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Alt 09.10.2018, 18:35   #1
ginTon
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Standard Maria & Joshua

Maria & Joshua

frei nach der Sage um Kahlbutz

Prolog

Tief in der Mark in der Landschaft Ruppin liegt die Ortschaft Bückwitz umgeben von Wäldern und einem angrenzenden See. Wenn es Nacht wird, so erzählt man sich noch heute, steigt aus der schwarzummantelten Fläche des Sees, im Schein des neuen Mondes, ein junges Mädchen empor. Nur in ein Nachtkleid gehüllt, sitzt sie im kniehohen Uferwasser und malt mit ihren Handflächen Ringe auf das sie umgebende Nass, ganz so, als würde sie dessen Oberfläche streicheln. Sie summt ein Lied, wer weiß wovon es handelt und betrachtet dabei die Umrisse ihrer lichtgemalten Weise. Vielleicht ist sie eine Nymphe, in ihrer Lichtgestalt eine Fee oder nur eine Erinnerung, des in der Nacht wiegenden Gewässers, welche sich wie ein Abendnebel hinauf zu den Baumwipfeln trägt. Dann schüttelt sie Wort für Wort in die Äste und Zweige der umliegenden Bäume, sodass diese zu flüstern anfangen.

Unweit des Sees lebte einst eine Magd namens Maria. Mit ihren sechzehn Jahren war sie ein sehr schönes Mädchen, nahezu eine junge Frau, mit leuchtend blaugrünen Augen, die in ihrem Wirken an die Farbe des Wassers erinnern und just zu funkeln anfingen, wenn das Sonnenlicht diese benetzte. Sie mochte den Tag und mit ihm verbunden die Arbeit in einer unbekümmerten Art und Weise, die jeder, der sie sah, zu mögen schien. Scheinbar ansteckend und fröhlich genoss man ihre Nähe und hielt sich gerne in dieser auf. Maria arbeitete für den märkischen Edelmann Friedrich Christian von Kahlbutz, einem knöchernen, alten Gesellen, der sich in der Schlacht bei Fehrbellin vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm seine Erblehen, das Gut Kampehl, durch ein hohes Maß an Grausamkeit redlich verdiente.

Zur damaligen Zeit kam es vor, dass der Gerichtsherr bei der Heirat von Personen, die seiner Herrschaft unterstanden -Das Recht der ersten Nacht, Ius primae noctus- einfordern konnte oder eine entsprechende Entschädigung dafür erhielt. Dieses Recht versuchte der Ritter bei seiner jungen Magd zu erwirken. Maria hingegen war verliebt in Joshua, einem jungen Schäfer in der Umgebung und verweigerte sich. Joshuas, des Schäfers Leiche wurde kurze Zeit später erstochen am Bückwitzer See vorgefunden und Kahlbutz als Hauptangeklagter der Gerichtbarkeit überstellt. Dort schwor dieser hoch und heilig, dass er den Schäfer nicht umgebracht hat. Er schwur bei seinem Leichnam, dass dieser nie verwesen würde, sollte er gelogen haben. Heute ist der mumifizierte Leichnam von Friedrich Christian von Kahlbutz noch immer für alle Zuschauer zugänglich sichtbar.


Maria und Joshua

Maria, nachts wenn ich von dir Träume sehe ich dich auf meinem Wanderstab stützend die Schafe hüten, deine Augen sind gesenkt als wärst du traurig und die Schafe umkreisen dich nahezu bewegungslos grasend. Schneeweiß sind sie, wie frisch gefallener Schnee, so dass oben am Himmel die Wolken verdunkelt erscheinen. Trüb wirkt der Tag und kalt, sodass es mich fröstelt. Ach komm, wenn dir kalt ist wärm dich an meiner Schulter, lacht Maria auf und kitzelt Joshua mit einem Grashalm unter der Nase, dass es zu kitzeln anfängt. Ihre verschmitzten Augen wischen dabei die letzten Reste der Dunkelheit fort, die ihn schwer zu schaffen machte, ihn fast lähmte. Wiedererweckt muss auch er lachen und betrachtet ihr Gesicht. Die Haare fallen ihr blond über die Schultern und glänzen wie von der Sonne entflammtes Stroh. Heiß ist ihr, so dass der Brustansatz aufgeregt von oben nach unten hüpft und am Hals, unter der Halsdecke pulsiert. Er möchte in diese Schwingungen hineinbeißen, sie für immer an sich halten, bis der Tod sie scheidet.

