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Der letzte indian Summer
Sie hieß Clara, er hieß Johann.
Beide waren längst in einem Alter, in dem man nicht mehr von den kommenden Jahren sprach, sondern lieber von den schönen, die hinter einem lagen. Sie waren beide über siebzig. Ihr Haar war silbern geworden, ihre Schritte waren langsamer als früher, und wenn sie morgens aus dem Fenster sahen, wussten sie, dass die Zeit nicht stehen blieb. Doch eines hatten sie sich bewahrt: die Sehnsucht. Eines Abends saßen sie auf einer Bank vor ihrem kleinen Haus. Der September hatte den Sommer beinahe vertrieben. Ein kühler Wind strich durch die Bäume, und einzelne Blätter tanzten über den Gartenweg. Clara hielt einen alten Reiseführer in der Hand. „Johann“, sagte sie leise, „weißt du, was ich immer noch sehen möchte?“ Er lächelte. „Den Mond auf der Rückseite?“ Sie lachte. „Nein. Den Indian Summer.“ Johann schwieg einen Augenblick. Er wusste, was sie meinte. Kanada. Die Wälder, die sich im Herbst in ein Meer aus Gold, Rot und Kupfer verwandelten. Seen, auf deren stiller Oberfläche sich die bunten Bäume spiegelten. Nebel am frühen Morgen und dieses besondere Licht, das nur der Herbst zu kennen schien. „Dann fahren wir“, sagte Johann. Clara sah ihn überrascht an. „Jetzt?“ „Wann sonst?“ Sie nahm seine Hand. „Wir sind doch nicht mehr die Jüngsten.“ Johann drückte ihre Finger. „Eben deshalb.“ Ein paar Wochen später saßen sie im Flugzeug. Sie hatten nicht viel Gepäck dabei. Zwei Koffer, warme Kleidung, Medikamente, einen alten Fotoapparat – und all die Erinnerungen ihres gemeinsamen Lebens. Als sie in Kanada ankamen, war es früher Morgen. Vor ihnen lag eine Straße, die sich durch die Wälder schlängelte. Und dann geschah etwas, das beide für einen Augenblick verstummen ließ. Die Bäume standen in Flammen. Goldene Birken, rote Ahornblätter, orangefarbene Kronen und dazwischen das tiefe Grün der Tannen. Clara stieg aus dem Wagen. Sie sagte nichts. Sie ging einfach ein paar Schritte in den Wald hinein. Johann folgte ihr. „Schön“, sagte er schließlich. Clara schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Nein?“ Sie drehte sich zu ihm um. „Viel schöner.“ Er trat zu ihr und nahm ihre Hand. „Dann hat sich die Reise gelohnt.“ Sie gingen langsam weiter. Nicht mehr so schnell wie früher. Aber vielleicht sahen sie gerade deshalb mehr. Sie bemerkten einen kleinen Vogel auf einem Ast. Sie hörten das Rascheln der Blätter unter ihren Schuhen. Sie sahen einen See, der so still war, dass der Himmel darin zu schlafen schien. Am Ufer setzten sie sich auf einen alten Baumstamm. Clara lehnte ihren Kopf an Johanns Schulter. „Weißt du, was ich gerade denke?“ „Was?“ „Dass wir viel zu lange geglaubt haben, wir müssten immer irgendwohin.“ Johann sah sie fragend an. „Und jetzt?“ „Jetzt sind wir angekommen.“ Er küsste ihre Stirn. Am nächsten Morgen wanderten sie zu einem kleinen See. Der Weg war nicht schwierig, aber nach einer Stunde wurden Claras Schritte langsamer. Johann bemerkte es. „Wir machen eine Pause.“ „Ich bin nicht müde.“ „Natürlich nicht.“ „Johann!“ „Ich kenne dich.“ Sie setzte sich auf einen Stein und lachte. „Du hast dich überhaupt nicht verändert.“ „Doch.“ „Was ist anders?“ „Früher hätte ich dich getragen.“ Clara hob eine Augenbraue. „Und heute?“ „Heute setze ich mich neben dich.“ Sie lachte so herzlich, dass zwei Vögel erschrocken davonflogen. Als sie schließlich den See erreichten, lag ein leichter Nebel über dem Wasser. Die Sonne stand tief. Die Bäume spiegelten sich im See – Rot, Gold und Orange. Clara nahm Johanns Hand. „Schau.“ „Ich schaue.“ „Nein. Nicht nur mit den Augen.“ Er sah sie an. „Mit dem Herzen?“ Sie nickte. „Mit dem Herzen.“ Am Abend saßen sie vor ihrer kleinen Unterkunft. Ein Feuer brannte im Kamin. Clara hatte zwei Gläser Wein eingeschenkt. „Auf den Indian Summer“, sagte sie. Johann hob sein Glas. „Auf uns.“ Sie stießen an. Eine Weile schwiegen sie. Dann sagte Clara: „Hast du manchmal Angst vor dem Ende?“ Johann antwortete nicht sofort. Draußen fiel ein rotes Ahornblatt langsam zu Boden. „Ja“, sagte er schließlich. Clara sah ihn an. „Ich auch.“ „Aber weißt du, wovor ich mehr Angst hätte?“ „Wovor?“ „Dass wir irgendwann zurückblicken und feststellen, dass wir zu viel auf später verschoben haben.“ Clara legte ihre Hand auf seine. „Dann haben wir heute alles richtig gemacht.“ Johann lächelte. „Vielleicht.“ Am letzten Abend ihres Aufenthalts gingen sie noch einmal zum See. Der Himmel war klar. Millionen Sterne standen über ihnen. Clara trug einen roten Schal. Der Wind spielte mit ihren Haaren. Johann blieb stehen. „Was ist?“, fragte sie. „Ich möchte dich ansehen.“ „Du hast mich doch jeden Tag angesehen.“ „Ja.“ Er lächelte. „Aber heute möchte ich mir dein Gesicht besonders gut merken.“ Clara wurde still. Dann trat sie ganz dicht zu ihm. „Johann.“ „Ja?“ „Versprich mir etwas.“ „Was?“ „Wenn wir wieder zu Hause sind, dürfen wir nicht aufhören zu träumen.“ Er nahm sie in seine Arme. „Das verspreche ich.“ „Auch wenn wir alt sind?“ „Gerade dann.“ Sie legte ihren Kopf an seine Brust. Und dort, unter dem kanadischen Sternenhimmel, standen zwei Menschen, die schon einen großen Teil ihres Lebens hinter sich hatten. Aber für diesen Augenblick fühlten sie sich wieder jung. Nicht weil ihre Jahre verschwunden waren. Sondern weil die Liebe ihnen gezeigt hatte, dass Jugend niemals nur eine Frage des Alters gewesen war. Am nächsten Morgen fuhren sie nach Hause. Hinter ihnen blieb der Indian Summer zurück. Doch als Clara am Fenster des Autos saß und die letzten roten und goldenen Bäume verschwanden, nahm Johann ihre Hand. Sie sah ihn an. Und beide wussten: Der schönste Indian Summer ihres Lebens war vielleicht gar nicht der Herbst gewesen. Es war der Herbst ihres Lebens gewesen, in dem sie noch einmal gelernt hatten, wie schön es ist, gemeinsam zu lieben. Und während die Straße sich vor ihnen öffnete, sagte Clara leise: „Johann, glaubst du, dass es im nächsten Jahr wieder so schön sein wird?“ Er sah sie an und lächelte. „Bestimmt.“ „Woher willst du das wissen?“ Er drückte ihre Hand. „Weil wir immer zusammen sein werden. |
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