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Erfahrener Eiland-Dichter
Registriert seit: 15.03.2011
Ort: Stuttgart
Beiträge: 1.836
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Liebe Chavi,
herrlich. Als ich deine "gedichtete Auflistung" von Absurditäten las, musste ich auf der einen Seite lachen und mir auf der anderen an den Kopf fassen. ![]() ![]() ![]() Das geht mir immer so. Ich finde es geradezu unglaublich, wie viel Aberglauben in der ach so modernen Welt des Menschen doch herrscht. Ich jobbte als Jugendliche mal in den Sommerferien in einem Metallbaubeschläge-Großhandelsunternehmen. Dort gab es eine Angestellte im Lager, die tatsächlich an jedem Freitag, den 13. Urlaub nahm, um nicht aus dem Haus gehen zu müssen. Sie richtete sich außerdem täglich genau nach dem Tageshoroskop aus - übrigens dem in der meistgelesenen Zeitung Deutschlands, die mit den vielen bunten Bildern und den extragroßen Buchstaben auf der Titelseite. Stand etwas auch nur annähernd "Negatives" darin, war für sie der "Tag gelaufen". ![]() Psychologisch spricht man da sehr treffend von einer "sich selbst erfüllenden Prophezeiung". Wenn jemand felsenfest glaubt, am betreffenden Tag bestünde laut Horoskop z. B. erhöhte Unfallgefahr im Haushalt, wird sich die Person aus Ängstlichkeit besonders unsicher und ungeschickt verhalten. Anstatt sich darüber im Klaren zu sein, dass ein eventuell dann tatsächlich stattfindender Unfall a) vom Aberglauben und b) vom eigenen Verhalten verursacht wurde, wird so ein Mensch darin eine Bestätigung der Richtigkeit des Horoskops sehen - und sich künftig noch mehr danach ausrichten. Oh, Erbarmen ... ![]() Ich las vor Jahren einmal, dass ein frisch verheiratetes Paar sich - wirklich! - noch vor dem "Vollzug" der Hochzeitsnacht trennte, da der frischgebackene Ehemann stolperte, als er die Braut über die Türschwelle trug. Das wurde als ein so schlechtes Omen für die Ehe betrachtet, dass sie beendet wurde, bevor sie begann. Nicht zu fassen! Zitat:
Auch die bekannten "Bauernregeln", nur als Beispiel, entstammen zum großen Teil diesem "Mechanismus". Sehr hilfreich ist es, das zu wissen. Aberglaube ist häufig auch eine aus einem Erlebnis entstandene "Vermeidungshaltung". Die Vernunft ermöglicht es, dagegen ganz bewusst anzugehen. Ich kann die Funktionsweise meines Gehirns nicht ändern - aber ich kann "Bescheid wissen", und anders damit umgehen. Die schwarze Katze von links - jemand hatte einfach das Erlebnis, dass ihm etwas "zustieß", kurz nach der "Sichtung der Katze". Worauf er da einen Zusammenhang "erkannte", anstatt sich sofort selbst zu sagen: Zufall. Und er erzählte sicher "Hinz und Kunz" davon - und prompt entstand ein Aberglaube ... Die allermeisten Menschen leugnen hartnäckig die Existenz des Zufalls. Es muss einfach Kausalität geben, es muss! Und wenn sie nicht "vorhanden" ist, dann muss sie trotzdem da sein - Grund des "Nichtvorhandenseins": Wir verstehen nur die Zusammenhänge noch nicht. Da sage ich gerne: Ihr habt die Quantenphysik vielleicht verstanden - aber nicht "begriffen", tut mir leid. Der Zufall ist ein existentieller Faktor und kann nicht mehr geleugnet werden. Man mache sich klar, dass der unerschütterliche Glaube an die Kausalität lediglich in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns liegt. Kausalität existiert - aber sie ist nicht "ultimativ". Kausalität und Zufall sind gleichwertige Faktoren. Unser Gehirn sagt uns lediglich: Es muss ein kausaler Zusammenhang vorhanden sein! Der Aberglaube ist das beste Beispiel dafür, wie sehr wir uns da irren können. ![]() Strophe 10 verdeutlicht, dass es beim Aberglauben noch etwas gibt: Zitat:
Glaub mir, liebe Chavi: Auch jede Religion ist nur ein Aberglaube. Und er beruht auf dem gleichen "Denkprinzip". Das zufällige Zusammentreffen von bestimmten Ereignissen wurde als kausaler Zusammenhang identifiziert, und als "eherne Wahrheit" übernommen und aus der felsenfesten Überzeugung der "Richtigkeit" und "Wahrheit" heraus "weitergegeben" - denn etwas so "Wichtiges" müssen die anderen unbedingt wissen, damit sie sich auch danach richten können! Sonst könnte es schlimm für sie werden! Woher stammt wohl der Glaube an die Sintflut? Oder der Glaube an die Bedeutung des Erdbebens bei der Kreuzigung? Oder der an den "Stern von Betlehem? Aberglaube ist eine Mischung aus Gehirnfunktion, Leichtgläubigkeit und Unwissenheit. Einer erlebt etwas, und sieht unwillkürlich einen Zusammenhang. (Ein Mix aus Gehirnfunktion und Unwissenheit genau darüber.) Er erzählt es jemand anderem. Dieser glaubt es. (Leichtgläubigkeit und Unwissenheit.) Irgendjemand schreibt das irgendwann auf. (Alles drei.) Leser glauben es - usw., usf. Warum das Ganze? Weil es einen kausalen Zusammenhang geben muss, unbedingt. Das Kausalitätsprinzip ist nur die "halbe Miete", es wird Zeit, das zu begreifen. Denn auch wenn es in bestimmten Fällen gar keinen kausalen Zusammenhang gibt - wir stellen einen her, damit es "passt". Und es muss passen. Wie sehr die Quantenphysik das Grundprinzip menschlichen Kausalitätsdenkens tatsächlich "kippt", ist den wenigsten klar ... Weshalb dieses "Festhalten" an der klassischen Physik? Weil es den meisten nicht gelingt, das "Kausalitätsdogma" im eigenen Denken zu erkennen und zu überwinden. Ich spreche aus Erfahrung: Das ist extrem schwer! Denn man muss buchstäblich gegen die eigenen "Denkfunktionen" andenken - und da hilft der Verstand nicht, denn dieser ist "kausalitätssüchtig". Hier hilft nur die reine Vernunft. Auch die Überzeugung, alles beruhe auf kausalen Zusammenhängen ist - genau betrachtet - ein Aberglaube ... Eine kleine Scherzfrage zum Abschluss, die ich bereits seit Kindertagen kenne, und die hier sehr schön passt: Frage: Was ist das? Es hängt an der Wand, macht Tick-Tack, und wenn es herunterfällt, geht das Gartentor auf. Antwort: Zufall. ![]() ![]() ![]() Sehr, sehr gerne gelesen und kommentiert! ![]() Liebe Grüße Stimme
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Geändert von Stimme der Zeit (03.01.2012 um 10:50 Uhr) Grund: Kleine Ergänzung. |
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