Gedichte-Eiland

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Erich Kykal 13.11.2014 20:21

Industriegebiet Ost, irgendwo
 
Das Sickerlicht aus hohen Neonlampen
beginnt orange zu leuchten, aber kalt
vergilbt es mählich und wird blass und alt.
Die letzten Mäuler der Verladerampen
verschießen sich mit überlautem Rattern,
und um die frühen Kunden zu ergattern,
stehn um die Ecke schon die ersten Schlampen.

Das wilde Gras an ungepflegten Rändern,
die den Asphalt wie stumme Bettler säumen,
wirkt beinah schwarz und scheint davon zu träumen,
dass sich die Dinge mit dem Morgen ändern.
Das Wanderlicht der Wagen rafft die Schatten
und streift mit den Verlockten und den Ratten
die bunten Huren beim Vorüberschlendern.

Ganz hinten, bei den dunklen Hafenmolen,
bewegt sich selten ein Kapuzenmann,
bei dem man Träume teuer kaufen kann,
und mancher arme Teufel schleicht verstohlen
vorbei am Defileé aus Lack und Lügen,
mit dem sich die Begehrenden betrügen,
um sich den letzten Traum bei ihm zu holen.

Lailany 13.11.2014 23:37

Hallo Eky,
ach du meine Güte, ist das stimmungsvoll.
Nicht die der romantischen, herzerwärmenden Sorte, es ist die beklemmende Stimmung, in die du den Leser hier hinheinziehst. Und man kann sich nicht einmal dagegen wehren.
Es ist phänomenal, wie gut dir das immer wieder gelingt. Mir fällt das immer wieder auf bei deinen Texten... sie wirken regelrecht hypnotisch.
Wie bei einem spannenden Film... man klebt wie gelähmt am Sessel, kann und will nicht aufstehen, kann und will auch nicht weggucken, egal wie grauslich oder schaurig die Szene ist.

Die Szene, die du hier aufbaust, ist trist, desolat. Und man suhlt sich regelrecht darin. Sehr gut eingefangen und projeziert.
Meine Lieblingsstelle:

das wilde Gras an ungepflegten Rändern,
die den Asphalt wie stumme Bettler säumen....

Alles in allem: Ein exquisites Stück Lyrik.

HG von Lai :Blume:

Erich Kykal 14.11.2014 00:01

Hi, Lai!

Danke für deinen Zuspruch!

Anderswo wurde mir vorgeworfen, ich würde Nutten mit Schlampen gleichsetzen, also quasi einen beruflichen Dienstleister mit einem liderlichen Charaktersumpf.
Nun - ohne den ganzen "Berufsstand" diskreditieren zu wollen - es gibt sicherlich auch oberflächliche, dummdreiste, ordinäre, derbe und eben schlampenhafte Prostituierte - sagen wir einfach, hier handelt es sich um solche, denn für den Reim ist es nun mal notwendig!;):rolleyes::D

LG ,eKy

Lailany 14.11.2014 04:00

Nochmals ich, Eky,
es gibt leider immer welche, die keine Gelegenheit auslassen, zur Schau zu stellen, wie unbemittelt sie sind.:Aua
Nutte, Hure, Schlampe, Prostituierte, Bordsteinschwalbe, Halbseidene und, und, und...
sind nur einige der vielen Begriffe, die alle ein und dasselbe bedeuten.
Genau wie die Raum-, Boden- und Fensterkosmetikerin eine Putzfrau ist,
das Resort für betagte Mitbürger schlicht ein Altersheim und, und, und....
Welches Wort dafür ge- oder erfunden wird, egal, wieviel Rüschchen und Blümchen ihm angenäht werden, das alles ändert nichts an dem, wofür es steht! :Aua:Aua:Aua
Beruflicher Dienstleister.... my arse :rolleyes: :D
Und? Spricht denn Dein Text an irgendeiner Stelle einer Schlampe den beruflichen Dienstleister ab?:cool:

Solang manch Armutschkerl nix besseres zu tun hat, als seinen unterentwickelten Wortschatz und diverse andere Defizite unter Beweis zu stellen, indem es schlussfolgert, Wortwahl, bzw Inhalt eines Textes wären Maßstab für die Gesinnung (oder sonstige Befindlichkeit) des Autors, dann hat diese Welt ja eigentlich null Probleme.:)

HG von Lai :Blume:

Erich Kykal 14.11.2014 10:23

Hi, Lai!

Man stieß sich bloß an der Definition der Worte:

Eine Schlampe sei ein charakterlich verdorbenes Weibsbild, das es gratis mit jedem treibe - ein Schimpfwort eben, während eine Prostituierte ein anerkannter Beruf (mit Versicherung!) sei - eben Dienstleistungsgewerbe mit Recht auf politisch korrekte Bezeichnung und Behandlung.

