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Alt 25.03.2016, 14:06   #1
Thomas
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Standard Der Prediger von Buchenwald

Der Prediger von Buchenwald

Pfarrer Paul Schneider, ein kreuzgerader Christ,
der duckte sich nicht vor Nazi-Gewalt,
und war selbst im Lager Buchenwald
als einer, der sprach, was er denkt und ist:
Betend erhob er die Hände zur Buße,
aber niemals im Leben zum Hitlergruße.

Und weil man im Lager "den Prediger" liebt,
sperrt ihn der Wärter zum Strafarrest
in den "Bunker", den man kaum lebend verlässt,
wo es Prügel und Gift im Essen gibt:
"Auch du bist genau wie die andern Schweine!
Dich kriegen wir klein hier: Jedem das Seine!" -

Zum Appellplatz befohlen, "Tretet an!"
stehen die Häftlinge aufgereiht,
doch bevor man wie immer "Heil Hitler" schreit,
geschieht, was keiner sich vorstellen kann.
Alle Augen haften an einer Stelle:
Der Bunker, das Fenster, Paul Schneiders Zelle.

Ein offener Mund, ein blasses Gesicht -
keiner kann's fassen
noch den Blick davon lassen -
Eine kräftige Stimme betet und spricht:
"Brüder seid stark! und lasst euch den Glauben
an die Menschheit und eure Würde nicht rauben!"

Und es hallt die Stimme zum Kinderblock,
hallt nach Block 17, und wie durch Wunder
bis fern zur Goethe-Eiche hinunter,
sie erschüttert sogar den Prügelbock
und fesselt mit göttlicher Gewalt
das gelähmte Lager Buchenwald.

Sie ruft erneut, alle lauschen erstarrt:
"Brüder seid stark! und lasst euch den Glauben
an die Menschheit und eure Würde nicht rauben!"
Dann Stiefeltrampeln, die Türe knarrt,
Es klatschen die Schläge. Doch Rufe tönen:
"Auferstehung! - Christus!" Dann Stöhnen.

Scharführer Sommer, ein wildes Tier,
schlägt mit dem Ochsenziemer zu.
Er schlägt, schlägt zu, gibt keine Ruh,
bis Stille herrscht im Strafrevier. -
Bis im Bunker von Buchenwald
nichts als das Klatschen der Schläge hallt.

Doch fünf Tage drauf - alles angetreten -
erscheint erneut ein blasses Gesicht
am Zellenfenster und segnet und spricht
und beginnt zu singen und zu beten:
"Brüder seid stark! und lasst euch den Glauben
an die Menschheit und eure Würde nicht rauben!"

Und wieder klatscht es Schlag auf Schlag. -
Doch wieder und wieder erschien und erklang
die Stimme, viele Wochen lang,
und als Paul Schneider der Qual erlag,
da lebte die Stimme, sie ruft und hallt
bis heute hervor aus Buchenwald.

Sie hallte auch laut aus Vukovar
sie wird - Gott gnade uns Schuldigen allen -
noch lauter aus Srebrenica erschallen.
Sie dringt ins Mark, ruft immerdar:
"Brüder seid stark!" Sie klingt und hallt
ewig - die Stimme aus Buchenwald.





P.S.:
Geschrieben am 18.7.1995.

Gestern hat das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić zu 40 Jahren Haft verurteilt. Unter Karadžić Oberbefehl stürmten serbische Truppen 1995 die UN-Schutzzone im bosnischen Srebrenica und ermordeten 8.000 muslimische Jungen und Männer. Die Massenexekutionen fanden zwischen dem 14. und 17. Juli statt.


Paul Schneider, geb. 1897, Mitglied des Pfarrerbundes und der Bekennenden Kirche. Mehrmals verhaftet wurde er 1937 in das KZ Buchenwald eingeliefert, wo er nach unsäglicher Folter am 18. Juli 1939 starb.

Folgendes Dokument der KZ-Verwaltung belegt das von vielen KZ-Häftlingen beschriebene Verhalten Paul Schneiders, der von ihnen "Der Prediger von Buchenwald" genannt wurde.