Schön ist es mit dir hier zu liegen und den Vögeln zu lauschen. Der Frühling bricht alle Blumen auf und die Wärme trägt den Staub in alle Richtungen. Ich habe gehört, dass du einen neuen Herren hast Maria. Ja, dieser ist staubtrocken, lacht sie. Der alte Herr Kahlbutz ist der neue Herr des Hauses und soll den Hof für seine Verdienste bei der Schlacht um Fehrbellin erhalten haben. Wenn du mich fragst, gruselt es mich vor dem Herrn. Nachts streift er wie ein knöcherner Geist durch die Stuben. Sein Haar, weiß wie das Nachthemd, welches er trägt, hängt gewallt über den Schultern und seine Gelenke klappern, wie das Schwert, welches er dabei um seine Hüften trägt. Einmal bin ich gegen Mitternacht erschrocken aufgewacht. Der Wind schlug an mein Fenster und die kleinen Zweige des Baumes kratzten an diesem, als bäten sie um Einlass. Bis ich urplötzlich vor meinem Zimmer knarrende Geräusche hörte. Die Dielen ächzten regelrecht und jubelten als die Last von ihnen ging. Noch heute bekomme ich allein bei dem Gedanken eine Gänsehaut.

Maria hielt Joshua ihren Arm hin, auf dessen Oberfläche sich kleine Pusteln gebildet hatten. Die kleinen Härchen standen starr und aufgeregt in der Luft und schienen fast durchsichtig. Maria folgte Joshuas Blick. Genauso durchsichtig erscheint mir der Herr, im Dunkeln unter dem Kerzenlicht. Am Tag hingegen ist er kaum zu sehen. Wie ein Schatten wandelt er von Ecke zu Ecke. Dann hört man auf einmal ein donnerndes Wort und er verlangt nach irgendwas. Im Zwielicht des Zimmers begibt man sich dann in den Schatten und wird von der Dunkelheit seiner Augen mit fort gerissen. Ich fühlte mich ganz machtlos und entführt.

Marias Stimme fing an zu zittern, so dass Joshua sie in die Arme nahm und tröstete. Wer weiß, was seine Seele sah, dass sie jetzt so gespenstisch daherkam. Aufgeschreckt, wie Vögel, die unweit vor ihnen in die Lüfte flattern und brechende Zweige, die sich in ihr Bewusstsein graben. Komm, gehen wir. Hat uns wer beobachtet, fragt sich Joshua und erhebt sich auf seinem Schäferstab gestützt mit Maria aus der Wiese. Mit großen Augen schauen sie sich um, können aber weit nichts Ungewöhnliches erkennen und fangen an zu lachen. Wir mit unseren Gruselgeschichten am helllichten Tag, schmunzeln sie und verabschieden sich küssend. Ich werde uns zu unserer Hochzeit Blumenkränze binden, hüpfte Maria fröhlich davon. Joshua sah ihr verliebt nach und trieb die Schafe in Richtung des Gatters, welches bis an die Ausläufer des Sees reichte. Eine Lichtung zwischen den Buchenwäldchen und ein guter Schutz gegen Räuber. Räuber auf vier Pfoten oder auf zweien, nicht wahr Asko. Sein Hund, ein Riese von Schäferhund mit zottigem Fell fing an zu bellen und freudig mit dem Schwanz an zu wedeln. Du passt auf unsere Schafe auf nicht wahr, streichelte er ihm seinen großen Kopf und wanderte dahin.