So gesehen wollte man nicht, dass ich Huren als Schlampen bezeichne oder mit ihnen gleichsetze. Ehrlich - mit betulichem Gutmenschentum kann man es übertreiben!
Ich kannte einige Nutten, die sich selbst sofort als Schlampen bezeichnet hätten, oder Schlampen, die täglich anschaffen gingen, und mit denen hatte ich kein Problem, weil die eben nicht jedes Wort auf die Goldwaage legten!:rolleyes:
(Frag jetzt bitte nicht, woher ich die alle kannte...:o;):D)

LG, eKy

wolo von thurland 14.11.2014 20:10

hallo eky, hallo lailany

diesen "geschwätzig-wortreichen" fünfhebigen vers kennen wir aus themen "hehr-erhabenen inhalts". dort kann man ihn als passendes stilmittel schulterzuckend annehmen und gucken, ob denn inhaltlich etwas fleisch an dem sich überschön präsentierenden knochen hängt.

hier aber stößt man sich plötzlich an ecken, da an den ecken statt grossartiger prinzipien oder vergeistigter wesen plötzlich leibhaftige "gunstgewerblerinnen" stehen. und der kenner der szene, welcher seriöse huren druchaus von hurenden schlampen zu unterscheiden weiß, wie er beteuert, muss sich den vorwurf des "sich suhlens in der szene des käuflichen sex" gefallen lassen.

vorwurf? ach, wars doch gar nicht. lailanys "man kann sich darin suhlen" war ein lob, nicht wahr?! aber beziechnender als die lobende hätte man es nicht sagen können.

wer sich in tümpeln voller hehrer prinzipien oder in schlammlöchern des menschlich allzumenschlichen "suhlt", kann auch mal "Hetäre" auf "Stratosphäre" reimen.
wer aber den echten, lebendigen strassenstrich auf die leinwand wirft, hat weniger freiheiten. damit keiner schliesslich (lobend) sage: man kann sich so schön suhlen in deinem gedicht!

diesen kleinen exkurs glaubte ich mir als schreibendem und den verspotteten "gutmenschen" allgemein schuldig zu sein,.

nun kann man mir vorwerfen, ich würde mich meinerseits in diesem schlammloch suhlen. trotzdem hoffe ich, dass nach meinem schlammbad ein wenig von dem, was ich meine, erkennbar ist.

schönen abend
wolo

Erich Kykal 14.11.2014 20:47

Von "Verspotten" kann keine Rede sein - ich monierte nur, dass man es mit Gutmenschentum und "political correctness" durchaus übertreiben kann, denn dieses Gefühl hatte ich nun mal bezüglich der besprochenen Reaktion.
Mehr ist dazu nicht zu sagen - und sollte es auch nicht sein.

juli 16.11.2014 12:06

Hallo eKy :)
 
Ich mag das, wie du Menschen und deren Umgebung beschreibst. Es ist wie ein kleiner realitätsnaher Film. Fast wie eine Dokomentation. Deine Bilder sind intensiv, der Leser kann fasziniert mitfiebern. Ein dickes Lob.

Sehr sehr gerne gelesen, weil es so realistisch ist.:Blume::Blume::Blume:

Liebe grüße sy

Erich Kykal 16.11.2014 16:23

HI, Sy!

Das Geheimnis liegt darin, die Umgebung intensiv mit einzubeziehen: Von einer poetischen, aber möglichst authentischen Beschreibung des Umfelds (Stimmung, Aussehen, Geruch, Farben, Licht,...) zu einer Beschreibung dessen, was dort geschieht - das zieht den Leser ins Bild und erweckt es für ihn zum Leben. So wirken die agierenden Figuren viel lebensnäher und glaubhafter.

LG, eKy

Sidgrani 16.11.2014 17:13

Hei eKy,

mal kein Sonett :D, aber sehr eindrucksvoll und ergreifend/beklemmend mit der nicht so häufig verwendeten Reimform. Oder gerade deshalb? Du hast auf jeden Fall eine Vielzahl ungewöhnlicher Bilder heraufbeschworen und damit die beabsichtigte Stimmung wunderbar untermalt. Ich stehe noch immer unter dem Eindruck des zuvor Gelesenen, ich gratuliere.

