Liebe Sunblower,
dein Zyklus hat eine sehr klare, stille Schönheit.
Du arbeitest mit Bildern, die nicht laut werden wollen, sondern sich wie kleine Lichtpunkte in der Nacht aneinanderreihen. Gerade diese Ruhe macht die Haikus für mich so angenehm zu lesen — sie wirken wie ein Spaziergang durch verschiedene Ausschnitte derselben Nacht, jeder mit einem eigenen, kleinen Fokus.
Besonders stark finde ich das vierte Haiku, das Feder Zensor ja ebenfalls hervorgehoben hat:
Das Spiegelbild des Himmels auf dem schwarzen See ist ein Bild, das ohne jede Verzierung auskommt und gerade dadurch eine große Kraft hat. Es ist ein Moment, der wirklich „Haiku“ ist — eine Beobachtung, die nicht erklärt werden muss.
Was die Kritik von Feder Zensor betrifft:
Er legt den Maßstab der klassischen japanischen Haiku‑Schule an, die radikale Reduktion und absolute Überraschung im Bild verlangt. Das ist eine legitime Perspektive, aber nicht die einzige. Deine Haikus folgen einer anderen Linie: der europäischen Naturlyrik, die sich nicht scheut, mit vertrauten Bildern zu arbeiten, wenn sie stimmig sind.
Dass manche Formulierungen für ihn zu „romantisch“ oder „bekannt“ wirken, ist eher eine Frage seines strengen Ansatzes als ein objektiver Mangel.
Für mich ist der Zyklus in sich geschlossen und atmosphärisch sehr klar.
Du setzt die Nacht nicht als Kulisse ein, sondern als Raum, in dem sich kleine Bewegungen zeigen: der Schweif aus Licht, der Mond als „silberner Poet“, das Sternenlicht, das wie ein kurzer Besuch wirkt. Das sind keine Klischees, sondern klassische Motive, die du mit einer ruhigen Hand setzt.
Und das letzte Haiku — „wünsch dir leise was“ — ist für mich kein Kitsch, sondern ein schöner, zurückhaltender Abschluss. Ein Haiku darf leise sein. Und manchmal darf es auch ein bisschen Hoffnung tragen.
Ein stiller, schöner Sternenreigen.
Liebe Grüße
Falderwald