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Denkerklause Philosophisches und Nachdenkliches

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Alt 17.07.2018, 12:46   #1
Erich Kykal
TENEBRAE
 
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Standard Schmerzensbildung

Wer fühlt den Reim, der sich auf „Herzen“ findet?
Wer ahnt die Schläge, eh das Blut versiegt?
Wer kennt den Büßer, der sich selbst bekriegt
und sich im Bergwerk seiner Sünden schindet?

Wer ist noch nie am Strahlenden erblindet?
Wer hat die Weisheit, die sich selbst besiegt?
Wer weiß, wohin die Seligkeit entfliegt,
die Lebenden und Liebenden entschwindet?

So viele Fragen, aus dem Sein gegriffen,
daran wir täglich reifen oder scheitern.
Die Antwort lauert, von der Zeit geschliffen

wie ein Opal, die Sinne zu erweitern,
am Saum der Einsicht, die noch unbegriffen
und unerklimmbar bleibt wie Himmelsleitern.
__________________
Weis heiter zieht diese Elend Erle Ute - aber Liebe allein lässt sie wachsen.
Wer Gebete spricht, glaubt an Götter - wer aber Gedichte schreibt, glaubt an Menschen!
Ein HAIKU ist ein Medium für alle, die mit langen Sätzen überfordert sind.
Dummheit und Demut befreunden sich selten.

Die Verbrennung von Vordenkern findet auf dem Gescheiterhaufen statt.
Hybris ist ein Symptom der eigenen Begrenztheit.
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Alt 30.07.2018, 21:27   #2
Thomas
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Lieber Erich,

dieses schöne Sonett ist durch die Fragen in den Quartetten prosodisch sehr streng und gut strukturiert. und der unausgespochene Reim zur Überschrifft ich das I-Tüpfelchen. Es ist alles feinsinnig auf den Punkt gebracht, einzig in der vorletzten Zeile würde ich "stets" statt "noch" schreiben.

Liebe Grüße
Thomas
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© Ralf Schauerhammer

Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft. Friedrich Schiller
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Alt 30.07.2018, 21:33   #3
Erich Kykal
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Hi Thomas!

Vielen Dank, das du diesen "Nuller" tilgst! Verstehe gar nicht, warum dieses Werk unkommentiert versunken ist. An der Qualität, wie der ach so gönnerhafte thommi mutmaßte, kann es nicht liegen.

Bezüglich "stets" oder "noch": Ich präferiere letzteres, unterstreicht es doch die Möglichkeit/Hoffnung, dass der Menschen Geist/Erkenntnisfähigkeit noch Wachstumspotential hat.
Mit ersterem unterstellst du der Menschheit, dass sie immer so blöd bleiben wird wie sie jetzt ist ...

LG, eKy
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Alt 30.07.2018, 21:48   #4
Thomas
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Lieber Erich,

ich verstehe das manchmal auch nicht, warum manche Gedichte nicht kommentiert werden. Oft wird zu den besten nichts gesagt. Da ich nicht jeden Tag regelmäßig im forum bin, übersehe ich bisweilen Schönes.

Das "stets" ist auch etwas härter als das "noch", ich verstehe, wenn du es lieber hast.

Liebe Grüße
Thomas
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Alt 09.08.2018, 12:55   #5
Erich Kykal
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Hi Thomas!

Du musst dich doch nicht entschuldigen! Es liegt einfach daran, dass allgemein so wenig Interesse an Lyrik besteht, und es scheint stetig weniger zu werden.

LG, eKy
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Alt 09.08.2018, 14:06   #6
Eisenvorhang
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Meine Erfahrung ist, auch gegenüber meinen ehemaligen Patienten, dass viele Menschen den Drang verspüren zu schreiben.

Ich denke vielleicht sogar, es gibt mehr Menschen, die dem Thema gegenüber Sensibilität zeigen, als man denkt!

Aber schade find ichsa uch!
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Alt 09.08.2018, 15:34   #7
Erich Kykal
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Hi EV!

Naja, früher war das anders, da gab es nicht so viele Ablenkungsmöglichkeiten für die Freizeit - kein Radio, kein TV, kein Kino. Theater oder Oper waren teuer. Da vergnügte man sich an Abenden oder Sonntagnachmittagen eben literarisch.

Jede Zeitung oder Gazette hatte damals eine "poetische Seite" mit Gedichten verschiedener Autoren!

Je mehr aber die Neuzeit an Möglichkeiten der Zerstreuung bot, desto weniger wurde die Lyrik beachtet. Die unsägliche "Modernisierung" der Lyrik und die Weltkriege, Zerstörungen und Wirtschaftskrisen taten ein Übriges, um das Interesse an dieser Kulturform zu untergraben.

Irgendjemand hat hochgerechnet, dass es im gesamten deutschen Sprachraum vielleicht noch ein paar tausend (!) Leute gibt, die sich ernsthaft mit Lyrik befassen, davon weniger als die Hälfte mit der klassischen Lyrik älteren Datums, die wir als Dichter so bevorzugen. Davon wiederum keine hundert Autoren, die ernstzunehmende Ergebnisse erzielen, und kein einziger könnte davon leben - oder überhaupt etwas dran verdienen.
Leben konnte früher auch keiner davon, aber zumindest ein kleiner Zusatzverdienst konnte drin sein, wenn man gut war. Heute - keine Chance! Wenn einer "alte" Formen liest, dann bestellt er die alten, gängigen Namen, die aber auch kaum noch verlegt werden, weil kein Geschäft damit zu machen ist.
Frische, unbekannte Namen fasst kein Verlag ernsthaft mehr an!

