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Alt 30.12.2010, 17:08   #1
Walther
Gelegenheitsdichter
 
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Standard Die dunkle Versuchung

Frank W. und die dunkle Versuchung

Eine Episode


Günther hatte Frank den Kopf gewaschen, nachdem er ihn nachts voll wie ein Haubitze aufgegriffen hatte. Er war dageblieben, bis Frank aus seinem Vollrausch aufgewacht war. Einige Tage wich er danach sozusagen nicht von der Seite des Freundes. In endlosen und geduldigen Gesprächen, immer wieder unterbrochen durch kurze Besuche bei seiner eigenen Familie, hatte er Frank klargemacht, dass er, wenn er so weitermachte, vor die Hund gehen und in der Gosse landen würde.

Am Ende hatte Frank W. sich wieder in den Griff bekommen und war wochenlang nur zum Zwecke des Einkaufs, und um seinen Vaterpflichten gerecht zu werden, aus der Wohnung gegangen, wenn man von gelegentlichen Spaziergängen am frühen oder späteren Abend einmal absah. Er hatte begonnen, an einem Geschäftskonzept zu arbeiten, nachdem seine zahlreichen Bewerbungen sich als nicht weiterführend herausstellten. Es war dramatisch, wenn man sich mit Anfang Vierzig zum alten Eisen geworfen sah und es niemanden zu geben schien, der an einem interessiert war. Wobei man doch das Gefühl hatte, Bäume ausreißen zu können vor Schaffenskraft.

Zum Glück gab es die große Abfindung, die man ihm wegen seiner langen Firmenzugehörigkeit hatte ausreichen müssen. Ohne sie wäre Frank W. aufgeschmissen gewesen.

Die Gespräche mit alten Geschäftsfreunden hatten sich überraschend vielversprechend entwickelt. Die Kunden fühlten sich von seinem alten Arbeitgeber schlecht bedient, nachdem die ganze Mannschaft, auch der Maschinenservice, vor Tür gesetzt worden war. Letzte Woche hatte es schließlich auch Günther erwischt, der damit aber zum Glück gerechnet hatte. Günthers Frau stammte aus einer wohlhabenden Familie und hatte eine gute Position in der Verwaltung inne.

Gestern Abend war er mit seinen Berechnungen zum Ergebnis gekommen, dass mit seinen verbliebenen Barmitteln und dem großzügigen Lieferantenkreditspielraum der Italiener, deren Vertretung er übernehmen würde der Aufbau der neuen Existenz zu stemmen sein sollte. Sie waren sogar bereit, die Markteinführung mitzufinanzieren. Sein guter Ruf in der Branche hatte sich wenigstens in diesem Fall rentiert, hatte Frank vor dem Einschlafen zufrieden vermerkt.

Nach der ersten durchschlafenen Nacht seit Woche ruft er am Morgen Günther an, um ihn in seine Pläne einzuweihen. Dieser freut sich, dass der Freund endlich wieder optimistisch klingt, und sagt zu, dass er nachdem Frühstück und einigen Erledigungen gegen 10 bei Frank in seiner Wohnung eintreffen wird, um sich das Konzept vorstellen zu lassen, bei dem er als zukünftiger Serviceleiter eine große Rolle spielen soll, wie ihm Frank bereits im Telefonat verraten hatte.

Frank frühstückt sein Bananenapfelmüsli und liest zur Feier des Tages auch gleich noch entspannt die Tageszeitung. Bei der zweiten Tasse Milchkaffee findet er die Ankündigung der Vernissage einer Ausstellung von Bildern der Gruppe „Der Blaue Reiter“. Da er die Bilder dieser Epoche und ihre Maler sehr schätzt, merkt er sich für morgen Abend diesen Termin in seinem BlackBerry vor.

Das Gespräch mit Günther verläuft hoffnungsvoll, und die beiden Freunde finden eine solide Basis, die Herausforderung einer gemeinsamen Firmengründung anzugehen. „Es bleibt noch einiges an Feinarbeit, aber im Großen und Ganzen hat das, was Du da zusammengetragen hast, Hand und Fuß, das muss ich neidlos zugeben,“ sagt Günther abschließend. Die Mittagszeit ist bereits vorüber, die Küche und der Esstisch sehen aus, als wenn eine kleine Bombe eingeschlagen wäre. „Nachdem die Planungen im Wesentlichen abgeschlossen sind, könnten wir doch auf die Blaue Reiter Vernissage gehen,“ schlägt Frank vor, „so zur Feier des Tages, was meinst Du?“

