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Lyrische Emotion
Registriert seit: 07.02.2009
Ort: Inselstadt Ratzeburg
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Die Vermessung der Identität: Ein Spaziergang durch die neue Maskenparade Es ist ein sonderbares Schauspiel unserer Zeit: Kaum schlägt man eine Zeitung auf oder wagt einen Blick ins digitale Getöse, springen einem neue Etiketten entgegen wie frisch geschlüpfte Schmetterlinge, die sich mit großer Wichtigkeit auf die Stirn der Menschheit setzen. „Neurodivergent“, „non binär“ — Worte, die klingen, als hätte ein gelehrter Botaniker sie im Morgengrauen aus einem besonders empfindlichen Treibhaus gezupft. Ich gönne jedem Menschen sein kleines Schildchen. Wer sich lange im Nebel fühlte, darf sich gern an einem Wort festhalten wie an einem warmen Schal im Winter. Doch die große Parade der Identitäten, die nun täglich durch die Medien stolziert, erinnert mich an jene alten Hofbälle, bei denen die Gäste so sehr mit dem Rascheln ihrer Kostüme beschäftigt waren, dass sie darüber vergaßen, einen Gedanken zu fassen. Die Medien lieben dieses Rascheln. Ein stiller Mensch bringt keine Quote, ein vernünftiger Gedanke keinen Klick. Also lädt man die lautesten Trommler ein, die mit großem Getöse verkünden, die Welt sei ein einziges Schlachtfeld der Selbstbeschreibungen. Die Mehrheit, die einfach nur in Frieden ihren Kaffee trinken möchte, bleibt unsichtbar — vermutlich, weil sie nicht laut genug mit den Armen fuchtelt. Doch sobald man das Gerät ausschaltet, das uns diese tägliche Maskenrevue vorspielt, kehrt die Welt zu ihrer natürlichen Ordnung zurück. Im Alltag interessiert es niemanden, ob der Mensch vor einem eine seltene Kombination aus Kategorien trägt. Man fragt nicht nach dem Etikett, sondern nach dem Benehmen. Ein unhöflicher Mensch bleibt unhöflich, selbst wenn er sich mit einer ganzen Bibliothek an Begriffen schmückt. Die Statistik ist dabei ein treuer Verbündeter: Da die Mehrheit der Menschen „gewöhnlich“ ist, begegnet man auch mehr gewöhnlichen Irrtümern. Das ist keine philosophische Offenbarung, sondern eine einfache Rechenaufgabe. Die Persönlichkeit bleibt der einzige Maßstab, der sich nicht durch Modewörter polieren lässt. Der klügste Umgang mit dem identitären Lärm besteht darin, ihn mit einem milden Lächeln zu quittieren. Man liest eine Definition, verbeugt sich höflich und widmet sich wieder dem wirklichen Leben, das sich nicht durch Etiketten beeindrucken lässt. Vielleicht erreichen wir eines Tages jenen Zustand, den die alten Dichter „Gelassenheit“ nannten: eine Gesellschaft, in der Identität so selbstverständlich geworden ist, dass man gar nicht mehr darüber spricht. Denn am Ende möchte jeder Mensch nur eines — als der korrekte Mensch respektiert werden, der er ist, ganz ohne Trommelwirbel und ohne Maskenball.
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Manchmal muss man eben Dreck fressen, um Gold kacken zu können (Falderwald) Für alle meine Texte gilt: © Falderwald --> --> --> --> --> Wichtig: Tipps zur Software |
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