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Alt 12.01.2018, 19:14   #1
ginTon
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Standard Essay: Träume, träume

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Essay

William Butler Yeats, The Song of a Happy Sheperd aus Crossways, 1889: Neue Träume, neue Träume; es gibt keine Wahrheit außerhalb deines Herzens […] träume, träume, denn auch das ist wahr.

Quelle: Michael Hamburger Wahrheit und Poesie: Spannungen in der modernen Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart. Berlin, Wien: Ullstein Verlag 1985.

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Ist der Traum an sich nicht schon eine verträumte Ansicht eines nicht mehr greifbaren Weltbildes. Ist der Traum nicht nur ein verklärter Lobgesang, des einen, des romantisch in sich gekehrten Dichters. Ist der Traum vielmehr eine Weltflucht, vor dieser objektiv zu geprägten Welt. Was ist ein Traum und wodurch lässt sich diese Aussage bekräftigen oder revidieren. Ist diese Textzeile mitunter wiederum nur ein schwer verständlicher Ansatz eines Einfalls und wenn ja, was ist dem Dichter Yeats hier eingefallen. Ist ihm diese Textzeile wortwörtlich zugefallen oder hat er sich womöglich etwas dabei gedacht als er diese Verse niederschrieb. Bleiben die ersten Zeilen noch klar verständlich Neue Träume, neue Träume fett unterstrichen mit dem Gefühlsansatz Herz, mit dem klar eine Trennung zwischen Gefühltem und Erdachtem vollzogen wird, bleibt der Begriff dazwischen eher vage. So wie das Schwanken eines Blattes im Wind, schweift das zu Erfassende zwischen Neuem, Neuerlebten, Errungenschaften und diffusem Unbewussten hin und her. Stellt der Dichter Yeats in diesen Zeilen also objektive Zukunftsträume subjektiv real Geträumten gegenüber und verklärt das Bewusste somit ins Irreale? Warum erhebt er den Traum ins Paradoxe, in dem einerseits der unmittelbare Querverweis und die Warnung auf eine zunehmende Objektivierung der Welt als negativ und die daraus resultierenden herzlosen Luftblasen mit Vorsicht zu betrachten sind. Andererseits scheint sich der Dichter über den Wahrheitsgehalt einer ganz bestimmten Art von Träumen durchaus bewusst zu sein. Hat Yeats damit Recht? Und gibt es zwischen Traum und Träumen überhaupt einen Unterschied?

Der Duden, ein dickes, in rot gestaltetes Nachschlagewerk und ein äußerst nützlicher Wortband für alle zeitgenössisch interessierten Wortfetischisten versteht unter dem Begriff Traum: 1) eine im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen, Bildern, Ereignissen, Erlebnissen oder 2) einen sehnlich, aber unerfüllten Wunsch beziehungsweise eine schöne Person oder Sache, die wie die Erfüllung geheimer Wünsche erscheint. Übersetzt neigt der wissbegierige Leser also dazu, jene psychischen Aktivitäten während des Schlafzustandes als lebhafte Bilder, in Verbund mit oft sehr intensiven Gefühlen, den Fantasievorstellungen und Imaginationen im bewussten Zustand, den Tagträumen gegenüberzustellen. Demnach und folgt man dem normalen Tagesrhythmus eines Menschen, ist die Trennung schwarz/weiß, hell/dunkel oder Tag/Nacht ein demnach durchaus vielversprechender Ansatz. Hinzu kommt die Tatsache oder Annahme, dass Tagträume willentlich gesteuert und bewusst herbeigeführt werden und sich durch Nachlass an Konzentration selbst entfalten. In welchen Sphären der Geist dann auch verweilt, so stellte A. Einstein folglich darüber fest, dass: „die Phantasie wichtiger ist als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“. Dieser Spruch scheint jedoch ein wenig Paradox, da wir als Teil eines unbegrenzten Universums, ebenfalls theoretisch unbegrenztes Wissen hätten, wenn wir uns nur als Teil dieses Ganzen betrachten würden. Vielleicht nicht den Zugang dazu, aber die Möglichkeit. Diese Möglichkeit sah Einstein zumindest in der Dummheit, die er „ebenso unendlich ansah, wie das Universum“. Genauso zweigeteilt erweist sich E. Kant, wenn er sagt: „Phantasie ist unser guter Genius oder unser Dämon“.

