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Experimentelles Versuchslabor

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Alt 24.08.2014, 00:47   #1
AAAAAZ
Wortgespielin
 
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Standard offener Brief an Marilka

Liebe Marilka,

Gibt es sinnfreie Lyrik?
Wie geht es deiner Milka
Kuh? Sagt sie dabi, sagst sie du?
Was sagst du dabei dazu?
Lässt die Kuh dich nicht in Ruh?
macht sie Müh, mäh, und Muh,
kriegst du nachts kein Auge zu,
wegen sinnentleerem hohlen Reim?
Will sie im Ohr dein Ohrwurm sein,
und auch in deinen Holzkopf rein?
Dort kann sie mit dem Holzbock sein.
Was geht da grad vor, was geht ab?
Die Dünnbrettbohrung
mitten ins Paukenohr
macht dich so platt?

Du musst nicht weinen,
lass sie doch reimen!
Wenn die Wörter sich von selbst vereinen,
kann guter Geschmack das nur verneinen!
oder die Eitelkeit dies vereiteln
wegen angeblich so Gescheitem.
Wenn du nicht willst,
wird sich bei dir auch nichts weiten.
Lass es geschehen,
lass die Kuh in dir gehen,
Ihr dünner Eistanz, ein Veitstanz,
so taktlos, geschmacklos,
so nackt bloss wie ein Hackkloß.
Lass sie doch seiern, lass sie geiern
und beim Rumfeiern rum eiern!
Reimen ist still, laut und macht Krach,
aber kein Schulfach.
Denn sie spinnt in dir nur zum Lustgewinn,
ohne Muh und µ, ganz ohne Sinn,
verschließe dich nicht, hör einfach hin,
das ist dein eigener Rinderwahnsinn!

Sieh, wie grimmig schüttelt sich manch Doppelkinn
ohne Doppelsinn, schau ruhig doppelt hin!
Diese kalten verkalkten Gestalten,
die die Faltenhände falten
und die Reimkultur verwalten,
um das Gute zu erhalten.
Für sie wurde Hochkultur
extra erschaffen: von lustigen Affen.
Wie empört sie Hände zum Himmel heben,
die alten Formen leben
und diese gar zur Norm erheben.
Denn das kann ja wieder keiner reiner,
und so gut wie der kleine, feine Rainer,
ein widerlicher Reimeschleimer!
Gib mir schnell den Würgeeimer!
Reimkultur überlegen überleben, übergeben,
nur der reinen form halber wegen,
Abwege ohne Segen? Von wegen!
Denn die heilige Kuh
liebe Marilka, die bist du,
lass sie grasen, lass es zu.
Ich liebe dein buntes Kleid,
so weit, sie sind es schon leid,
weils noch nicht erfreut.
Sie sind doch stets nur dein Freund
wenn sich da alles taktvoll reimt und vereint,
sittsam im großen Kleinreimerverein.
Schnell vernetzt, schnell verletzt,
Verflixt verixt weil dort jeder weiß,
wie es richtig rum geht,
jedoch keiner versteht,
worum es wirklich geht.
wenn der Reim sich um sie dreht.
vom Geltungsdrang überlebt.
und nur Mutti wäre noch stolz,
auf solch holziges Holz.


Da räppen die Deppen lieber.
Tiefer Sinn wird zum Kassiber,
denn sie haben die eigenen Lieder wieder.
Gefunden im eigenen Rhythmus,
ein Mechanismus, wo jeder mit muss.
Sie rocken durch verstaubte Betten,
der toten Dichter und Denker
und Wortsalatverrenker,
und sie steppen wie die Jecken
auf verrauchten Doppelbettsteppdecken
über Tisch und über Stühle
im Übermut der Hochgefühle
Da pappen die Satten auf den Satteldachpappen,
wie Lappen auf den Rappen,
als sie noch Pappsattel hatten,
und die Hottentotten Rotten
sind schier von den roten Socken,
lassen die Katze aus dem Sack
ihre die Hunde von den Leinen
und den Affen raus.
Hauptsache reimen im Affenhaus!
Nichts kann sie mehr jucken,
wenn sie auf einem Beine
in die Lüfte spucken,
um inkorrekt den Verein
beein zu drucken.

