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#1 | |
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Gast
Beiträge: n/a
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Zitat:
Im Hinblick auf dieses Phänomen zerfällt die Welt der Dichter nun in die Gruppe derer, die ihre Leistung darin sehen, den Ansturm der Ideen auszuhalten und nutzbar zu machen und die Gruppe derer, welche die geduldige, wochen-, monate- oder jahrelange Puzzlearbeit am Gedicht als den Weg zum Erfolg definieren. Rilke gehört klar in Gruppe 1, auch Kafka und Ingeborg Bachmann finden wir hier. Kafka erklärt: "Selbstvergessenheit ist erste Voraussetzung des Schriftstellertums". Und Bachmann schreibt: "Ich habe aufgehört, Gedichte zu schreiben, als mir der Verdacht kam, ich 'könne' jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe". Edgar Allan Poe ist hingegen eindeutig in Gruppe 2 zuhause, wenn er in seinem Essay "The Philosophy of Composition" das Schreiben eines Gedichts (am Beispiel von "The Raven") als eine präzise und planvolle Arbeit beschreibt, vergleichbar der Lösung eines mathematischen Rätsels. Letzten Endes geht es bei diesen beiden Sichtweisen wohl um die Frage nach der Autonomie des Dichters. Der intuitive, nicht-planende Dichter kann sich, wenn alles gut geht, von äußeren Erwartungshaltungen und Konventionen lösen, gewinnt also eine Autonomie für das fertige Werk; dies allerdings um den Preis des Ausgeliefertseins an die Intuition. Die Schreibblockaden und schöpferischen Stockungen im Werk von Rilke, Kafka oder Bachmann sind deutliche Beispiele für diesen zu zahlenden Preis. Der planvoll agierende Dichter gewinnt demgegenüber die Autonomie für den Prozess der Werkentstehung, losgelöst von metaphysischen Intuitionen ist er in der Welt verankert. Der Preis, den er zahlen muss, ist aber, dass das fertige Werk sich an seiner Welt-haltigkeit messen lassen muss. Der intuitive Künstler ist ein Verkünder des Schönen, der planvolle Artist ist ein Vermittler zwischen Schönheit und Welt. |
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#2 |
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TENEBRAE
Registriert seit: 18.02.2009
Ort: Österreich
Beiträge: 8.570
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Hi Sufnus!
Sehr schön definiert. Hinzuzufügen bliebe noch, dass natürlich keine dieser beiden Formen in absoluter Reinheit vorkommen, sondern ALLE Dichter haben beides, bloß in unterschiedlichem Verhältnis. Ich gehöre eindeutig in Gruppe eins, muss beim Schreiben und danach aber oft genug Kleinigkeiten nachbessern oder korrigieren, da kommt mir das Planvolle zupass. Und ohne jegliche Inspiration hätte sich Poe wohl überhaupt gar nicht erst an den "Raben" gesetzt. LG, eKy
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Weis heiter zieht diese Elend Erle Ute - aber Liebe allein lässt sie wachsen. Wer Gebete spricht, glaubt an Götter - wer aber Gedichte schreibt, glaubt an Menschen! Ein HAIKU ist ein Medium für alle, die mit langen Sätzen überfordert sind. Dummheit und Demut befreunden sich selten. Die Verbrennung von Vordenkern findet auf dem Gescheiterhaufen statt. Hybris ist ein Symptom der eigenen Begrenztheit. |
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#3 |
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Erfahrener Eiland-Dichter
Registriert seit: 27.08.2014
Beiträge: 470
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Kräftiger Ausdruck. Präzise Formulierung. Gut gemacht.
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Das Leben ist eines der schwierigsten. |
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#4 |
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TENEBRAE
Registriert seit: 18.02.2009
Ort: Österreich
Beiträge: 8.570
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Hi Terry!
Vielen Dank für die präzise, dabei gänzlich unprätentiöse Analyse und das Lob! ![]() LG, eKy
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Weis heiter zieht diese Elend Erle Ute - aber Liebe allein lässt sie wachsen. Wer Gebete spricht, glaubt an Götter - wer aber Gedichte schreibt, glaubt an Menschen! Ein HAIKU ist ein Medium für alle, die mit langen Sätzen überfordert sind. Dummheit und Demut befreunden sich selten. Die Verbrennung von Vordenkern findet auf dem Gescheiterhaufen statt. Hybris ist ein Symptom der eigenen Begrenztheit. Geändert von Erich Kykal (01.04.2018 um 22:45 Uhr) |
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