Im Gegensatz dazu treten Nachtträume in allen Phasen des Schlafes auf, wobei es zu besonders intensiven Bebilderungen während der Tiefschlafphase kommt. Erwähnenswert ist sicherlich, dass auch diese Träume bewusst gesteuert werden können, die Forschung jedoch hier, sozusagen noch in den Kinderschuhen steckt. Es wird dann von sogenannten Klarträumen gesprochen, in dem durch Techniken der Inkubation sich der Träumer bewusst wird, dass er sich in einem Traum befindet und diesen auch bewusst steuern kann. Ein faszinierendes Bildspektakel zu diesem Thema war der Film Inception (1) mit Leonardo di Caprio, der mit einer schwermütig, schicksalsgebeutelten Träne im Gesicht feststellen musste, nachdem seine Frau, eben durch jene Zuflucht in diese Welt, verstorben, ein Loch in seinem Herzen hinterließ… Am Anfang war es gar nicht so schlecht sich wie Götter zu fühlen. Das schlimme daran war, zu wissen, dass nichts davon real ist.(2)

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1) Inception ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Film aus dem Jahr 2010 von Christopher Nolan. Nolan entwirft darin ein Modell der Beeinflussung des Bewusstseins durch gemeinsames Träumen. Es werden vor allem gängige Methoden des Klarträumens angesprochen, dem sogenannten luziden Träumen. Der Protagonist untersucht ständig mittels eines Kreisels, ob er sich im Traum befindet oder nicht. Diese Methode lässt sich am besten als Reality Check beschreiben, eine Methode um Klarträume zu inkubieren. Diese Technik wird auch WILD (englisch: Wake-Initiated Lucid Dream; deutsch: vom Wachzustand eingeleiteter Klartraum) genannt.

2) Filmzitat aus Inception, einem US-amerikanischen Science-Fiction-Heist-Filmes aus dem Jahr 2010 vom US-amerikanisch-britischen Regisseur Christopher Nolan.






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Apropos Götter, sie sollen ja bekanntlich die Unterwelt bewohnen, und zu ihrer Besänftigung Opfer empfangen und die Menschen in ihrer Dämmerung: Ich habe noch nie einen Wassermann gesehen (3) theatralisch rufen lassen. Also neben Einhörnern und anderen überproportionierten surrealen Gruselgeschöpfen, die höhere Stufe darstellen, deren natürlich immer hungriger Magen auch immer laut knurrt. So verspeiste Kronos, in der griechischen Mythologie der Sohn der Gaia (Erde) und des Uranos (Himmel), all seine Kinder, aus Angst, dass diese, wie er zuvor seinen Vater, die Macht entreißen könnten. Zeus, der spätere Herrscher über den Olymp und Sohn des Kronos, wurde hingegen von seiner Mutter Rhea in einer Höhle versteckt und konnte später wiederum seinen Vater stürzen. Interessanterweise nimmt selbst die Bibel, zumindest in Teilen seiner Schöpfungsgeschichte, einen ähnlichen Verlauf. So heißt es im ersten Buch Mose:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Dieser Verlauf eben über jene Erde (Gaia) und Himmel (Uranos), deren Sohn Kronos, also die Zeit in Tag und Nacht aufgeht, entspricht in etwa dem Hell/Dunkel Rhythmus der olympischen Götter. Eigentlich sollte es also heißen; Am Anfang war das Nichts oder um auf die Griechen zurückzukommen, das Chaos. Aus dem Chaos heraus entstanden die Geschwister Gaia (Erde), Erebos (Dunkelheit), Eros (Begierde), Tartaros (Unterwelt) und Nyx (Nacht). Die Nacht gebar mit Erebos, der Dunkelheit, einen Sohn, Hypnos, den Gott des Schlafes, der, wie sein Bruder Thanatos, der Tod, in der Unterwelt lebt. Ob nun in einer Höhle, dem Ursprung des Flusses Lethe (Vergesslichkeit), wo Tag und Nacht sich scheiden oder auf einer Trauminsel; er ist und bleibt der Vater der Träume und seine Kinder heißen: die Gestalt (Morpheus), der Schrecken (Phobetor) und die Fantasie (Phantasos). Hypnos, im Übrigen, ist ein schlafender Jüngling und mit Schlafmohn bekränzt, welcher singend wohl sinkt:

In meinem Himmel ist es rot gefärbt / vom roten Mohn, der auf den Feldern liegt / Ich zupfte ihn mit dir. Was daran blieb / brach in der Nacht am regennackten Herz / ins Licht gelöst, dann gab ich dir die Hand / die sich ein kleiner Junge zügig nahm / Ich weiß nicht mehr wie er zur Pforte kam / verwischte Schemen habe ich erkannt.