Wie es dann rattert und knattert
aber jeder kommt bei jedem an
beim Rap-Bat, im Kleinhirn mit Größenwahn.
Daneben, neben Fatima,
was hat denn die Ratte da am Haar?
Na warte mal. Da ratte ich mal!
Da hatte die Fatti die
Wurst im Reisregal, scheißegal!
jetzt isse weg,
und die Ratte frisst sie im Versteck.
an der Pelle verreckt.
Die Wurst aus der Rattenfalle
kannten doch alle.
Jede Wette, die Babette
räumt die Rheumabettdecke weg,
sie löst sich aus dem Normkorsett,
für ihren eigenen Spiegeltanzstep,
und ihr Hut steht ihr heut gut,
jeder Schritt geht ins Blut.
Selbst die gutgereimte Ute
wünscht sich eine Wünschelrute
und lässt keinen Mucks und Pup
Nichts ist peinlich, nichts ist kleinlich,
also wein nicht,
wenn der Taktstock einmal ruht.

Marilka,
irgendwann dann bamm
kommt der Glockenmann
auch bei dir an
mit dem Glockenschwengel dran.
Die lila Milka Kuh, die tanzt dazu,
tanz ohne Rast und Ruh,
auf dünnen Eis vor sich hin,
ohne Sinn, ganz leis.
Endlich leer,
ganz schwer kommt sie daher,
ohne Denken, ohne sich zu verrenken,
um sich selber nur zu verschenken,
und um das Eis zu fühlen,
ohne Schranken und Mühen
im kühlen Wasserglas
das eigene Feuer
von stürmischen Kühen.
Und siehe da? was ist das?
das Eis hält-
was es verspricht und bricht.
Und alle sind nass.
Hauptsache Spass, auch ohne Gras.
Mittendrin, sinnfrei dabei:
ein Gralshüter. Er verblasst
formlos, mit zerfetztem Maul
sprachlos zu Eis erstarrt
und hart in gewohnter
genormter Form, stock und steif
so reif, voll Reif und faul.

Sie kommen angerannt
und lachen und schwanken
übermannt noch völlig unbekannt,
erfinden sie neues Land.
und lassen sich fallen an den Strand.
Und die alten Formen wanken,
schrankenlos aufgeweicht von Gedanken.
Küsten die Alten nicht Küsten
stets an den neuen Ufern
mit ihrem sinnfreiem Tanz
im eigenen Spiegelglanz
und Firlefanz, affig wie Affen?
Um nur bei sich selbst zu sein,
ohne einen Kleinreimerverein
um ohne Kopie die eigen Gipfel zu finden.
Die Welt neu erschaffen,
und sich daran binden.
dabedidamm dabediedamm
dabedi damm pamm pamm pamm

doch nun Schluss mit Stuss
und Lust mein Fratz,

ein dicker Kuss!

deine AZ

Geändert von AAAAAZ (25.08.2014 um 02:25 Uhr)
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Alt 24.08.2014, 16:30   #2
Deimos
Marsmond
 
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Standard

Hallo AZ,

dein Text hier in Experimentelles? Was ist das Experiment? Ein sinnfreier Text? Wo andere gerade mal drei minikurze Zeilen zustande bringen,
erfindest du ein langes albernes Gelaber...oder?
Du zielst sicher auf etwas bestimmtes ab, was ist es?

Ich kann absolut nicht sagen, dass dein Text gut oder schön ist. Er hat eine von dir gewollte Aussage in Anspielung auf ein gewisses Ereignis
oder eine gewisse Situation, meine ich.

Von daher macht er doch irgendwie wieder einen Sinn
Zitat:
Gibt es sinnfreie Lyrik?
Ja - immer mal wieder. Aber auch das ist, wie alles im Leben, geschmacks- oder denkabhängig.


Gruß Deimos
__________________
Prosa sind nur Worte, Verse eine Perlenschnur.
(aus "Tausend und einer Nacht")
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Alt 24.08.2014, 22:28   #3
Claudi
Senf-Ei
 
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Hallo AZ,

oha, Du traust Dich was:

Zitat:
Denn das kann ja wieder keiner reiner,
und so gut wie der kleine, feine Rainer,
ein widerlicher Reimeschleimer!
Gib mir schnell den Würgeeimer!