Abtl.: Schutzhaftlager Weimar/Buchenwald, den 2.Sept.1938

M E L D U N G !
---------------

Betreff: Schutzhäftling Paul Schneider
Bezug: ohne
Anlage: keine


An die Kommandantur des K.L.
B u c h e n w a l d
===================

Der Schutzhäftling Paul Schneider, geb. 29.8.97 zu Pferdsfeld, z.Zt. im Arrest, legt am 28.3.38 ein unglaubliches Verhalten an den Tag. Morgens gegen 6:30 Uhr, bei der morgendlichen Meldung der Stärke der Schutzhaftlagers an mich, öffnete Sch. plötzlich sein Zellenfenster, kletterte in seiner Zelle hoch, bis er Blickfeld zu den angetretenen Häftlingen bekam. Mit lauter Stimme predigte Sch. etwa 2 Minuten zu den angetretenen Häftlingen. Meinen Befehl, sofort seine Predigt abzubrechen und sich vom Fenster zu entfernen, beachtete er in keiner Weise. Darauf gab ich dem Arrestverwalter den Befehl, Sch. mit Gewalt von dem Fenster wegzubringen.
Diesen Vorfall meldete ich sofort dem Lagerkommandanten.

Der 2. Schutzhaftführer
SS Oberscharführer Ha.-

__________________
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Alt 25.03.2016, 19:22   #2
Dana
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Lieber Thomas,

eines jener Gedichte, die einen bestimmten Menschen unvergessen machen.
Man liest, hält inne und wird sich erneut der wahren Menschlichkeit aus dem Inneren bewusst.
In Deinem Gedicht ist es Dir gelungen, an Paul Schneider zu erinnern.
Man wagt nicht, "unendlich" zu kommentieren, weil es um etwas geht, worüber man nicht diskutieren muss und nicht streiten kann.
Ich habe Deinen Kommentar zu Syranies Gedicht gelesen und weiß um Dein Anliegen.
Ein gutes Gedicht mit realen Hinweisen.
Ich schließe im Gedenken an Pfarrer Paul Schneider.

Liebe Grüße
Dana
__________________
Ich kann meine Träume nicht fristlos entlassen,
ich schulde ihnen noch mein Leben.
(Frederike Frei)
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Alt 26.03.2016, 17:38   #3
Thomas
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Beiträge: 2.895
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Liebe Dana,

vielen Dank. Manchmal kann man fast den Glauben an die Menschenheit verlieren, aber es gibt ja nicht nur das Schreckliche, sondern gute Menschen wie dich und viele andere.

Liebe Grüße
Thomas
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Thomas ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.03.2016, 16:08   #4
juli
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Lieber Thomas.

Die Zeilen beschreiben genau, wie das Lebensende von dem Pfarrer Paul Schneider war. Ich kannte ihn bisher nicht. Die Szenen, die beim Lesen im Kopf entstehen, lassen die Grausamkeiten der Nazizeit wieder auferstehen. Die Unbeugsamkeit des Paul Schneiders kommt rüber, auch der feste Glaube an Gott. Keine leichte Kost, aber dem Dichten sind ja keine Grenzen gesetzt.

Du hast hier ein Stück Geschichte beschrieben, die Ungerchtigkeiten sterben wohl niemals aus. Karadžić ist mir ein Begriff, aber das er verantwortlich für 8000 Tote ist, das wußte ich nicht. So viele!

Erschütternd gelesen von sy

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Alt 31.03.2016, 18:28   #5
Thomas
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Liebe syranie,

ja, es ist schrecklich, man könnte manchmal fast den Glauben an die Menschheit verlieren und zu einem dieser bedauernswerten Zyniker werden. Der Glaube an Gott (wie ihn Paul Scherer hatte) ist da hilfreich, besonders für Christen, weil sie durch Jesus lernen, das göttliche im Menschen zu sehen. Wenn man nicht an Gott glaubt, ist es sicher schwerer nicht an der Menschheit zu verzweifeln, aber tun sollte man es möglichst nicht, denke ich.

Vielen Dank für dein einfühlsames Lesen.

Liebe Grüße
Thomas
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