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3) Filmzitat aus The Cabin in the Woods, einem US-amerikanischen Horrorfilm aus dem Jahr 2012 vom Regisseur Drew Goddard.




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Und diese Schemen sind eben jene, jenem Höhlengleichnis entsprechend, die selbst Platon in seinen Gedanken Ideenlehre nannte und die, bis zu ihrem Aufstieg ans Tageslicht, den Weg vom reinen Sinnesobjekt zur geistigen Stätte schaffen. Also wir in einer Höhle sitzend und dem Ausgang abgewandt. Ausschließlich zu einem kaum großen Loch in der Höhlendecke zugewandt, durch das bruchstückhaft die Projektion der äußeren Welt an die Höhlenwand vordringt. Teilweise und verfälscht wahrgenommen, also kaum noch Wahrheit, sondern nur Wahrheit in Umrissen. Und dann der Wille, die Wirklichkeit hinter sich zu lassen und die Wahrheit zu erobern. Ach, wäre dies nicht schön anzuschauen. Ich würde sagen Herr Yeats ist ein Träumer.

Sagen wir, Herr Yeats ist ein Träumer. Er schließt die Augen und entdeckt die Zeit. Er reist von der Insel Lemnos bis zu den Ufern des Schwarzen Meeres, taucht in die schwarzen Wälder, verirrt sich und wacht wieder auf. Jeden Tag, dann dreht er sich aus dem weißen Tuch, bleich, reibt sich die Augen und schreibt die Bilder auf Papier: Die Sonne an dem Tag stand hoch. Der Himmel war schwarz wie die Nacht und nur die feinen Kristalle und schneeweißen Körner des Sandstrandes kündigten von dem Licht, das sich in ihnen widerzuspiegeln schien. Ansonsten erinnerte die Szenerie an einen harten Kontrast, der am Horizont scharfkantig die Ebenen voneinander trennte und dem Betrachter zwischen Hell und Dunkel unterscheiden ließ. Auch die kleinen, schuppenartigen Wellen des Meeres schienen von Beidem etwas zu enthalten und funkelten in der Stille wie kleine Tränen. Als sich plötzlich und unerwartet aus dem schwarzen Vorhang Schiffe lösten. Ruderschiffe, morsch und knarrend, Metamorphosen von Krähen, die sich auf das Wasser niederließen. Mit zerfetzten Segeln, die für den Wind nicht mehr taugten. Ein Heer von schwarzen Rüstungen. Huaaah. Das war der einzig hörbare Laut und das Rasseln von blankem Metall auf Metall, welches sich heranschlich, neu formierte und an einem hohen burgartigen Wall an den sandsteingroßen Kolossen verharrte. Alles schien zu schlafen und die mächtigen Türme strahlten eine Form von Erhabenheit, Ruhe aus, deren Ruf Silberscharen folgten, glänzende Rüstungen und Schlachtgemetzel. In all diesem Tumult fühlte sich Herr Yeats wie ein Besucher, schwebte über den Köpfen hinweg und entschwand geistesartig, wenn ihn jemand entdeckte, ihn verfolgte. Bis er schweißgebadet wieder aufwachte.