„Gute Idee!“ stimmt Günter ihm zu. „Aber muss ich erst mal noch zu Hause nachfragen. Die Kinder interessiert das ja noch nicht. Ich rufe Dich morgen um die Mittagszeit an.“

„Ich räume auf, keine Angst!“ sagt Frank grinsend, als Günther aufsteht und die Teller in die Hand nimmt, um sie auf die Spüle zu stellen. „Ich nehme an, dass Du schon kräftig zu spät kommst.“ Günther lächelt und antwortet: „Bärbel hat damit gerechnet, dass das länger gehen könnte, mach Dir also keine Sorgen, aber Du weißt, dass das Aufräumen nicht meine Stärke ist!“

Die Freunde verabschieden sich, und Frank macht klar Schiff. Danach ruft er bei der Kunsthalle des Nachbarorts an und lässt sich für die Vernissage drei Karten zurücklegen. Den Nachmittag verbringt er damit, in die Planungen die Ergebnisse des Gedankenaustauschs mit Günther einzuarbeiten.

Am Abend holt er Hänschen und macht mit ihm die Mathematikhausaufgaben, so wie er es Edith versprochen hatte. Die Noten des Sohnes waren insbesondere in den Naturwissenschaften nach der Trennung der Eltern sehr unter die Räder gekommen. Es galt jetzt, diese Scharte nach und nach wieder auszuwetzen, um die gefährdete Versetzung in die nächste Klasse doch noch hinzubekommen.

Hänschen muffelt zwar anfangs ein wenig herum. „Bei Mädchen würde man sagen, Du zickst, mein Sohn!“ brummt Frank und knufft seinen Sohn die Seite. Da muss dieser lachen, und plötzlich geht es auch mit den Aufgaben besser von der Hand. Zum Abendessen gibt es die Pizza, die der Vater dem Sohn als Belohnung versprochen hatte. Essen und Unterhaltung verlaufen in ruhigeren Bahnen, bis um neun pünktlich die Mutter kommt, um den gemeinsamen Sohn abzuholen.

Nach erneutem Aufräumen und Abspülen schaut Frank die Heute Nachrichten und macht anschließend seinen halbstündigen Rundgang. Auch diese Nacht verläuft ruhig, und Frank schläft wiederum gut wie lange nicht mehr, und das nun schon die zweite Nacht nacheinander, wie er am anderen Morgen, als der Wecker schellt, zu seiner leichten Verwunderung positiv registriert.

Den Vormittag verbringt er mit Hausarbeit, Einkäufen und einigen geschäftlichen Telefonaten. Um die Mittagszeit hört er telefonisch bei Günther nach, der ihm leider eine Absage erteilen muss, weil der Babysitter so kurzfristig nicht verfügbar war. Frank ist etwas enttäuscht und fragt sich, ob er den Termin noch wahrnehmen soll. Es wird ihm dabei schmerzhaft bewusst, wie sich durch die Trennung von Edith alles verändert hat. Manchmal wünscht er sich die alten Zeiten zurück, im Bewusstsein, dass die Vergangenheit bei weitem nicht glänzend gewesen war.

Zur Ablenkung stürzt er sich erneut in seine Projektarbeit. Besonders wichtig ist dabei das Organisieren von Büro- und Lagerräumlichkeiten, da die italienischen Geschäftspartner wegen der inzwischen doch fortgeschrittenen Zeit zur Eile drängten, „damit noch ein paar Abschlüsse hereinkommen,“ wie sie das freundlich aber bestimmt formulierten. Plötzlich ist dann auch schon 18 Uhr geworden, und die Zeit zum Umziehen ist gekommen.

Also schnell in die Dusche, husch husch abgetrocknet, die Haare geföhnt, parfümiert und frische Ausgehklamotten angezogen! Und schon kommt doch die Freude auf die Vernissage auf: „Endlich einmal rauskommen, vernünftige Leute sehen, mich ablenken und auf andere Gedanken bringen!“ sagt Frank W. halblaut zu sich, als müsse er sich extra Mut zusprechen.

Er ruft ein Taxi, da er gerade keinen fahrbaren Untersatz hat, den Dienstwage hatte er abgeben müssen, und Edith fuhr natürlich die Familienkutsche. Sein Lieblingstaxifahrer Sven holt ihn ab und fährt ihn in die Kunsthalle der Nachbarstadt. So würde er während der Vernissage dann doch das eine oder andere Glas Sekt trinken können, ohne gleich Angst vor dem Blasen zu haben. Als Außendienstler braucht man seinen Führerschein schließlich!

