Thema: Kritik
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Alt 16.10.2026, 20:35   #2
thommi
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.12.2013
Beiträge: 108
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Hallo Floris,

bevor ich auf deinen inhaltlichen Boomerang eingehe, muss ich tief den Hut vor deiner Form ziehen. Du schenkst uns hier eine extrem faszinierende, ungereimte Variation des klassischen Shakespeare-Sonetts! Exakt 14 Zeilen, im Blankvers durchgehalten und strukturell exakt in drei Quartette und dieses zweizeilige Schluss-Epigramm aufgeteilt. Diese strenge, architektonische Struktur der Weltliteratur ganz ohne Reime zu nutzen, um mir die Leviten zu lesen – das zeigt genau die literarische Ahnung und das handwerkliche Können, vor dem ich mich gerne verneige. Du predigst die Kunst der Kritik nicht nur, du demonstrierst sie in Perfektion. Genau deshalb hat dein ausgestreckter Finger bei mir auch so eine verdammt durchschlagende Wirkung.

Dein Boomerang hat mich nämlich exakt dort getroffen, wo es wehtut: bei meiner eigenen Unnachgiebigkeit. Ich gestehe unumwunden ein, dass mir beim Anblick von eklatanten handwerklichen oder logischen Offenbarungseiden schlicht das Temperament durchgeht. Es ist wohl das Erbe von Geistern wie Kurt Tucholsky oder Marcel Reich-Ranicki, das mich dann antreibt – die tiefe Überzeugung, dass ein Text eben nicht nur reiner, unantastbarer Geschmack ist, sondern dass man Pfusch auch beim Namen nennen darf. Aber du hältst mir völlig zu Recht den Spiegel vor: Wenn die Kritik nur noch verletzt, anstatt den Geist wachzurütteln, verfehlt sie ihr Ziel.

Doch lass mich dir zum Schluss eine ganz charmante, philosophische Frage mit auf den Weg geben: Wäre das legendäre Literarische Quartett jemals diese Institution geworden, wenn Reich-Ranicki im Namen der reinen Menschlichkeit jede handwerkliche Katastrophe mit einem sanften Lob weichgespült hätte?

Muss Kritik nicht manchmal unbarmherzig fliegen, um den Geist wachzurütteln, anstatt behutsam zu kriechen?

Du hast mich jedenfalls zum Nachdenken gebracht, Floris. Ich werde versuchen, die Klinge demnächst etwas öfter im Schrank zu lassen und dem herbstlichen Naturidyll mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Deine Oase der Menschlichkeit soll wegen mir keine Risse bekommen.

Herzliche Grüße
thommi

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