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Herbstblatt 09.11.2010 18:30

Mörderspiel
 
Mörderspiel

In Ihrer Firma steckt der Wurm?
Das Stimmungsbarometer sank!
Die Klimadaten zeigen Sturm?
Doch es gibt Hilfe, Gott sei Dank!

Ein Mordspiel als Betriebsausflug
zur Pflege von Gemeinsamkeiten.
Die schwarze Seele kommt zum Zug.
Sie darf sich straffrei abarbeiten.

Die Hierarchie ist dort egal,
denn jeder schlüpft in eine Rolle.
Man sprengt die Grenzen ganz legal
und amüsiert sich noch wie Bolle.

So ist die Tippse jetzt von Adel.
Der Prokurist dient als Chauffeur.
Ein Außendienstler, frei von Tadel,
wird kuzerhand zum Starfrisör.

Der Chef, sonst scharf auf Lola Meier.
Das Rollenspiel sieht anders vor!
Hier ist er Pfarrer und kein Freier,
und leitet keusch den Kirchenchor.

Denn wer mit wem intim verbandelt,
das geht querbeet durch den Betrieb,
wird vorgeschrieben, nicht verhandelt.
Selbst Mobbingopfer hat man lieb.

Der Mord geschieht gleich nach der Suppe,
als man noch ziemlich nüchtern ist.
Dann rätselt man in kleiner Gruppe,
der Mörder schweigt in stiller List.

Man würdigt die Indizienlage
und fragt sich Löcher in den Bauch.
Es kommt Verborgenes zu Tage
und was zu trinken gibt es auch.

So wird die Stimmung immer besser.
Damit nichts aus dem Ruder läuft,
zeigt man das Tatwerkzeug, ein Messer!
Worauf man munter weiter säuft.

So vieles gilt es zu bedenken!
Wer hat das beste Tatmotiv?
Bedient sich fleißig mit Getränken
und grübelt wieder intensiv.

Wie überall, im wahren Leben,
schwillt manchem allerorts der Kamm.
Die wolln auch hier den Gockel geben,
und krähn umher mit viel Tam-tam.

Doch alles Krähen hilft nicht weiter,
denn nur die Logik führt zum Ziel.
Es ist darum auch oft gescheiter,
man hält den Mund und denkt sich viel.

Am Ende fliegen noch die Fäuste.
Bei zwei, drei Leuten fließt auch Blut!
Der Mörder war der Allerscheuste,
Man fand ihn nicht! Er tarnt sich gut!

Falderwald 04.12.2010 15:54

Moin Herbstblatt,

ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, daß dir das Schreiben dieses Gedichtes einen Mordsspaß bereitet hat.
Oder liege ich da falsch?

Mein persönlicher Strophenfavorit ist dieser:

Zitat:

Denn wer mit wem intim verbandelt,
das geht querbeet durch den Betrieb,
wird vorgeschrieben, nicht verhandelt.
Selbst Mobbingopfer hat man lieb.
Das spiegelt diese ganze Situation gut wieder und zeigt den ganzen Opportunismus der Akteure anschaulich auf.

Eine gute Portion Sozialkritik finde ich hier auch noch versteckt zwischen den Zeilen, denn so ähnlich, wenn auch hier stark überspitzt, geht es ja nun auch im realen Leben zu.

Ich darf aber vielleicht noch einen Vorschlag hierlassen.

Denn in der vorletzten Strophe heißt es:

Es ist darum auch oft gescheiter,
man hält den Mund und denkt sich viel.

Wenn in der letzten Zeile das "sich" gegen "nicht" ausgetauscht würde, träfe es m. E. noch tiefer und wäre zudem ein gelungener Übergang in die letzte Strophe, wo dann ja die Fäuste anfangen zu fliegen.
Was meinst du?


Insgesamt ist das eine gute Satire, gewürzt mit Humor und treffenden Seitenhieben auf unsere moderne Dienstleistungsgesellschaft.

Ein geplanter Mord auf dem Dienstausflug wirkt sicherlich belebend :D auf die Stimmung der Mitarbeiter, weil man ja nicht weiß, wen es treffen wird.

Allerdings würde ich vorschlagen, daß es vorher doch ein paar Absprachen gibt, weil es sonst passieren könnte, daß nicht viel von der Belegschaft übrigbleibt.
Obwohl ein Betrieb, der Arbeitskräfte abbauen will...:rolleyes:


Gerne gelesen und kommentiert...:)


Liebe Grüße

Bis bald

Falderwald

Herbstblatt 19.12.2010 14:02

Lieber Faldi,
jetzt habe ich deine ausführliche Antwort doch noch entdeckt. Hab Dank, für die umfassende Rückmeldung.
Ja, ich hab schon eine Mordsfreude an solchen Geschichten.
Es gibt diese Crime-events ja tatsächlich und ich versuche mir auszumalen, wie so etwas abläuft.
Satire hat Hochkonjunktur. Doch dadurch, dass wir Missstände belachen, sind sie noch lange nicht verschwunden. Satire dient uns Intelektuellen lediglich als Ventil, wie den Katoliken die Beichte.

weihnachtliche Grüße vom Herbstblatt


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