Er kommt gerade noch rechtzeitig, um sich sein Namensschildchen abzuholen und den Eintritt zu entrichten, bevor die Reden begannen. Nach der Eingangstür schleicht er sich in eine der Saalecken, um das Ganze von hinten zu beobachten. Auf solchen Veranstaltungen ist er immer gerne eher im Verborgenen zu Gange, Vordrängeln in der Masse ist seine Sache nicht.

Die Veranstaltung ist mittelprächtig besucht, einige gesetzte Plätze auf den beiden vorderen Stuhlreihen sind frei geblieben. Die verantwortliche Dame, die die Veranstaltung eröffnet, fordert die an den Rändern stehenden Besucher, zu denen auch Frank gehört, allerdings auf, die Sitzplätze in den vorderen Reihen zu besetzen. Das ist ihm zwar etwas unangenehm, aber Stehenbleiben wäre noch auffälliger gewesen. So schickt er sich ins Unvermeidliche und geht hinüber zum Menschenknäuel auf der rechten Seite der ersten beiden Sitzreihen.

Wie es der Zufall will, findet er seinen Sitzplatz schräg hinter einer sehr attraktiven jungen Frau dunkler Hautfarbe und wahrscheinlich ostafrikanischer Herkunft, um die sich die Herren regelrecht in die Stühle quetschten. Im Geschiebe der Platzfindungs- und Niedersetzensprozedur verliert die Dame ihren dekorativen Seidenschal, der einen schönen Hals und ein geradezu unglaubliches Dekolleté verhüllt hatte, bevor er sich sozusagen am Ende im Gedränge selbständig gemacht hat.

Frank hebt den Schal auf und spricht die Frau leise mit einem leisen, fast gehauchten „Entschuldigen Sie bitte!“ an. Sie dreht ihren Kopf beinahe unwillig zu ihm um, den Mund schon zu einer eher weniger freundlichen Erwiderung geöffnet, die sich, als er ihr den Schal lächelnd hinhielt, in ein guttural verdrücktes „Danke sehr!“ verwandelte, das ein Lächeln abschließt, das sogar ihre fein geschnittenen Aaugen erreicht.

Stimme und Grübchen verschlagen Frank nicht nur die Sprache, sondern lassen ihn auch noch verlegen seine Augen senken, so dass er ihr Umdrehen nach vorne nur als leises Rascheln wahrnimmt und das Umlegen des Schals als ebensolches Knistern. Durch die Bewegung dringt ihm ihr Duft in die Nase, der mit einer warmen Parfumnote gekrönt ist, die so perfekt zu ihrer Erscheinung passt, dass es ihm gleich auch noch den Atem verschlägt. In einem solchen Zustand hatte er sich das letzte Mal in seiner Pubertät befunden, denkt er, als er wieder zu sich gekommen ist. Den ersten Teil der Einführung hat er dabei völlig ohne jede Erinnerung über sich hinweg plätschern hören.

Am Ende der Vorträge erhebt er sich rasch und wurstelt sich zur gegenüberliegenden Seite aus der zweiten Sitzreihe heraus, weil er der Seidenschalträgerin nicht sofort wieder über den Weg laufen möchte. Er will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, diese kleine Aktion mit dem Halstuch als Anmachchance auszunutzen. Das ist nicht sein Stil - und soll es auch gar nicht erst werden.

Er schließt sich einer Gruppe an, die von einer sachkundigen Führerin durch die breit gefächerte Ausstellung geleitet wird. Die Bilder Franz Marcs, Kandinskys, Gabriele Münters, seiner Geliebten, August Mackes und Paul Klees sind ein Fest für die Augen in ihren Farben und Linien, die die geballte Energie von Pferd und Murnauer Moränenlandschaft rund um den Staffelsee.

Am Ende der Führung gibt es Sekt, Wein, Saft und die obligatorischen Petits Fours. An denen tut Frank W. sich reichlich gütlich und zieht sich zu diesem Behufe mit Teller und Sektglas an einen runden Stehtisch im Foyer zurück, von dem aus er die Veranstaltung am besten in Ruhe beobachten kann. Am anderen Ende nimmt er das raunende Gedränge eines Tisches wahr, in dessen Mittelpunkt wiederum die fulminante Erscheinung steht, hinter der er gesessen hatte, der Schal verhüllt wieder Hals und Brustansatz und entschärft so die darunter sitzenden Brustkurven. Man konnte jetzt ohne jeden Zweifel erahnen, warum ihre Trägerin dieses fluffige Stück Seide gerade dort platziert hatte. Die schon recht rotköpfige Herrenschar rund um sie herum wäre wohl bereits komplett mit ihren Augen in diesem neckischen schwarzen Spalt zwischen ihren wohlgeformten Brüsten verschwunden, den man sich bildlich vorstellen konnte, wenn man sie in ihrer aufregenden schlanken und wohlgeformten Silhouette betrachtete.