Maria nachts im Zimmer

Das alte Dorf schien hell geputzt als Maria von dem Hügel kommend auf den alten Gutshof einbog. Dieser flirrte grau und bleiern durch die Luft, dass Marias Atem schwerer ging. Ihre Fröhlichkeit von eben war wie weggefegt und folgte ihr an dem schweren Eisengatter nicht mehr nach. Nur das Seufzen überkam sie und eine kaum ergründbare Ahnung, so dass sie sich ganz allein und verlassen in dem Hof vorkam. Wo sind nur alle hin, pochte es im hinteren Bewusstsein ihrer Gedanken, ganz leise und von einer Gleichgültigkeit übermannt, dass ihr der Rest gleichsam traumhaft vorkam und unecht. Im Halbschlaf fiel sie in ihr Bett, in eine Wolkendecke, welche sie begrub. Sie sah die Schafe Joshuas ganz ruhig grasend, urplötzlich blökend mit aufgeschlitzten Kehlen. Das Blut tränkte ihr Fell nach und nach weiter rot, bis sie matt und müde zu Boden brachen. Eins nach dem anderen versank in dem kniehohen Gras, verlor das Fell und lag nunmehr nackt da, trocken bis zu den knöchernen Überresten. Der aufkommende Wind fegte darüber hinweg und streute sie wie in einem Ritual. Man kann die Zukunft aus ihnen lesen, dachte sich Maria und beugte sich über die verstreuten Reste. Diese bekamen Gestalt und eine Hand erhob sich aus dem Gras und griff nach ihrem Arm. Sie zerrte an ihr, nein, nein und sie wachte erschrocken wieder auf.

Ihr Handgelenk brannte und hatte rote Druckspuren, die im Dunkel des wenigen Lichtes nahezu schwarz erschienen. Ängstlich rieb sie sich die angeschlagene Stelle und richtete sich in ihrem Bett auf, hörte nach draußen, wo nur der hallende Ruf des Kauzes ihre unmittelbare Aufmerksamkeit einforderte. Ansonsten lag das Zimmer im Dunkeln und der grün melierte Knauf leuchtete matt und schwer. Sie musste an Joshua denken und den Tag.


Im Wald unter den Buchen

Joshua wachte in der Nacht aufgeschreckt auf und hörte nichts als die Stille. Die Sterne fielen auf die Lichtung, die sich weiter hinzog, bis sie sich aus den Augen verlor. Er hörte nach seinen Schafen, die nicht zu hören waren. Er hörte nach seinem Hund, der ebenso nicht zu hören war. Langsam rappelte sich Joshua auf. Das Wasser hörte er rauschen und den eisernen Vorhang der Nacht, der klapperte wie die alte rostige Pumpe. Kleine Tropfen tropften in die Tränke und hallten in die Nacht hinaus, gleich seinem Herzschlag, der in ein leichtes Zucken sich bis zur Halsschlagader empor tat.

Im Gatter gleich hinter dem Dickicht müssten sie sein, seine Schafe in der Nähe des hölzernen Unterstandes, den er mühsam und ohne Hilfe selber zusammengenagelt hatte. Aber, wer sollte ihm auch helfen, seine Schafe, Arko und Maria sind das Einzige, was ihm nach dem Tod seiner Eltern geblieben ist. Arme Leute waren sie schon immer, arm aber herzensgut.