Waren es Traumdämonen, die Herrn Yeats in dieser Nacht begleiteten? Aus Ovids Metamorphosen entsprungene Brüder gleich Morpheus, der im Traum jedwede menschliche Gestalt, Phantasos die Naturgewalten sowie Phobetor jede Tiergestalt annehmen kann. Oder handelt es sich, wie von Freud beschrieben, um eine Form des Es, einer unbewussten Struktur, deren Ausdruck, die des Triebes sind. Doch um welchen Trieb sollte es sich in diesem Fall handeln, einzig der Todestrieb käme einem Schlachtgemetzel wohl am nächsten. Und so würde Freud anhand seines Strukturmodells (4) dieses Es proklamieren, welches vor allem die jüngere Generation wohl dann in unruhiges Herzrasen versetzen würde. Denn Es (5), ist dies nicht dieser Alptraum just aus Kindertagen in denen wir, in einer fiktiven Kleinstadt namens Derry, dieses namenlose pure Böse begegnen, in der Illusion unserer größten Angst. Und ist dieses Es dann nicht etwas wirklich Gefährliches, so dass Ich wie ein Held in einer hellen Ritterrüstung heraus galoppieren möchte, um Es auf meine Lanze zu spießen. Freud, der alte Lustmolch hätte mit diesem Phallussymbol sichtlich seine große Freude, uns ständen dennoch die Schrecken im Gesicht. Hier der schwarze Ritter, wieder böse, dort der weiße, wieder gut. Frauen seufzen, jaaa, beim Anblick dieses Animus und dann erstürmt er ihre Festung, genauso wie sie es immer wollte. Oh Herr, dieser Jung, dieser C.G. Jung, der weiß genau was Frauen brauchen, kraftstrotzende Archetypen (6) genau, das wollen sie. Ich glaube Herr Yeats träumt einfach weiter:

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4) Das Strukturmodell der Psyche von Sigmund Freund ist ein beschriebenes Modell der Einteilung menschlicher Psyche in Es, Ich und Über-Ich. Das Es spiegelt in dem Modell das Unbewusste, die Triebe des Menschen wieder. Das Ich steht für die bewussten Denkprozesse des Menschen. Unter dem Über-Ich versteht Freud, die äußeren Komponenten, wie Moral, Gehorsam und Werte, also allgemein die kulturelle Umgebung.

5) Es (Originaltitel: It) ist ein verfilmter Horror-Roman des amerikanischen Schriftstellers Stephen King.

6) Das psychologische Modell der Archetypen wurde von Carl Gustavs Jung entwickelt. Es veranschaulicht unbewusste symbolische Bilder wie sie in Träumen oder Visionen vorkommen. Ein archetypisches Symbol zeichnet sich dadurch aus, dass es das menschliche Bewusstsein in Kontakt mit dem kollektiven Unbewussten bringt. Symbolbedeutungen hängen vom sozialen Kontext sowie kulturellen Hintergrund eines Menschen ab. Als archetypische Symbole gelten zum Beispiel: Kind, Krieger, Wanderer, Früchte, Hausbau, Feuer, Fluss, See und viele weitere mehr. Große Bedeutung erlangen hierbei die männlichen und weiblichen Archetypen Anima und Animus, die von individueller Erfahrung unabhängige Urbilder darstellen, Seelen oder Elemente.




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Der Sandstrand an dem Tag veränderte sich, wurde grau bis mehlig, Staub, verlassen und das aufkommende Tosen des Meeres kalt und unnahbar. Wellen schlugen auf Wellen und gegen entfernte Felsen, die schwarz und scharfkantig aus der See ragten und in der Gischt schäumten. Ihre glatten Flächen perlten und flossen in die Dunkelheit zurück. Das Meer war aufgewühlt und energiegeladen Rattertatat Schützengräben. Schützen rattertatat. Am Strand Geflacker des Meeres und Schützengräben. Explosionen. Entfernte Mündungsfeuer. Über dem Wasser. Rattertatat. Hier hat Herr Yeats Sandburgen gebaut, als kleiner Junge, große feste Gebilde. Mit einer Schaufel, die größer war als er, Wasser geholt und Gräben gebaut. Burggräben und Zinnen für kleine Figuren, Plastikfiguren, die sich bekämpften. Rattertatat. Hier hat Herr Yeats Krieg gespielt. Verbrannte Erde, ringsherum verbrannte Erde. Der Sandstrand leer, bis auf zerstörtes Kinderspielzeug, leer und leblos. Leblose Beine und verbrannte Arme aus Plastik. Die Haut voller Brandblasen und die Haare bis auf Reste zusammengeschrumpft. Ihre Augen blicken starr in den Himmel, der unnahbar über dem Ganzen hängt, vom Betrachter so weit entfernt, dass er nicht aufsieht und ausschließlich Zerstörung fixiert, keinen Vogel hört und auch keine Blumen sieht. Herr Yeats erinnert sich nicht mehr, wie der Himmel aussah und will schlafen, einschlafen und träumen.

