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Lotusblüte 03.09.2026 23:28

Zwischen zwei Wegen
 
Zwischen zwei Wegen

Die Sommerhitze lag schwer über den Straßen, als Marie am Küchentisch saß. Ihre Großmutter schob ihr eine Ein‑Euro‑Münze zu – eine kleine Belohnung aus einer Hand, die vom Leben gezeichnet war.
„Hol dir ein Eis, mein Schatz. Du hast mir heute gut geholfen.“

Für Marie war das viel. Geld war knapp und ein Eis war ein seltener Luxus. Sie lief los, leichtfüßig, fast schwebend.

An der Straßenecke saß ein blinder Mann auf einer ausgefransten Decke. Sein Metallbecher war leer und sein Gesicht müde. Die Leute gingen vorbei, ohne ihn anzusehen. Marie sah ihn nur kurz und ging weiter.

Im Supermarkt griff sie ein Eis aus der Truhe. Die Kälte tat gut. Doch als sie zur Kasse ging, tauchte das Bild des leeren Bechers wieder in ihr auf. Sie blieb stehen, drehte um und legte das Eis zurück. Es war eine kleine Entscheidung, aber sie fühlte sich groß an.

Der Euro klang hell, als er in den Metallbecher fiel. Der Mann hob den Kopf und ein schwaches Lächeln erschien. Marie lächelte zurück und ging nach Hause.

Die Großmutter sah sofort, dass Marie nichts gekauft hatte.
„Kein Eis?“

Marie erzählte. Die Großmutter hörte zu und in ihrem Blick lag Sorge, aber auch etwas Weiches.
„Ach, Marie … wir haben so wenig und trotzdem gibst du weg.“

Da klingelte es an der Tür.

Ein Mann im Anzug stand draußen. Marie erkannte die Gesichtszüge – es war der Bettler, nur ohne die Müdigkeit und ohne die Blindheit.
„Ich wollte mich bedanken“, sagte er. „Ich bin kein Bettler. Ich bin heute ein sehr reicher Mann. Ich wollte wissen, ob es noch Menschen gibt, die aus echtem Herzen geben.“

Er reichte Marie ein neues Smartphone und einen Umschlag.
„Für dich und deine Großmutter. Tausend Euro. Und meine Nummer. Wenn ihr etwas braucht, ruft mich an.“

Dann sah er die Großmutter an.
„Anita.“

Sie erstarrte.
„Michael?“

Er nickte.
„Vor vierzig Jahren hast du mir geholfen, als ich am Boden war. Du hast mir damals dein letztes Geld für eine Fahrkarte gegeben. Ich habe nie vergessen, wie viel mir das bedeutete. Heute wollte ich sehen, ob das Herz, das mir damals die Hand gereicht hat, in deiner Enkelin weiterlebt.“

Marie stand zwischen ihnen und spürte, wie sich ein Kreis schloss – leise und vollkommen.




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