Der Werbungstanz der männlichen Menschenaffen um die dunkelhäutige Schönheit amüsiert Frank, und er hebt sein Glas und prostet sich mit leicht ironischem Lächeln zu. Nach dem Schluck setzt er das Glas mit einem kaum merklichen Kopfschütteln ab und wendet sich wieder den Häppchen zu, die er mit Genuss verspeist.

Dabei nimmt er den inzwischen erworbenen Ausstellungskatalog zur Hand und blättert diesen gedankenverloren durch. Er ist auf der Suche nach ein paar Drucken für das zukünftige Büro. Die frohe Stimmung der Bilder würde als Wandschmuck dem Klima des jungen Unternehmens sicherlich gut tun und zusätzlich Souveränität und Kunstsinn vermitteln.

Er markiert die Drucke, die ihm gefallen, mit Eselsohren, weil er keinen Kuli dabeihat. Auf einmal schreckt er aus seinem in sich selbst versunkenen Zustand auf, der ihm so eigen ist, wenn er sich auf etwas konzentriert, weil er wieder dieses erotische Knistern hört, das dieser Seidenschal vorher gemacht hat, und ihn dieser wahnsinnige Duft erneut in der Nase kitzelt. Er spürt diese eigentümliche Hitze an seiner rechten Seite, die einen nur überkommt, wenn ein Wesen anderen Geschlechts die innere Aura erreicht hat, das auf einen eine supranormale Einwirkung hat.

Schon hört er sie mit dieser geradezu schmelzenden Stimme, so in der Mitte zwischen Alt und Mezzosopran liegend, fast singend sagen: „Suchen Sie auch gerade nach Drucken, die Sie noch mitnehmen wollen?“ Da er einfach nicht glauben kann, was da gerade mit ihm geschieht, sieht er auf, schaut in diese tiefschwarzen Augenseen, versinkt in ihnen und sagt erst einmal gar nichts. Vielmehr schluckt er vernehmlich und schimpft sich innerlich einen gewaltigen Blödmann.

Das Gottesgeschenk in Form eines Weibes an der rechten Seite des runden Stehtisches scheint das einfach nicht zu registrieren und nimmt, begleitet von einem lächelnd so dahin gestreuten „Gestatten Sie?“, mit einer schlanken gepflegten Hand ohne lackierte Fingernägel und überkandidelten Ringschmuck den aufgeschlagenen Katalog, dreht ihn ca. 45 Grad zu sich und beugt sich etwas darüber. Frank W.s Pupillen folgen gebannt dem unfassbaren Geschehen und verlieren sich schließlich genau dort, wohin sich ca. eine kleine Ewigkeit zuvor bereits viele andere Männeraugen verlieren wollten: In dem jetzt freigelegten und dargebotenen, von einer Perlenkette mit Smaragdanhänger in Herzform noch zusätzlich hervorgehobenen Brustansatz bzw. in diesem Tal zwischen den beiden geradezu Ehrfurcht erheischenden Hügeln, die keiner Stütze bedurften und mit einer solchen auch gar nicht erst versehen worden waren.

Frank W. bleibt ob dieses Einblicks im Ausblick schlicht die Spucke weg. Die Hände werden feucht und seine Stirne ebenfalls. Da bläst sie eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, fort und führt dann die linke Hand nach, um diese quasi an seiner Statt zur Ordnung zu rufen. Ihre Bewegung, die ihr durch eine türkisglänzende Bluse zart anschmiegend bedecktes Doppelgebirge in leichte Schwingungen versetzt, raubt ihm zusätzlich den Atem.

Da dreht sie ihm ihr Gesicht zu und sagt mit einem wissend verschmitzten Lächeln in den Augenwinkeln: „Gefällt Ihnen, was Sie heute hier und jetzt gesehen haben?“ Wieder hat sie diese Wangengrübchen. Die Ironie in diesem Satz bringt ihn wieder in die Fassung zurück, aus der er fast schon hinausgefallen war. Wie aus der Pistole geschossen antwortet er sogleich: „Durchaus, durchaus, in jeder Hin- und Einsicht!“