Als Joshua die Lichtung erreichte und den Unterstand sah, geriet er in Panik. Nichts zu sehen war von seinen Schafen, keine einzige Silhouette oder ein entfernter Umriss, nur die Stille und ihre aufgerissenen Augen. Starr blieb er stehen. Plötzlich sah er in einiger Entfernung ein paar Wollreste, Berge von grau, etwas das nicht mehr lebte. Unruhe überkam ihm, so dass er zu laufen anfing und schreckliche Gewissheit überkam ihn, als er den Weideplatz erreichte. Tot lagen sie da, seine Schafe und aufgeschlitzt. Alle waren sie tot und mitten unter ihnen Arko mit hängender Zunge, fast kalt schon. Joshua brach in Tränen aus, setzte sich in das hohe Gras und nahm den leblosen Kopf seine Hundes auf die Schenkel und fing an diesen zu streicheln. Als könnte er ihn wieder aufwecken schluchzte er immerfort; Arko, Arko, wach auf. Aber Arko wachte nicht wieder auf.

Auf sein Schluchzen folgte langes Schweigen, auf die Stille ein Knacksen. Wer da, rief Joshua in die Richtung des Geräusches. Wer da, und zeig dich. Drei jungerwachsene Schafe lugten ängstlich mit ihren Nasen hinter dem Unterstand hervor. Kaum wagten sie sich hervor, schon rappelte sich Joshua auf und lockte sie leise, wie er es immer tat. Kommt, kommt, ich bin es, Joshua.


Das Recht der ersten Nacht

Maria wachte am frühen Morgen auf, als hätte sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Sonne fiel hell in ihr Zimmer und grub sich in das Bettlaken, so dass dieses eine wohlige Wärme abgab. Maria rekelte sich und lachte dem Tag schon wieder entgegen. Vergessen war die letzte Nacht, vergessen was geschah. Sie hielt es für einen Traum und vergaß selbst die Druckstelle, die noch immer Farbe auf der Haut erzeugte. Zur Küche müssen wir, zur Küche eiligst. Dem Herrn ein Frühstück machen, so wie jeden Tag. Maria spurtete sich und war darauf bedacht alles zur Zufriedenheit des Hauses zu erledigen. Mitten in der Arbeit jedoch überkam sie ein ungutes Gefühl, ihr Rücken spannte sich und erschrocken hörte sie die tiefe Stimme ihres Herrn hinter sich. Maria, ist das morgendliche Mahl gerichtet, dann bringe es bitte in die Jagdstube. Ich möchte außerdem noch etwas mit dir Besprechen. Maria wurde ganz nervös und überlegte fieberhaft was der Herr denn von ihr wolle. Sie habe doch immer gewissenhaft ihre Arbeit getan, ging es ihr durch den Kopf und das silberne Tablett fing leicht in ihren Händen an zu zittern, als sie es dem Herrn bringen wollte. Das teure Service klingelte dabei wie kleine Glöckchen und in der Tasse schwappte der Café in kleinen immer wiederkehrenden Kreiswellen, in denen sich Maria nahezu verloren vorkam.

Sie klopfte an und trat ein. Kahlbutz saß in einem übergroßen, mit kiefergrüner Seide bespannten Sessel. In das Holz der Lehne waren seltsame Jagdszenen und Symbole eingeschnitzt, die für Maria überhaupt keinen Sinn ergaben. Sie stellte das Service auf den danebenstehenden Sekretär und beugte sich leicht dabei hinab. Sie bemerkte gar nicht wie der Alte dabei lüstern ihre schönen Brüste begutachtete und seine Augen zu glänzen anfingen. Sie sah nur seine bleiche, lederne Fassade, die sie schüttelte und ängstigte. Schon wollte sie sich umdrehen und hinausgehen, als der Herr sie zum Bleiben auf forderte.

