Hallo Taxi5013,
ich gratuliere! Du hast das Rad der Literaturgeschichte soeben komplett neu erfunden. Wer braucht schon Reime, Rhythmus oder ein Metrum, wenn man eine stinknormale Prosa-Fabel einfach durch exzessives Drücken der Enter-Taste optisch strecken kann? Wenn das ein Gedicht ist, dann ist mein Einkaufszettel eine epische Tragödie von Shakespeare.
Besonders fasziniert hat mich die psychotherapeutische Wirkung deiner Eule „Aurelia“ (klingt übrigens wie eine gehobene Margarinemarke). Da kommt der böse Wolf und fragt, warum ihn alle fürchten. Aurelia blinzelt zweimal, murmelt einen Kalenderspruch aus der Facebook-Gruppe „Inspiration & Kraft“, und schwupps – ist der Wolf „ein wenig mehr vernünftig“. Ein evolutionäres Wunder! Was frisst der Gute denn jetzt im Wald? Beeren und Tofu-Würstchen?
Und dann kommt Jakob. Der Prototyp des melancholischen Rucksack-Touristen, der seine Ex-Freundin anschmachtet. Die Eule erklärt ihm tiefschürfend, dass er seine Vergangenheit nicht als Stein tragen, sondern als Lehrmeister neben sich gehen lassen soll. Jakob versteht das so meisterhaft, dass er den Brief der Ex nicht verbrennt, sondern ihn... einfach wieder zurück in den Rucksack steckt. Grandioser Befreiungsschlag! Er schleppt den emotionalen Ballast also exakt so weiter wie vorher, aber hey, jetzt guckt er dabei wenigstens „glücklich“ in den Mond.
Mitten in diesem hochdramatischen Moment der spirituellen Erleuchtung, als Jakob endlich versteht, dass er nach Hause will, „ruft irgendwo in der Ferne ein Fuchs“. Ein herrlich unfreiwilliges Timing! Wahrscheinlich schreit der Fuchs rüber zur Eiche: „Aurelia, halt den Schnabel mit deinen Wandtattoo-Sprüchen, ich will endlich wissen, wie ich an die Hühner vom Bauern rankomme!“ Aber die weise Eule hatte ja wichtigeres zu tun, als dem armen Raubtier handfeste Überlebenstipps zu geben.
Am Ende hinterlässt Aurelia eine graue Feder als Erinnerung daran, den „Mut zu haben, den Weg auch zu Gehen“. Dass du „Gehen“ am Ende mitten im Satz großschreibst, ist vermutlich die einzig echte künstlerische Freiheit in diesem „Gedicht“.
Ein absolut „fröhliches“ Werk. Ich hoffe inständig, dass der vernünftige Wolf auf dem Rückweg nicht noch Jakobs schafsköpfige Ex-Freundin reißt. Das würde die ganze Harmonie zerstören.
Freundliche Grüße
thommi
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