Ich mag solche frechen Anspielungen! Hoffentlich hast Du Dich warm angezogen!


Hingerotztes Pamphlet, kämst du mit Charme und Witz,
hätt Marilka sich postwendend mit Kuss bedankt.
Diesem hässlichen Bandwurm
folgt dagegen ein Beileidsbrief.


Liebe Grüße
Claudi
__________________
.
Rasple die Süßholzwurzel so fein, dass es staubt, in den reichlich
Abgestandenen Quark; darüber verträufele Wermut,
Bis aus dem Rührwerk, Burps! endlich das Bäuerchen kommt.
Claudi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.08.2014, 22:55   #4
AAAAAZ
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Lieber Deimos,

rappen ist nicht mein Metier, zu lang, zu ungewohnte Grooves und Beats. Das Hören und Begreifen ergibt sich meist aus der Metaebene, wie bei guten klassischen Gedichten auch, die Analyse führt in die Sackgasse. Dass ich es hier als lyrische Spielart benutzt habe ist deshalb ein kleines ungewohntes Experiment für mich selbst.
Auslöser war Kykals herablassende und arrogante Auffassung von Dichtkultur, welche nicht Rilke auf der Fahne stehen hat. Wobei ich das nicht persönlich sehe, weil ich sehr wohl schätze, was er kann.
Es ist wohl immer der natürliche Widerstreit zwischen Sprachfluss und Sprachentwicklung auf der einen Seite, und Spracherhalt auf der anderen Seite. Lange galt der Hexameter als das klassische Vermaß epischer Dichtkunst schlechthin, und auch ein Rilke wäre hier fahnenflüchtlig geworden.
Das Aufbegehren und das Umschmeißen von Säulenheiligen wohnt dem jugendlichen Drang auf der Suche nach eigenen persönlichen Ausdrucksmitteln inne. Es mag belächelt werden, solange, bis auch hier sich die Meister ihrer Zunft herausbilden und den Lohn durch uneingeschränkte Anerkennung erfahren.
Es ist das Wesen der Kunst, welche sich im Spannungsfeld zwischen progressiven und konservativen Kräften unaufhaltsam ihren Weg bahnt.
In bleiernden und stagnierenden Zeiten ist die Sprache der Aufbrüche gefragt, in sehr bewegten Zeiten sind erhaltende Kräfte notwendig. In diesem Kontext kann ich Kykals Wertekonservatismus begreifen. Und ich kann auch verstehen, dass er sich dieser Ästhetik verbunden und verpflichtet fühlt.
Dennoch erschien mir der Rap mit seiner ,,Battle- Tradition" eine geeignete Form, hier auch für eine notwendige Antithese zu sorgen. Leider bin ich im Umgang mit diesem Stilmittel ungeübt, aber die Richtung einer respektlosen Antwort ist hoffentlich erkennbar.
Der tiefe Respekt liegt natürlich in der eigentlichen Auseinandersetzung.
Da die unterschiedlichen lyrischen Spielarten von den Kindern ihrer Zeit geprägt sind, ist mein Gedicht quasi auch als Brückenschlag zwischen Jugend und Alter zu verstehen. Der Dialog bzw. die Dialektik ergibt sich zu dem Gedicht Hybris von Kykal mit dem dazugehörigen Thread.
Die sinnfreie Lyrik ist vordergründig natürlich absurd, weil ich den Sinn und Zweck ja schon dargelegt habe. Analytisch betrachtet sind eine Milka- Kuh und steppdeckenrappende Hauruckreimzombies gaga und sinnentleertes Geschwätz.
Danke für deine Nachfrage, L.G.AZ


Liebe Claudi,

die näheren Hintergründe hatte ich ja schon auf Deimos Anfrage hin dargelegt. Danke für deine Einschätzung. L.G.AZ

Geändert von AAAAAZ (24.08.2014 um 23:38 Uhr)
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Alt 25.08.2014, 00:09   #5
Claudi
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Liebe AZ,

die näheren Hintergründe gingen seht klar aus Deinem Gedicht hervor. Darauf bezieht sich meine Kritik keineswegs. Inhaltlich hat Dein Gedicht meine volle Zustimmung. Leider ertrinkt die Botschaft in der überlangen breitgetretenen Form, und es ist wirklich anstrengend, sich da durchzukämpfen. In kleinen appetitlichen Häppchen, frech zugespitzt, hätte ich sie genossen.