Ihre Antwort ist ein lachend ausgesprochenes Wort: „Touché!“ Sie richtet sich auf und stellt sich, eine Hand in die Hüfte drappiert im gegenüber zur Gänze auf, ihrer verheerenden Wirkung sehr wohl bewusst. „Ihre Replik gefällt mir. Ich danke sehr für Ihre Freundlichkeit vorhin. Ich heiße Rahel Meier, und Sie?“ Sie reicht ihm ihre kühle, ringlose rechte Hand, die er dankbar nimmt, ein wenig zu lange festhält und dabei antwortet: „Ich bin Frank W.“

Sie kommen in ein intensives Gespräch, stecken sozusagen die Köpfe zusammen, und die Zeit vergeht wie im Flug. Am Ende werden sie von einer Angestellten darauf aufmerksam gemacht, dass die Ausstellung in Kürze schließt und sie sich sputen müssen, wenn sie noch Drucke kaufen wollen. Frank W. erwirbt die drei besten Drucke, von seiner dunkelhäutigen Begleitung fachmännisch beraten. Sie kauft ebenfalls zwei Drucke. Mit den beiden Rollen bewaffnet holen sie ihre Mäntel, und er hilft ihr in den ihren, was sie schlitzohrig dazu nutzt, ihm noch einmal einen genießenden Blick rund um das wunderbare Persönchen zu gestatten, das ihm sein geneigtes perlengeschmücktes Ohr und das Make-up freie Auge geliehen hat.

Draußen bietet sie ihm an, ihn nach Hause zu fahren, ganz unverbindlich natürlich. Er ist fast aufgedreht und akzeptiert das Angebot. Sie gehen zu ihrem Wagen, der sich als ein sehr, sehr, teures Cabrio herausstellt. Frank hat sich schon die ganze Zeit gewundert, was diese gazellenhafte Erscheinung mit dieser überirdischen Figur, den teuren Kleidern, dem mehr als teuren Schmuck, dem noch teureren Wagen und dem akzentfreien Honorationenschwäbisch, das man so gar nicht hinter diesem exotischen Aussehen vermuten würden, von jemandem Durchschnittlichem und bereits etwas Angejahrtem wie ihm denn eigentlich wollen sollte.

Er steigt in das Cabrio und versinkt achtungsvoll im Leder des Beifahrersitzes. Mit Expertise und rasantem Selbstbewusstsein steuert seine Fahrerin nach Eingabe des Zielorts in das Navisystem seine Wohnung an. Beide schweigen die ganze Fahrt.

Als sie vor seinem Hauseingang anhält, macht er sich bereit zum Aussteigen. Gerade will er den Sicherheitsgut lösen, da fällt ihre rechte Hand Einhalt irgendwie gebieterisch auf seinen linken Oberschenkel. Dort ruht sie und strahlt wiederum diese unziemliche Hitze aus, die sich durch seinen ganzen Körper und bis in Gegenden zieht, die man in einer anderen Sprache nicht ohne Grund private Teile nennt. Sie wendet sich zu ihm um, und ihre linke Hand legt sich auf seine Wange. Danach zieht sie wie selbstverständlich seinen Kopf in ihre Richtung und beugt sich ihm entgegen. Ihre Lippen streifen leicht seinen Mund, und ihre rechte Wange legt sich an seine.

Dort ruht sie eine Weile ganz still und seltsam behutsam, fast zärtlich, gerade lange genug, um seine Sinne nachhaltig zu vernebeln. „Vielen Dank für den Abend!“ sagt sie mit einem leichten Timbre leise in sein Ohr und küsst ihn auf beide Wangen. „Danke vielmals, ich rufe Sie an, lieber Frank. Ich rufe Sie an. Versprochen.“ Dann legt sie den Finger auf seine erwartungsvollen Lippen. „Sagen Sie jetzt nichts. Schlafen Sie gut, und vergessen Sie mich bitte nicht. Ich halte mein Versprechen.“

Er steigt wie im Trance aus und sieht sie davonbrausen. Erst als er oben die Türe hinter sich schließt, beginnt er das Wunder zu ermessen, das ihm vielleicht widerfahren war. Mit leichtem Schrecken stellt er plötzlich fest, dass er seine Drucke in ihrem Wagen vergessen hat. Und sie ihm ihre Karte, als er ihr die seine gereicht hatte, zu allem Übel nicht gegeben oder er sie eventuell am Tisch in der Ausstellung liegen gelassen hatte. Die Verwirrung der Gefühle ist jetzt komplett.
__________________
Dichtung zu vielen Gelegenheiten -
mit einem leichtem Anflug von melancholischer Ironie gewürzt
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Geändert von Walther (06.01.2011 um 16:49 Uhr)
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