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Wo die Adler fliegen...
Wo die Adler fliegen
Hoch oben, dort, wo die Berge den Himmel berühren, beginnt eine andere Welt. Der Morgen lag noch still über den Gipfeln. Ein zarter Nebel hing zwischen den dunklen Tannen, während die ersten Sonnenstrahlen über die Felsen krochen und die Bergwiesen in ein goldenes Licht tauchten. Aus der Ferne klang das Läuten einer Kuhglocke herauf, und irgendwo im Wald rief ein Vogel den neuen Tag herbei. Sie standen nebeneinander auf einem schmalen Bergpfad. Er nahm ihre Hand. „Schau“, sagte er leise. Über ihnen kreiste ein Adler. Majestätisch zog er seine großen Kreise, getragen von der warmen Luft, die aus dem Tal emporstieg. Kein Flügelschlag war nötig. Er ließ sich einfach tragen – frei, ruhig und unbeirrbar. Sie blickte hinauf. „Vielleicht“, sagte sie, „weiß er gar nicht, wie schön die Welt von dort oben aussieht.“ Er lächelte. „Vielleicht weiß er es. Vielleicht kann er nur nicht darüber sprechen.“ Sie musste lachen. Und dieses Lachen war so warm, dass es ihm mehr bedeutete als jeder Sonnenstrahl. Sie gingen weiter. Neben dem Weg blühten Enzian und Alpenrosen. Kleine Bäche sprangen glitzernd über Steine, und aus einer Felsspalte rann klares Wasser. Die Luft roch nach Tannen, feuchter Erde und dem Duft der Wiesen. Manchmal braucht ein Mensch nicht viel, um glücklich zu sein. Ein Berg. Ein weiter Himmel. Das Rauschen eines Baches. Und einen Menschen, dessen Hand man halten darf. Am Nachmittag erreichten sie eine kleine Anhöhe. Vor ihnen öffnete sich das Tal. Berge standen hinter Bergen, manche grün und freundlich, andere grau und gewaltig. Ganz hinten glänzten die schneebedeckten Gipfel im Abendlicht. Sie setzte sich auf einen flachen Felsen. „Weißt du“, sagte sie nach einer Weile, „ich habe früher geglaubt, man müsse jung sein, um Abenteuer zu erleben.“ Er setzte sich neben sie. „Und heute?“ Sie sah ihn an. „Heute glaube ich, man muss nur jemanden haben, mit dem man sie erleben möchte.“ Er sagte nichts. Er legte nur seinen Arm um ihre Schultern. Über ihnen erschien wieder der Adler. Diesmal flog er tiefer. Seine mächtigen Schwingen zeichneten einen Schatten über die Wiese, bevor er sich wieder hinauf in den Himmel schwang. Die Sonne versank langsam hinter den Bergen. Goldenes Licht lag auf ihren Gesichtern. Und für einen Augenblick schien es, als würde die Zeit stehen bleiben. Keiner von beiden dachte daran, wie viele Jahre bereits hinter ihnen lagen. Nicht an das, was verloren gegangen war. Nicht an die Tage, die nicht zurückkehren würden. Sie dachten nur an diesen Augenblick. An die Berge. An den Adler. An die stille Schönheit der Natur. Und daran, dass das Herz manchmal noch einmal ganz leise zu flüstern beginnt: Vielleicht ist es noch nicht zu spät für ein wenig Liebe. Hand in Hand machten sie sich auf den Weg zurück ins Tal. Hinter ihnen versank die Sonne. Über ihnen zog der Adler seine letzte große Runde. Und irgendwo zwischen Himmel und Erde begann für zwei Menschen ein neues Kapitel. |
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