Himmelherrgott hat denn dieser Yeats nur dunkle Träume. Dort die Ritter, hier der Krieg. Was bedeutet Krieg eigentlich. Als Traumbild verweist Krieg stets auf einen Konflikt. Er ist letztendlich eine gewaltsame Art, um mit Elend und Unruhen fertig zu werden und die Ordnung wiederherzustellen und dies auf dem schnellsten Weg. Der Krieg kann jedoch auch mit tatsächlichen, noch nicht verarbeiteten Kriegserlebnissen zu tun haben und ist oft ein Zeichen unbewältigter Ereignisse aus der Vergangenheit. Würde Herr Yeats heute noch Leben und hätte diesen Traum vor sagen wir 10 Jahren gehabt, könnte man ihm damit durchaus auch etwas Prophetisches abgewinnen. Schon Alexander der Große, ließ sich vor seiner Schlacht vom Orakel in Delphi die Zukunft legen, welches ja im bekannten Satz „Lass ab von mir, du bist doch unüberwindlich, Junge!“ endete, weil er, jugendlich und voller Ungeduld, die Pythia aus ihrem Tempel zerren wollte. Madame Pythia galt als weiseste Frau des Altertums, opferte eine Ziege und berauschte sich an hervor steigenden Dämpfen. Dann tanzte sie, nackt wie sie war. Für die Armen schüttelte sie die Bohnen: schwarz oder weiß und für die Reichen hatte sie immer ein Spruch auf Lager „Erkenne dich selbst“. Und Neo, der durch diese Pforte schritt, war zwar nicht reich, aber er war der Auserwählte, ja, der war er, unser Retter, der Erlöser. Durch diese Pforte musste er kommen. Und er erstarrte mitten im Raum, wahrscheinlich an Schlafparalyse, im Auge des Malers Füssli Der Nachtmahr, den Nachtmahr auf seiner Brust sitzend und atemlos, der Fisch, in einer Art Schnappatmung unfähig zu sprechen, sich zu bewegen, vom Wachsein zum Schlafen, vom Schlafen zum Wachsein. Immer diese Halluzinationen. So und jetzt aber mal einen schönen Traum Herr Yeats. Am besten vor dem Schlafengehen, sich etwas Schönes vorstellen. Was halten sie denn von der Erotik. Formulieren Sie doch im Bett zehn Mal, kurz vor dem Einschlafen, ihr Problem. Wie erobere ich sie am Besten. Nicht die Welt, wie Alexander, sondern die Frau, die Frau natürlich. Die Milchkammer nie leer von guter Milch und Butter […] O, die Träume, die Träume, die qualvollen, herzversengenden […] Zwischen den weißen quellenreichen Wegen und den feuchten Binsen.(7)

Auf dem Fluss. Immer auf dem Fluss entlang. Diesen langen, langen Fluss mit seinen Windungen, seinen roten, roten Schweißgesichtern. Wie das rohe Fleisch, das vor ihm auf den Blanken liegt. Roh und nackt, nahezu animalisch. Ein Stück Fleisch, beiß hinein, iss. Dann kommt sie aus der Kajüte, einer Windsbraut gleich. In ein weißes Tuch gehüllt, wallend, stürmisch, in ein Hauch von Nichts und zieht ihn an sich, zieht ihn aus. Und ihre Brüste, wie sie beben, rot so rot im Dämmerlicht. Und diese Lippen, die er küsste. Atemloser, wilder Sex. Ach, Herr Yeats jetzt wird es Meer. Meer und Weite immer mehr. Es verwandelt dieses Schiff, wie das Wasser sich verwandelt. Erst ein Fluss und dann zum Meer. Erst mit Segel, dann auf Tauchstation. Wie tief wollen wir tauchen, Herr Yeats? Bis zum Grund, bis zum Grund der See. In die tiefe Tiefe tauchen. Dort ist es schwarz und kein Licht dringt dorthin vor. Eingehüllt in schwarzer, tiefer See, hinab getaucht und dann langsam wieder aufgetaucht. In der Ferne, eine Insel, meine grüne, immergrüne Insel. Aus den Nebeln, wie sie ruft. Gleich der Windsbraut in dem seichten Tuch. Eine Quelle und das Geräusch des Wasser, fließend, rauschend oder tropfend: Tripf Tropf Tropf…


