drauf an.
Ich denke, wer drauf anspringt, ist in seiner Beziehung nicht zufrieden und glücklich.
Ausnahmen wären Nymphomanen/innen, Menschen, die eben grundsätzlich nicht treu sein wollen oder ihr mangelnes Selbstbewusstsein aufpolieren müssen. Solche findet man an jedem Karneval, zu Betriesfeiern ect.
Das ist aber hier wohl nicht gemeint.

Ich denke, dass ein Fremdgehen immer durch beide Partner hervorgerufen wird, denn auch an einer gescheiterten Beziehung ist nie nur einer schuld.

Nun zur Frage zwei:

Kann man es verzeihen?

Ich denke, niemand kann das wirklich, wenn es sich um eine langfristige Nebenbeziehung handelt, denn es ist ja Betrug. Vertauensverlust.
Möglicherweise kann man es aufarbeiten, die Gründe ( s.o.), die eigene Schuld an der Misere sehen und dann kann man es vielleicht verzeihen.

Ich denke, das ist höchst persönlich und auch Fall gelagert verschieden.

Ich würde nicht fremd gehen und das auch von meinem Partner erwarten. Wenn es nicht mehr klappt, muss man sich trennen, einen klaren Schnitt machen. Den A... in der Hose muss man schon haben, wenn man erwachsen ist.
Dann erst kann jeder Neues beginnen. So sehe ich es und ich würde es darum auch selbst nie tun und darum auch nicht verzeihen.


LG von Koko

Geändert von Kokochanel (04.05.2017 um 13:21 Uhr)
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Alt 05.05.2017, 17:29   #5
Chavali
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Registriert seit: 07.02.2009
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Liebe Koko,

die Fragen, die sich auftun in diesem Text sind mehr rhetorisch, wobei ich auf den Inhalt gar nicht so sehr eingehen
möchte und schon gar nicht beabsichtigt habe, dass der Leser, die Leserin seine eigene Betrachtungs- und Handlungsweise
zu dem Thema veröffentlich oder gar animiert wird, etwas preiszugeben

Es war für mich eher eine Fingerübung, ob ich noch etwas schreiben kann - hier wohl eher eine pragmatische Schilderung
der Geschehnisse als eine lyrisch-poetische Abhandlung - das sich einigermaßen spannend liest.

Danke, dass du geschaut und mir ein Feedback hinterlessen hast

Lieben Gruß,
Chavali
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Alt 06.05.2017, 23:08   #6
Felix
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 213
Standard Liebe verzeiht

Liebe Chavali,
das Thema scheint in erster Linie Frauen zu interessieren. Jetzt trau ich mich, eine männliche Stimme hinzu zu fügen.
Liebe, Treue und Vertrauen, da scheint Übereinstimmung zu bestehen, gehören zusammen. "Fremd gehen" kann man auf vielerlei Weise (sind begehrliche Blicke, der unerfüllte Wünsche auch schon eine Art des Fremdgehens?) oder ist das Fremdgehen erst gegeben, wenn es zu heißen Küssen, innigen Umarmungen kommt oder nennen wir den außerehelichen/außerpartnerschaftlichen Geschlechtsverkehr "Fremdgehen"?
Nehmen wir das Letztgenannte, also den vollzogenen Treuebruch, dann wissen wir genau, worum es geht und können uns der Frage zuwenden: Kann Liebe dieses Verhalten verzeihen? Schon tut sich die nächste Frage auf: Was bedeutet "verzeihen"? Wir vergeben dem/der, der/die eine Schuld auf sich geladen hat.
Dazu gehört menschliche Größe, zu der ich nicht empor gewachsen bin.
Ich kann Verständnis aufbringen, eine Teilschuld akzeptieren, sogar die Hauptlast der Schuld bei mir suchen, die Partnerschaft/Ehe weiterführen und alles Mögliche tun, den "Sprung" in der Glocke zu kitten. Um bei dem Bild zu bleiben: Den bisherige reinen, harmonischen Klang wieder herzustellen, ist mir nie gelungen. Es bleibt (ich spreche nur für mich und von meinen Erfahrungen) ein Rest von Misstrauen, vielleicht unseren Besitzansprüchen geschuldet und sicher nicht von größter menschlicher Reife geprägt, aber der Stachel sitzt tief und das Urvertrauen ist nicht mehr herstellbar.
Man sollte über den eigenen Schatten springen können - ich habe es versucht und bin gescheitert.
Liebe Grüße,
Felix