Die Spottode kannst Du hoffentlich mit Humor nehmen. Sie ist ja nur die Revanche für meinen gebeutelten Rainer.

Liebe Grüße
Claudi
__________________
.
Rasple die Süßholzwurzel so fein, dass es staubt, in den reichlich
Abgestandenen Quark; darüber verträufele Wermut,
Bis aus dem Rührwerk, Burps! endlich das Bäuerchen kommt.
Claudi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.08.2014, 01:59   #6
AAAAAZ
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Liebe Claudi,

die ellenlange Botschaft haben die Rap- Songs nunmal so an sich. Sie funktionieren ja auch nur in der Performance mit entsprechenden Double- und Triple- Time Beats. Für ein solches Forum sind sie vermutlich deshalb ungeeignet, weil sie nicht in dem notwendigen Groove gelesen werden können, um ihre ganze Wirkung und Schönheit zu entfalten. Es ist mühsam, sich einen eigenen Lesefluss zu verschaffen. Das kann ich dir durchaus nachfühlen. Vor Leuten, die so etwas gekonnt vortragen können, habe ich jedenfalls großen Respekt. Beim Schreiben hatte ich mir den Text immer laut vorgelesen und meinen Takt dabei gefunden.
Inhaltlich habe ich hier einfach eine Gegenposition eingenommen, wie ich sie mir in einer Auseinandersetzung vorgestellt habe. Die Synthese, bzw. meine persönliche Meinung dazu liegt vermutlich in der Mitte, ich denke, das kommt dabei aber auch rüber. Denn ich habe durchaus ein Faible für gut gesetzte Reime, für einen sauberen Takt, für knackige und raffinierte Formulierungen und Aussagen. Aber ich mag nunmal auch sehr gerne off-road Poesie, Trash und holprige Versuche, bei denen sich neue Blickwinkel auftun. Die ausgelatschten Wege haben alle schon ihre Meister gefunden, und bringen für mich selten wirklich neue Aspekte. Hierbei besteht mEa. immer die Gefahr des geschlossenen Denkens in geschlossenen Kreisen. Das gilt übrigens auch für Rapper. Bei diesen wäre z.B. eine zarte Naturbetrachtung im morgendlichen Nebel einfach schwer vorstellbar. Der Stil scheint die Denkrichtung und Sichtweise vorzugeben, das liegt in der Natur der Sache.
Stile und Vorlieben bleiben dabei natürlich immer eine persönliche Geschmacksache.
Ist aber nett, wie du dich für den gebeutelten Raimer revanchierst. Das würde er schon richtig verstehen und einzuordnen wissen, wenn er dieses Gewürge läse und sich reinpfeifen würde. L.G. AZ
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Alt 25.08.2014, 03:06   #7
Claudi
Senf-Ei
 
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Ja, ich glaube, das ist auf jeden Fall was fürs Ohr und nichts fürs Auge. Beim Slam ist es wohl noch schwieriger. Da reicht auch keine Audioversion. Das wirkt erst durch den vortragenden Künstler. Vielleicht hast Du ja mal die Gelegenheit, Dein Ding zu vertonen? Das könnte ich mir gut vorstellen.

LG Claudi
__________________
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Rasple die Süßholzwurzel so fein, dass es staubt, in den reichlich
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Bis aus dem Rührwerk, Burps! endlich das Bäuerchen kommt.
Claudi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.08.2014, 01:04   #8
AAAAAZ
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Hallo Claudi,

die meisten Vortragskünstler dieser Art schreiben sich ja ihre Texte selbst auf den Leib, weil ihr Herzblut dran klebt. Ich denke, eine Gelegenheit wird sich somit für mich nicht ergeben. Dafür steht mein Text auch in einem zu speziellen Kontext, und ist außerhalb eines solchen Forums weniger relevant. Aber wenn du selbst so etwas zuwege bringst, höre ich gerne rein. Ich kann es nicht. AZ
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