Sehen sie Herr Yeats, dies ist das Ergebnis einer wahrlich gelungenen Trauminkubation (8). Hier der große Fluss, Energie, Energie in Form von gefühlter Bewegung oder auch Lebensfluss genannt, also der Weg von A nach B: Gestern saß ich noch im Schoß der Mutter und heute klopfe ich an der Tür des Todes. Unten, auf die Schulter des Fährmanns und drücke ihm einen Taler in die Hand, in der Hoffnung, dass Lethe, der Fluss des Vergessens mich ins Elysium hinübertrage, auf dass wir singen: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elisium, Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum; gleichwohl mit Schiller, dessen Feder diese Verheißung schwang. Es fühlt sich an wie Paradies, Oh ja, wohl dieser Insel, die sich aus den Nebeln schwang und die du, Herr Yeats, so trefflich zu beschreiben wusstest: In Irland sind diese Welt und die, dahin wir nach dem Tode gehen, nicht weit auseinander [...] daß es scheint, als sei unser irdisch Hab und Gut nichts anderes, als der Schatten der jenseitigen Dinge […] nur wird das Dachstroh dort niemals undicht und die weißen Wände verlieren ihren Schimmer nicht.(7)
Und dort, wo dein sanfter Flügel weilt, wird auch die Braut im weißen Tuch dich unter einem schattigen Baum in den Schlaf wiegen. Doch wer ist diese Braut? Ist es womöglich Irland, dein Heimatland oder ist es doch etwas tief im Inneren, eine Frau vielleicht und das spirituelle Bedürfnis nach Liebe und Erkenntnis. Oh Herr Yeats, würde sie sagen:

Halt mich fest, flüstert sie und schlaf mit mir. Schlaf mit mir ein und träume von uns. Uns auf der Wiese und wie ich den Baum sah am Straßenrand vor einem Blau, wie aus Botticelli‘s Gemälde die Geburt der Venus oder Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste, ein Himmelblau eben, welches anders ist, welches wie gemalt ist. Und dieser Baum, der zunächst blätterlos im Kontrast dunkel sich absetzte und sich verwandelte und erblühte in tausend rosa Blütenblättern, die sich entgegenstreckten und die Umgebung belebten. An einer gewundenen Straße, die sich am Horizont verlor und dieser Baum aus dem kleine Insekten, Libellen hervor schwirrten, aus den Blütenblättern heraus, die Blütenblätter waren. Dort hinter einem Blatt saß eine Gottesanbeterin und schien mit ihrem Schatten ein japanisches Theater aufzuführen, streckte ihre Glieder und führte einen Tanz auf, langsam, bedächtig, so wie Gottesanbeterinnen eben sind. Und die Insekten, wie sie sich verloren und anfingen zu lieben, ihre Körper verschmolzen, eins waren auf dieser Straße im Irgendwo.

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7) William Butler Yeats Erzählungen und Essays, Leipzig: Insel Verlag 1916. Quelle: Spiegel online Gutenbergprojekt, Übersetzung: Friedrich Eckstein - Wien 1914.

8) Trauminkubationen stehen für die Sitte, am Tempel beziehungsweise an Kultstätten zu schlafen. Im Schlaf erhält man ein Gebot zur Heilung von Krankheiten oder ein Orakel. In der griechischen Kultur wurde an verschiedenen Kultstätten der Tempelschlaf gepflegt, um im Traum Heilung oder Rat von einer Gottheit zu erlangen, z.B. in der Kultstätte von Epidauros, welche Asklepios, dem Gott der Heilkunde gewidmet war. Es ist also ein Versuch, eine bestimmte Art von Traum zu erhalten und aktiv Einfluss auf das Traumleben zu nehmen um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.




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Blau, ist dies nicht die Farbe der Ferne, wenn wir barfuß nackt, die Arme ausgebreitet auf der Wiese liegen und anfangen abzuschweifen. Blau ist doch die Farbe des Himmels, der Sehnsucht und der Harmonie, des inneren Friedens,

blau ist auch der Himmel den wir grenzenlos bereisen
um dann rückwärts über unsere Füße stolpernd rot zu
sehen:

wie das Rot deiner Lippen das ich stumm wie ein Fisch
herbei fieber um endlich wieder blau zu tauchen…