Lieben Gruß
Sid

Dana 16.11.2014 19:55

Lieber eKy,

ein grausiges Szenario - lyrisch perfekt umgesetzt.
Dein Gedicht fängt die Wirklichkeit in prächtigen "Düsterbildern" ein. Der Leser kann sich "fasziniert" einlassen ob der Wirklichkeit.
Für mich ein Gedicht, das aus sich heraus ein Nachdenken herausfordert aber den "Gutmenschen" keinen Raum bietet, dem Werk selbst, z. B. aufgrund der Wortwahl, Antworten für ein "Pro und Kontra" für die Tatsache an sich, zu überlegen. Die gewählten Worte sind sogar notwendig.
Es sind gegebene Wirklichkeiten, die seit Jahrtausenden bestehen. Die Menschen darin verdienen Mitleid, Hass, Verachtung und Fürworte. Sie bleiben als "Gesellschaft" dennoch seit Jahrunderten (;)) außen vor.
Warum?
Keine Religion, kein Gesetz und kein Moralempfinden haben dagegen halten können. Es gibt sie einfach.
Stellt sich die Frage evtl. ganz anders?
Warum gibt es das?
Das führt ins Unendliche oder zu einer "Natürlichkeit", die von Menschen durch Religion, Gesetz und Moralempfinden unendlich nicht verstanden worden sind.:confused:
Ich weiß es nicht, trotz Nachdenken.

Ein sehr gutes Gedicht.

Liebe Grüße
Dana

Erich Kykal 16.11.2014 22:07

Hi, Sid!

Ehe ich so begeistert Sonette schrieb, habe ich oft und gern mit ungewöhnlichen Reimschemata experimentiert.
Zuweilen überließ ich es auch einfach dem Entstehen der ersten Str. während des Dichtens, das Schema für die Folgestrophen festzulegen, sprich, so wie ich einen Inhalt beschrieb, formte sich dadurch auch die Strophenform.
Dies war auch hier der Fall.

Hi, Dana!

Grausig würde ich das Szenario nicht nennen - in meinen 15 Jahren als Biker habe ich derlei oft gesehen ... und durchaus auch in Anspruch genommen, abgesehen von den harten Drogen!
Aber ich habe ein Auge für gewisse Momente, und diese Szenerien bleiben gespeichert. Entlarvendes über die Doppelmoral unserer Gesellschaft hat mich von je besonders fasziniert.
Dabei bin ich keiner, der verdammt oder moralisiert - ich versuche durch die Wahl meiner Ausdrücke vielmehr, auf derlei hinzuweisen.
Die Protagonisten dieser Szene würden sich an meiner Wortwahl nicht stoßen - die haben ohnehin noch wesentlich stärkere Ausdrücke, und dass sie neben ihrem Fleisch Lüge und Illusion verkaufen, wissen sie ohnehin.

Nein, grausig ist das falsche Wort. Menschlich fiele mir spontan ein - ja, auch und gerade das. Deshalb "gibt es sie einfach" - sie spiegeln einen Teil von uns allen, auch wenn wir diese Bildfacette unter Umständen nicht gerne sehen wollen.


Vielen Dank für eure Gedanken!:)

LG, eKy

wolo von thurland 20.11.2014 19:23

Tja, so liefert das Leben selbst eben die stärksten Bilder:

Mancher arme Teufel schleicht verstohlen
und geht sich wo sein weißes Pulver holen.
Da stolpert er an einer schrägen Rampe
gleich auch noch über eine echte Schlampe.
Der Weise nickt und denkt: Das gibt's doch nicht!
Das ist beileibe Stoff für ein Gedicht!

Gott befohlen!

wolo

Erich Kykal 20.11.2014 20:13

Hi, wolo!

Nicht, dass du denkst, ich, der "weltfremde Poet", schriebe hier aus dem sterilen, sauberen und vor allem sicheren Kämmerlein heraus so, wie er sich die (böse, verdorbene) Welt eben so vorstellt, ohne je damit in Kontakt gewesen zu sein - in meinen 15 Jahren als Rocker war ich ganz in der Szene integriert, auch bei den Einprozentern, und habe da so einiges erlebt - oder selbst gemacht.
Rückblickend war manches davon bestimmt kein moralisches Ruhmesblatt, aber ich möchte diese Zeit nicht missen. Ich scheine das gebraucht zu haben, um endlich zu mir finden zu können - ich musste erst ein "harter Typ" werden, um irgendwann begreifen zu können, dass ich das gar nicht (mehr) nötig hatte. So kuriert man Minderwertigkeitskomplexe auf die harte Tour!:D
Die Szene im Gedicht ist also durchaus aus dem Realen geschöpft - zumindest aus dem, wie ich es in den Neunzigern erlebt habe.
Sollten deine Zeilen (so wie ich sie verstanden zu haben glaube) darauf angespielt haben, dass ich selbstgefällig von Dingen rede, die mir fremd sind, hoffe ich, deine Ressentiments hiermit ausgeräumt zu haben.

LG, eKy


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