Geändert von Felix (07.05.2017 um 02:48 Uhr)
Felix ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.05.2017, 16:52   #7
Chavali
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Lieber Felix,

für die Offenlegung deiner Ansichten über das Thema hab vielen Dank!
So geht jeder anders und doch irgendwie gleich mit dem Thema um.

Weiter oben antwortete ich schon Koko, dass es mir in diesem Falle nicht so sehr auf den Inhalt ankam beim Schreiben,
sondern dass der Leser eine wachsende Spannung spürt, wie denn die Story nun weiter gehen würde.

Mir fällt grad auf, dass ich den Begriff Fremdgehen in meinem Text gar nicht benutzt habe.
Das hat nur der Leser so bezeichnet.
Vor daher bleibt alles absolut fiktiv und es ist auch kein Selbstporträt.

Nochmals lichen Dank fürs Lesen und das Feedback.

Lieben Gruß,
Chavali

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Alt 08.05.2017, 21:15   #8
Dana
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Liebe Chavali,
ich habe Deine Kurzgeschichte schon lange gelesen.
Für mich haben sich andere, neue Welten geöffnet. Die "Sichtweisen" ändern sich mit der Zeit und ich hütete mich davor, zu "schlaumeiern".
Säße heute einer meiner Freundinnen mit jenem Problem vor mir, hätte ich eines. Das meine ich weder sarkastisch noch überheblich.
Säße meine Tochter vor mir oder eine ihrer Freundinnen, würde ich mich hüten, ihr oder den Freundinnen mit meinen Weisheiten zu kommen.
Deine Geschichte "Liebe verzeiht" steht für eine selbsempfundene Liebe, die zu allem fähig ist. Sie kann verzeihen und zerstören und hat letztendlich wenig mit Zeit und Erfahrung zu tun.
Ich denke:
Liebe ist umgangssprachlich nur ein Wort. Wir haben schon in jüngsten Jahren eine "Wahnsinnsvorstellung" von ihr und betreten doch nur Stufen.
Mit 14, 15, 16 glaubt man an die Ewigliche - ich auch.
Es dauert aber sehr lange, bis jemand da ist, der dieses Ansinnen versteht und mitlebt. Für diesen Augenblick ist sie wichtig und er verlangt nicht mehr nach Ewigkeit (Garantie). Sie ist und es gilt sie zu leben.
So wie das Leben vergänglich ist, ist es erst recht die Liebe. Wenn sie standhält, ist das Leben lebenswert. Sie darf nicht verpflichten, sie will nur sein.

Ich finde Deine Geschichte wie auch die Besprechung sagenhaft interessant und gut.

Liebe Grüße
Dana
__________________
Ich kann meine Träume nicht fristlos entlassen,
ich schulde ihnen noch mein Leben.
(Frederike Frei)
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Alt 11.05.2017, 17:11   #9
Chavali
ADäquat
 
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Liebe Dana,

meine Geschichte ist und bleibt eine Geschichte, die - wenn ich der Diskussion folge und den Leserzahlen -
doch wohl recht spannend sein muss

Damit habe ich mein erstes Ziel erreicht.
Das zweite Ziel kann - wenn man möchte - die Diskussion über den Inhalt sein.

Sichtweisen ändern sich auf jeden Fall mit steigendem Lebensalter.
Worauf man sich in jungen und jüngsten Jahren nie eingelassen hätte,
kann man, wenn man die Lebenserfahrung hat, sehr wohl akzeptieren.

Aber genauso umgekehrt!
Was man als junger Mensch akzeptiert hat, kann man (manchmal) später nicht mehr fassen

Von daher macht jeder seine eigenen Erfahrungen (uuppps Phrasenschwein )


Danke euch, danke vor allem dir, Dana

LG Chavali
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