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Alt 01.11.2017, 23:13   #101
mallarme
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 20.03.2017
Ort: Ostsachsen
Beiträge: 153
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Also ich hätte drei Lieblingsgedichte beizusteuern und wenn ich
mich nicht vertan habe sind sie auch noch nicht gekommen.

Das ist zum ersten von Rilke, der ja durchaus gut vertreten ist:

Nachthimmel und Sternenfall

Der Himmel, groß, voll herrlicher Verhaltung,
ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt.
Und wir, zu ferne für die Angestaltung,
zu nahe für die Abkehr hingestellt.

Da fällt ein Stern! Und unser Wunsch an ihn,
bestürzten Aufblicks, dringend angeschlossen:
Was ist begonnen, und was ist verflossen?
Was ist verschuldet? Und was ist verziehn?


Dann etwas ganz Gegensätzliches von meinem "Freund" Trakl:

Untergang

Über den weißen Weiher
Sind die wilden Vögel fortgezogen.
Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.

Über unsere Gräber
Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht.
Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.

Immer klingen die weißen Mauern der Stadt.
Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.


Und zum Schluss eine neue Entdeckung für mich und ganz begeisternd,
hatte es auch schon mal in anderem Zusammenhang erwähnt,
ein Gedicht von Wolfenstein:

Städter

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.


Gibt natürlich noch mehr Texte die mich begeistern, aber das sind
schon ganz wichtige die mich immer wieder begleiten.
mallarme ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.12.2017, 11:48   #102
Terrapin
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 27.08.2014
Beiträge: 242
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Wie rafft ich mich auf in der Nacht, in der Nacht,
Und fühlte mich fürder gezogen,
Die Gassen verließ ich, vom Wächter bewacht,
Durchwandelte sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Das Tor mit dem gotischen Bogen.

Der Mühlbach rauschte durch felsigen Schacht,
Ich lehnte mich über die Brücke,
Tief unter mir nahm ich der Wogen in Acht,
Die wallten so sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Doch wallte nicht Eine zurücke.

Es drehte sich oben, unzählig entfacht,
Melodischer Wandel der Sterne,
Mit ihnen der Mond in beruhigter Pracht,
Sie funkelten sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Durch täuschend entlegene Ferne.

Ich blickte hinauf in der Nacht, in der Nacht,
Ich blickte hinunter aufs neue:
O wehe, wie hast du die Tage verbracht!
Nun stille du sacht
In der Nacht, in der Nacht,
Im pochenden Herzen die Reue!

August Graf von Platen


Tolles Gedicht.
__________________
Das Leben ist eines der schwierigsten.
Terrapin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.02.2018, 13:33   #103
Laie
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Benutzerbild von Laie
 
Registriert seit: 17.11.2015
Ort: Oberpfalz
Beiträge: 331
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Drei meiner Lieblingsgedichte:

Ernst Goll (1887-1912)


Heimweg

Die Sonne schied – ein letztes Leuchten blieb
noch hängen in den herbstgoldroten Zweigen.
Ein dunkler Knabe führt sein blondes Lieb
den Waldpfad heim. Die dunklen Lippen schweigen.

Doch wo der Weg in Vorstadtgärten mündet,
reicht er dem Mädchen seine kühle Hand
und fühlt erschreckend, wie die Liebe schwindet,
die ihre Seelen aneinanderband.


Unter eines Tages Summe

Unter eines Tages Summe
ist der schwarze Strich gemacht,
und wir reichen uns die stumme
Hand zum Abschied: "Gute Nacht!"

Schien die Sonne uns vergebens?
Oh, wir sagen lächelnd: "Nein!"
Und ins goldne Buch des Lebens
schreiben wir: Beisammensein.


Abschied

Meine armen Wege gehen
wieder ferne von den deinen,
vor dem dunklen Fenster stehen
wir, und unsre Seelen weinen.

Jahr und Tag und Stunden schwinden,
meine Gärten stehn verlassen –
weiß nur, dass ich Liebe finden
wollte auf den dunklen Straßen.
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.02.2018, 00:08   #104
Felix
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 20.11.2016
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 433
Standard Lieblingsgedichte

An die Parzen (Hölderlin)

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!

Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,

Daß williger mein Herz, vom süßen

Spiele gesättiget, dann mir sterbe.



Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht

Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;

Doch ist mir einst das Heilge, das am

Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,



Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!

Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel

Mich nicht hinab geleitet; Einmal

Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
Felix ist offline   Mit Zitat antworten
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