Wo du deine Annahme von einem breiteren Interesse hernimmst, weiß ich nicht, denn auch das Bildungsbürgertum hat heute vornehmlich andere literarische Interessen - Gedichte liest oder schreibt kaum jemand im Vergleich zu früher.
Auch die Foren hier im Netz spiegeln das ja wieder. Sie stagnieren oder lösen sich eher auf, denn zu prosperieren.

Vielleicht kommen wieder andere Zeiten, darauf hoffen wir ja alle hier. Bislang gibt es aber wenig Anzeichen dazu, abgesehen von dieser kurzen Hypephase der sog. "poetry-slams" im Fernsehen, die aber selbst damals bestenfalls im Nachtprogramm liefen - und mal ehrlich, das war eher RAP ohne Rhythmusgruppe, atemlos runtergehudelt, eine Schnellsprechübung ohne echtes Gefühl. Nix für mich jedenfalls, ich verachte dieses Gejapse!

LG, eKy
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Alt 10.08.2018, 09:44   #8
Eisenvorhang
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Ich nehme die Annahme aus meinem Erfahrungspool.

Im Studium damals schrieb jeder zweite Lyrik und Prosa, welche Qualität vermag ich nicht zu bewerten.
In allererster Linie geht es mir quasi um das Bedürfnis zu schreiben.
Bei uns in der Uni waren das fast alle.
Dann gabs neben unserer Uni, die Uni für die Musik und dann die Uni für die Kulturen und auch da hatten viele (gefühlt jeder Dritte) ein Büchlein zum Schreiben.

Nachdem das Studium vorbei war hatte ich das Glück einen schönen Job machen zu dürfen als Berater für einen Professor für Psychologie und Forensik.
Und die Hilfesuchenden waren im Grunde alle Poeten. Oder Menschen, die ihre Schmerzen zu Wort bringen wollten. Du und ich wissen, dass das damals sehr viele taten.

Was ich damit sagen will ist, dass halt sehr viele Menschen schreiben wollen und auch müssen!

Und so unerfolgreich und tot ist die Lyrik gar nicht. Vielleicht aber die Form der Lyrik, die wir so mögen. Ich finde es auch traurig, ich selbst schreibe nach wie vor täglich sehr viel und würde gerne damit Geld verdienen.
Aber naja!

Und das Internet und die Foren... Das Eiland ist das einzige Forum, in dem es friedlich zu geht.
Der Rest der Foren ist von Kranken durchzogen.

Regentonnenlyrik von Wagner ist immerhin sau erfolgreich.


vlg

EV
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Alt 10.08.2018, 12:18   #9
Erich Kykal
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Hi EV!

Du darfst nicht vergessen: Was eine Uni besucht, gehört zu den wenigen Prozent einer Gesamtbevölkerung, die gebildet, intelligent und kreativ sind - und selbst dort sind das nicht alle!
Der Rest freut sich über den Tatort, das Big-Brother-Haus (ich wette, kaum einer von denen, die sich das anschauen, weiß, woher der Titel kommt) und die Tittenshows in den Sat-Programmen.
Ich unterrichte seit fast dreißig Jahren in diesem Milieu und wir sind froh, wenn manche Kinder nach vier Jahren wenigsten ein Buch gelesen haben!
Die Schrift brauchen sie ohnehin nur noch für das Getippe auf Facebook oder Twitter! - Je grottiger, desto "authentischer"!
In all den Jahren war ein einziger Schüler dabei, der von sich aus Gedichte las und selber welche schrieb (wie man mit 13 eben so schreibt ...).

LG, eKy
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Alt 10.08.2018, 15:34   #10
Eisenvorhang
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Ich finde es auch bedauerlich, glaube mir, wenn ich Dir sage, dass ich das Schreiben genauso mag wie Du!
Und es ist schade, was damit passiert - die Frage ist ja auch wie man mit dem Zerfall oder auch Verfall umspringt - das Schreiben wird uns jedenfalls nicht verlassen.

Da kannst Du aber noch froh sein, weil Du Lehrer bist.
Du hast die Macht Lyrik schmackhaft zu machen!

Ob die Bengel sich natürlich was sagen lassen ist eine andere Frage.
Weil du Twitter schreibst...

Vor drei Wochen sah ich an einer Tankstelle ein zirka sieben jähriges Mädchen mit dem fetten Smartphone, wie es ganz im sexy-Style den Kussmund machte und wie Pornodarsteller sexuell posierte.

Ich stelle Dir eine Frage, etwas was ich mich frage und darauf keine Antwort finde:

Sind wir intolerante Menschen, weil wir (insbesondere ich) so etwas verurteilen?
Ist das Herz der Menschen vergiftet oder ist das unsere sauer?

vlg

EV
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