Maria, du gute Seele. Ich habe erfahren, dass du in den nächsten Tagen heiraten möchtest. Seine Blicke stachen sich wie zwei Dolche in ihr Fleisch. Mit den Augen auf den Boden zu gewandt antwortete Maria, ja, ich heirate Joshua, den Schafhirten unten vom See. Aha, nahm Kahlbutz nunmehr ihre Hand und streichelte mit dem sehnigen dünnen Gezweig seiner Finger auf dieser herum, so dass sie sich am liebsten schnell wieder entzogen hätte. Du weißt, begann Kahlbutz, dass es in diesem Land Gesetze gibt und ich als dein Herr mir das Recht der ersten Nacht beanspruchen darf. Das weiß du doch oder, Maria? wirkte Kahlbutz auf das Mädchen ein. Maria kamen die Tränen. Sie müssen wissen Herr, ich liebe Joshua sehr, pressten ihre Lippen hervor und zitterten dabei aufgeregt, so dass Kahlbutz das Streicheln auf ihrer Hand verstärkte. Nun gut räusperte er sich im Anzeichen des Wohlwollens. Ich gehe davon aus, dass Joshua keinen Groschen besitzt, was die Lage nicht vereinfacht, aber, als Zeichen meines guten Willens, möge er mir dafür drei Schafe entrichten.

Marias Tränen versiegten mit der aufkommenden Hoffnung, die ihren ganzen Körper durchflutete. Sie ging vor Freude auf die Knie und küsste seine Hand. Zu Dank bin ich Ihnen verpflichtet, zu Dank und entfernte sich langsam und teilweise verwirrt aus dem Zimmer. Sollte es wahr sein, habe ich den Herrn falsch eingeschätzt, so grübelte Maria voller Tatendrang auf dem Weg zu Joshua, um ihn die freudige Botschaft zu überbringen. Drei Schafe freute sie sich dabei, drei Schafe.


Joshua zutiefst versunken

Drei Schafe erblickte Maria als sie die Lichtung erreichte und Joshua, der versunken in die Ferne sah. Ein seltsames Licht brach durch das Buchenwäldchen und umgab Joshua gleich einer Aura etwas stumpf, so dass kleine Fädchen und Insekten in dieser aufglänzten. Joshua sah traurig in Richtung des Sees und hörte Maria nicht kommen. Kein Arko war da, der sie freudig begrüßte, keine blökenden Schafe, die vom Fressen kurz aufsahen. Allein die drei Schafe trauten sich kaum Gras zu zupfen und blickten ihr eher erschrocken entgegen.
Sanft legte Maria die Hand um Joshuas Schulter, setzte sich zu ihm ins hohe Gras und lehnte sich mit ihrem Kopf an ihm an. Fast alle Schafe sind tot, blickte er wortkarg weiter geradeaus. Fast alle Schafe und der Hund. Was ist denn passiert, versuchte Maria Worte zu finden, woraufhin Joshua nur mit den Schultern zuckte, so dass ihr Kopf mit diesen leicht umherschwang. Was machen wir nun, fragte Maria Joshua. Joshua grübelte. Ich könnte die drei Tiere jeweils eines gegen drei Lämmer eintauschen. Die Zeit überbrücken müsste ich dann von Hand zu Hand. Du bist ja im Gut versorgt, grübelte Joshua weiter. Das geht nicht wandte Maria erschrocken ein. Der alte Herr verlangt von mir das Recht der ersten Nacht und will dafür drei Schafe, im Gegenzug für das Geld, welches wir nicht besitzen. Zum ersten Mal entzog sich Joshuas Blick wieder der Ferne und er sah Maria in die Augen. Oh Gott, was machen wir denn nun, flüsterten sich beide zu, gleichsam nach Beherrschung ringend. Gut, sagte Joshua sehr zielgerichtet, dann soll es so sein. Soll er die Schafe bekommen. Aber, versuchte ihn Maria... Nein, nicht aber, unterbrach sie Joshua sofort. Wenn es so sein soll, dann soll es so sein und streichelte dabei ihre Wange. Wir schaffen das schon, flüsterte er ihr entgegen und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Sie blieben noch eine Zeitlang sitzen und hörten den Vögeln zu, die sich wieder zeigten und den Fischen, die weiter entfernt nach Insekten schnappten.


