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Thomas 10.05.2012 11:33

Das Geisterschiff
 
Das Geisterschiff

Ein Geisterschiff treibt übers Meer.
Wo fährt es hin, wo kommt es her?
Das Deck ist leer und sturmzerzaust,
der Rumpf von Schemenspuk behaust.

Am Steuerrad, da steht der Hein,
er steht als Statue aus Stein.
Die Augen scheinen nachtumlichtet
starr auf ein fernes Ziel gerichtet.

Das Ziel, es ist so hehr, so rein,
es kann nur auf dem Meere sein.
Der Wind blies seine Jugend fort,
und auch die Hoffnung über Bord.

Doch Hein bleibt treu im Sturm der Zeit
dem Ziel, das nun so ewig weit.
Ach!
Wenn er doch wie damals wüsst,
wo das Meer den Himmel küsst.

fee 10.05.2012 11:44

"freund hein", also die personifizierung des todes (im mittelalter auch eine bezeichnung für den teufel), als steuermann eines schiffes auf der endlosen reise - ein feines thema und eine sehr stimmungsvolle umsetzung, lieber thomas.


das gefällt mir wirklich gut!

bloß in der letzten zeile falle ich überraschend aus dem gedicht, weil eigentlich eine silbe fehlt und das fühlt sich hier für mich doch sehr abrupt an.

Zitat:

Ach! Wenn er doch wie damals wüsst,
wo das Meer den Himmel küsst.
ich weiß - eine silbe - da springt bestenfalls ein füllwörtchen dabei raus.

"wo nur das Meer den Himmel küsst" oder ähnliches kann nicht wirklich was. dann ist s auch besser, auf die silbe zu verzichten.

"wo Meeresrand den Himmel küsst" fiele mir noch ein, aber auch da bin ich mir nicht sicher, ob das deinen geschmack und die stimmung des gedichtes ganz trifft. und vielleicht stört das ja auch nur mich. ich bin wohl eher der "gedichte-ausgleiter" ;)

auf jeden fall aber gefällt mir dieses düstere wogen mit steuermann hein im zeitensturm sehr gut. ein sehr bildgewaltiger text ist dir da gelungen. sehr gerne gelesen also.


lieber gruß,


fee

Erich Kykal 10.05.2012 12:34

Hi, Thomas!

Geheimnisvoll!

Nur die letzte Zeile holpert - da fehlt eingangs ein Takt. (zB "wo endlich Meer den Himmel küsst.")
In der Zeile darüber ist das "wie damals" verwirrend - es wird im Gedicht nicht erklärt, worauf sich das bezieht.
Und warum ein Hein aus Stein? Beschreibst du da einen existenten Mythos?

Insgesamt gern gelesen, aber viele Fragen bleiben offen, vor allem, wenn man aus einem meerfernen Kulturkreis stammt.

LG, eKy

Thomas 11.05.2012 17:24

Liebe fee, lieber Erich, liebe(r) Lipwig,

vielen Dank für die positiven Anmerkungen.

Die Veränderunge des Metrums in den Schlusszeilen ist beabsichtigt. Man muß nach dem Ach! eine Pause sprechen - vielleicht muss ich sogar noch einen Gedankenstrich einfügen. Ich glaube, dann klingt es gut. Erich, ich weiß, dein Geschmack wird es trotzdem nicht sein, aber ich bin halt etwas kantiger.

Es ist kein existierender Mythos, aber vielleicht wird es ja einer.

Vielleicht hat mich unbewusst tatsächlich die Meldung von dem japansichen Schiff, die ich auch gelesen habe, beeinflusst.

Eure Beiträge zeigen mir, dass das Gedicht die gewünschte Stimmung bewirkt, das freut mich.

Liebe Grüße
Thomas

Untergrund 16.05.2012 07:58

Es hat etwas sehnsüchtiges, in seiner ganzen Trostlosigkeit, wo das Meer zum Spiegel innerer Zerrissenheit wird.
Ein gutes Bild über Seelenlandschaften, wo eigentlich nur die Wellen fehlen;-) und die Vögel...

LG RS

Thomas 21.05.2012 23:32

Hallo Glasfeder,

ich glaube das Meer ist gerade ruhig, der Sturm war schon, und die Vögel meiden das Geisterschiff, wegen der Trostlosigkeit, glaube ich.

Liebe Grüße
Thomas

Galapapa 22.05.2012 11:33

Hallo Thomas,
Dein Geisterschiff gefällt mir.
Es gibt sicher einige Deutungsmöglichkeiten; ich hab meine gefunden und habe den Text genossen.
Bezüglich des letzten Verses hat Erich Recht; ein weiterer Vorschlag wäre:
"...wo Meeresblau den Himmel küsst...", wobei das "Meeresblau" auch noch durch "Ozean" ersetzt werden kann.
Schöne, tiefsinnige Verse!
Herzliche Grüße!
Galapapa

Thomas 26.05.2012 21:58

Hallo Gallapapa,

vielen Dank, aber bezüglich der Schlusszeile, bin ich in der blöden Situation. dass ich sie so lassen will, und nicht begründen kann warum. Rein vom Metrum her, hast du und Erich natürlich recht.

Liebe Grüße
Thomas

a.c.larin 27.05.2012 20:01

hallo thomas,

das kommt so flockig-locker daher, dass man die ruhelose umtriebigkeit des geisterschiff - seglers gut spüren kann! :)

vielleicht findet ja diese variation der letzen beiden zeilen deine zustimmung:

Ach! Wenn ers doch wie damals wüsste,
wo (noch) das Meer den Himmel küsste.


bei "wüsst, wo" stehen zwei konsonanten aneinander, durch "wüsste, wo" flutscht die sache dann auch hier etwas leichter.

ich deute lieber nichts - mir gefällt die vorstellung auch so! ;) )
leibe grüße, larin

Thomas 28.05.2012 13:53

Liebe larin,

ich habe jetzt noch etwas gang wildes versucht, indem ich das 'Ach!' alleine stelle. Ich möchte in den Schlusszeilen nämlich den Wechsel vom Jambus zum Trochäus, um die Welt, die noch hofften konnte, als Transfinites anzudeuten. Wenn ich es selbst lese, dann höre ich, wie es funktioniert. Das 'Ach!' mit Pause und dan leise und langsam die Schlusszeilen.

Liebe Grüße
Thomas


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