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Alt 07.06.2021, 20:24   #1
Falderwald
Lyrische Emotion
 
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Standard Der Bürgermeister von Münchhausen

Der Bürgermeister von Münchhausen

Es war einmal ein kleiner Bürgermeister, dem war das Vertrauen gestorben und er war so arm, dass er kein Kämmerlein mehr hatte, um darin zu verwalten und kein Stühlchen mehr darin zu sitzen.

Seine Stadtoberen setzten ihn einfach so auf ein Fahrrad und jagten ihn über die von ihm heimlich erbaute Brücke zur Stadt hinaus. Das empfanden viele als umweltfreundlich. Er tat dies nicht.

Der Heimweg war lang und es wurde dunkel. Nebel zog auf. Plötzlich steckte er mit beiden Rädern im Sumpf fest. Stahlross und Reiter sanken immer tiefer – wirklich immer tiefer. Entsetzen machte sich breit, aus Panik mutierte das stolze Ross zum Drahtesel.

Aber siehe da! Plötzlich sah man den Verjagten, sich am eigenen Schopfe wieder empor ziehen. Und du glaubst es oder nicht, mit ihm zusammen seinen triefenden Eisentraber.

Was für ein Anblick!

Nach dieser Heldentat kehrte er zum Stadttor zurück und begehrte wieder Einlass, da ihm die Stadtrechte nicht ganz entzogen waren. Immerhin durfte er sich frei bewegen, nur das Rathaus war ihm verboten.

Doch viele Dinge wurden öffentlich beraten. Die Zeit verging rasend und eine Sitzung jagte die andere. Dem war kaum hinterher zu kommen. Mit einem Mal wurden über dem Stadthimmel mysteriöse Flugobjekte beobachtet und es stellte sich heraus, es war der Bürgermeister. Er ritt auf einer Kanonenkugel hoch über der Stadt von einer Sitzung zur nächsten und manchmal stieg er dabei in der Luft auch noch um.

Das Volk auf der Straße deutete schon andächtig nach oben und flüsterte: „Zieht den Kopf ein, heute fliegt er wieder tief! Morgen den Regenschirm nicht vergessen!“

Manchmal sah man ihn auch unten am See Leinen sternförmig auslegen. An ihrem äußeren Ende war ein Speckstückchen festgebunden. In der Mitte stand er und hielt die Schnüre fest. Da kamen die Enten und fraßen den Speck. Alle hingen sie nun an der Leine und als sie aufflatterten, da hoben sie ihn mit sich in die Lüfte und man sah ihn elegant sich an einer Hand festhaltend über den See entschweben und mit der anderen freundlich winken.

Wieder ein anderes Mal wurde er dabei beobachtet, wie er auf dem Rad sausend einen achtbeinigen Löwen jagte und dabei über die Ladefläche eines vorüberfahrenden LKWs mit Anhänger sprang.

Als ihm das einmal nicht gelang und sein Drahtesel dabei zweigeteilt wurde, sah man ihn eifrig strampelnd mit dem vorderen Teil weiterhuschen, während sich der hintere mit einem einsamen Einrad am Straßenrand vergnügte.

Nun, er hatte Zeit und so verschaffte er sich heimlich doch noch seine Bühne, auf der er auftreten konnte.

Er präsentierte sich darauf als strahlender Held, der völlig zu Unrecht aus seinem Amt verjagt wurde.

Ja, das waren schon seltsame Zeiten. Die Wahrheit stand der Wahrheit gegenüber und konnte sich nicht entscheiden. Alle anderen irrten, nur einer proklamierte das Recht für sich.

Doch auch die schönste Seifenblase muss einmal platzen. Wenn man ehrlich ist, dann ist sie das bereits. Denn ihren Glanz hat sie schon längst verloren.

Und damit Sie es wissen! Das ist nur ein Märchen. Ich habe es nie geschrieben, und wenn doch, dann war es mir nicht bewusst. Vor allen Dingen war es nicht so gemeint, da alles nur erstunken und erlogen ist.

Falderwald


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Oh, dass ich große Laster säh', Verbrechen, blutig kolossal, nur diese satte Tugend nicht und zahlungsfähige Moral. (Heinrich Heine)


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Alt 09.06.2021, 21:05   #2
Thomas
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Registriert seit: 24.04.2011
Beiträge: 3.314
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Lieber Falderwald,

eine lustige Variante der Abenteuer des Lügenbarons, und wie ich vermute, konkret aus dem Leben gegriffen. Und obedrein ein erfreuliches Lebenszeichen von dir. Ich selbst habe überlegt, die Ereignisse der letzten Zeit von Berlin nach Schilda zu verlegen, habe es dann aber gelassen, weil ich zu traurig und wütend wurde. Schön dass du dir Kurve bekommen hast.

Liebe Grüße
Thomas
__________________
© Ralf Schauerhammer

Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft. Friedrich Schiller
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