Die Entschädigung

Maria und Joshua trieben die drei Schafe gemütlich Hand in Hand Richtung Dorf und Gut, sahen sich oft in die Augen und küssten sich. Sie brauchten nicht viele Worte, nur um der Gemeinsamkeit wegen, ihre Nähe zueinander war ihnen genüge. Ein seltsamer Wind begleitete sie, der an ihnen zog und ihre Schritte immer langsamer machte, je näher sie dem Gutshof kamen. Über der Schwenzebrücke wackelten die Hängelaternen pendelgleich hin und her und seltsame Worte schienen in den Lüften widerzuhallen. Ihr Gang wurde immer schwerer und die Schafe blökten ängstlich auf. Ihr Fell verfärbte sich wie grau in grau und alles dunkelte ihnen ringsum. Je näher sie jedoch dem Hof kamen, desto weniger schwer fiel ihnen die Last. Nur ihre Hände hatten sich noch fester ineinander verhakt, so dass die Knöchel scheinbar weiß hervortraten. Der Herr Kahlbutz stand schon an einem der Fenster des Hauses im Lichtschein einer Kerze. Mit dem schwarzen Hintergrund des Zimmers verschmolz er fast zu einem Skelett, dass beiden der Grusel überkam und es ihnen eiskalt den Rücken entlanglief.

Ärgerlich sah er nach draußen und schlug ihnen das Klirren des abrupt geöffneten Fensterflügels entgegen. Die Schafe sind aber ziemlich jung, knurrte er ihnen entgegen, dass sie Angst hatten er könnte es sich noch anders überlegen. Dafür bekomme ich aber noch einen paar Ellen Land hinzu, Schäfer, schrie Kahlbutz. Jene, die ich schon immer von dir haben wollte. Direkt am See, einen Acker würde ich sagen. Joshua und Maria sahen sich wieder in die Augen und drückten sich kurz ihre Hände. Ja, sagten beide im Einklang und erschraken aufgrund des aufkommenden Donners, der windartig durch Kahlbutz Haare strich und Blitze, die ihnen aus seinen Augen heraus entgegen zu schleudern schien. Dann soll es so sein, brüllte er und entfernte sich vom Fenster.


Das Ende

Maria verabschiedete sich am Abend von Joshua mit einem Kuss und drückte ihn glücklich. Morgen ist unser großer Tag. Du willst mich doch noch, oder, zwinkerte sie ihm entgegen. Mit allem was ich habe, lächelte er ihr zurück und begab sich zurück auf den Weg zum See. Das Zwielicht brach schnell über ihn ein und je näher er der Brücke kam, desto nebliger schien ihm der Abendweg. Dunkler wurde ihm mit jedem Schritt und schwerer schlug sein Herz, verkrampfte fast als er die Brücke erreichte und spannte sich wie der Bogen des Bauwerks. Etwas klirrte und zerbarst hinter seinen Schritten, erreichte ihn und schlug auf Joshua ein. Etwas mit einer tiefen Stimme, die rief: mein ist sie, mein und den leblosen Körper des Schäfers zurückließ.

Joshua, der Schäfer Pickert starb im Jahre 1690 und war der Verlobte von Maria Lippert, der Magd von Christian Friedrich von Kahlbutz. Kahlbutz wurde von seiner Magd am Mord an ihrem Verlobten bezichtigt. Im darauffolgenden Strafprozess in Dreetz bei Neustadt wurde Kahlbutz aufgrund des Mangels an Beweisen freigesprochen. Noch heute werden Spaziergänger angeblich von einer seltsamen und unsichtbaren Last befallen, wenn sie in der Nacht die Schwenzebrücke überqueren. Je mehr sie sich von der Last trennen wollen, umso schwerer wird diese. Erst wenn sie sich von der Brücke und somit dem Ort des Mordgeschehens weit genug entfernen, lässt die Last sie wieder los, so sagt man. Es wird des Weiteren berichtet, dass auch Pferde an diesem Ort nur mühsam vorwärts kommen, scheuen oder stehen bleiben.
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nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt... (Wabi-Sabi)

Geändert von ginTon (09.10.2018 um 18:41 Uhr)
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