Und wie in dem Gemälde der Garten der Lüste, ein Garten Eden. Ist es dann nicht natürlich und von transzendenter Bedeutung, dass gerade ein kleines Geschöpf, wie das Insekt uns vorführt, wie mit dem Schöpfer kommuniziert wird, was die Natur des Betens ist: Geburt, Tod und Wiederkehr in einer Kette von Metamorphosen. Dort in der Mitte, breitgefächert, steht er da, ein Baum immergrün und himmelsstürmend. Dieser Weltenbaum, der Himmel und Erde verbindet. Und du, der du nach diesem Baum suchst, in einem Zeitgeflecht aus unsterblicher Zerbrechlichkeit, zerbrichst immer wieder aufs Neue, bis zu deiner Erlösung. Ach Liebste, könnte ich nur dich retten, dann würde ich auch mich retten. Luftblasen formen und den Raum und die Zeit überwinden. Ich könnte dich spüren, jetzt, hier in einem Kontinuum und dann in tausend funkelnde Sterne zerspringen, der Quelle (9) gleich, unserem Jungbrunnen, von dem ich trinke und endlich unendlich bin.


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9) Wie in dem Film Die Quelle (Originaltitel: The Fountain) des US-amerikanischen Regisseurs und Darren Aronofsky aus dem Jahr 2006 begab sich der spanische Konquistador Juan Ponce de León im Jahre 1513 auf die Suche nach der sagenumwobenden Quelle des Lebens und fand sie Gerüchten zu Folge in Bimini einer Insel der Bahamas. Abgesehen davon, wird unter dem Jungbrunnen oder der Quelle der ewigen Jugend und des ewigen Lebens ein Gewässer verstanden, dessen Wasser dem, der es trinkt, ewige Jugend oder ewiges Leben verheißt.





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Abschließend, und dies ist sicherlich äußerst erwähnenswert, handelt es sich bei William Butler Yeats um einen irischen Dichter und Schriftsteller, der am 13. Juni 1865 in Sandymount bei Dublin geboren wurde und 1939 in Menton bei Nizza verstarb. Yeats erhielt 1923 als erster Ire den Literaturnobelpreis. Seine Werke sind vor allem durch die englisch/irische Romantik der Dichter Blake, Shakespeare und Shelley beeinflusst und widmen sich vor allem der keltischen Mythologie. In der klassischen Moderne kann er somit den Symbolisten zugeordnet werden, die durch das mythisch – mystische beeinflusst, die Vorreiter der Surrealisten bilden. Die keltische Mythologie Irlands hebt sich dadurch hervor, dass ihr reicher Sagenzyklus von Mönchen verfasst wurde, die die keltische mit der christlichen Überlieferung zu verbinden suchten. Hervorzuheben sind hier die vier Feste des keltischen Kalenders: Samhain, Imbolc, Beltaine und Lughnasadh. Alle vier Feste suchen in ihren Riten den Zugang zur sogenannten Anderswelt (Anderwelt, Anderen Welt), ein Ort und andere Ebene verschiedener mystischer Wesen. Diese sind vor allem auf Hügeln, auf Inseln und am Grunde von Seen und des Meeres angesiedelt. Der Zugang, zur Anderwelt ist normalen Menschen oder Sterblichen über Höhleneingänge möglich. Dies ist auch der wesentliche Unterschied zwischen der keltischen Mythologie und den Jenseitsvorstellungen anderer Kulturen, da diese Gefilde nur von Göttern und ihren Helfern betreten werden können. Dies ist sicherlich auch einer der Gründe, warum Yeats gerade den Träumen und dem Fantasieleben so viel abgewinnen konnte. Einerseits durch die starke Verwurzelung mit den irischen Traditionen und der darin vorhandenen Vorstellung, dass es weder ein Totenreich noch eine Belohnung oder Strafe im Jenseits gäbe, sondern alles durch Übergänge Diesseits miteinander in Verbindung steht. Es gibt keine Wahrheit außerhalb deines Herzens ist somit auch traditionsbewusst zu verstehen und hält an den romantischen Glauben von Feen, Elfen und Kobolden fest. Dieses Phantasieleben bewegte Yeats zweifellos zum Künstler.


…denn diese Welt existiert nur, um eine Geschichte zu sein in den Ohren der kommenden Geschlechter.

William Butler Yeats (1865 - 1939), irischer Dramatiker, Lyriker, Essayist und Autobiograph.


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© Bilder by ginton

Gin a body meet a body, comin’ through the rye (Robert Burns)


nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt... (Wabi-Sabi)

Geändert von ginTon (12.01.2018 um 19:25 Uhr)
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