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Grafische Gedichte PoeticArt

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Alt 30.09.2012, 02:37   #1
Hans Beislschmidt
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Geändert von Hans Beislschmidt (18.10.2012 um 15:30 Uhr)
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Alt 30.09.2012, 21:00   #2
Falderwald
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Moin Hans,

nach dem ersten Betrachten des Bildes fragte ich mich, ob hier wohl die Gedanken von Paulchen, dem rosaroten Panther, auf seinem letzten Gang wiedergegeben würden und dessen Worte sich gegen Ende hin an Inspektor "Kluhso" richten.

Also aus der Farbe des Bildes und dem im Vordergrund abgebildeten Fußabdruck konnte schon dieser erste Eindruck enstehen.

Die Färbung steht in einem krassen Widerspruch zu den Gedanken des Protagonisten, der ganz bestimmt keinen Anlass verspüren dürfte, die Welt durch eine rosarote Brille zu betrachten.
Wobei wir im Geschehen des Textes angelangt wären.

Die Idee, die der Text transportiert, ist nicht schlecht, wenn auch die Metaphorik dazu nicht ganz neu ist, die Umsetzung dagen kommt nicht sehr sorgfältig daher, aber dazu später mehr.

Das Geschehen im Text lässt jedoch zwei Interpretationseben zu, nämlich einen geplanten Suizid oder eine Trennung.

Hier gehen zwei, vermutlich ein Paar, in den Gedanken zum Meer, daß sie nicht mehr gemeinsam von dort zurückkehren werden.

Nun stellt sich die Frage, ob das Ende dem Anfang gleicht.
Das kann man im philosophischen Sinne als metaphysische Frage verstehen oder aber bei einer Trennung als Frage nach den Wegen, die sich einst kreuzten, eine Weile zusammen verliefen, um nun wieder in entgegengesetzte Richtungen zu streben.

Der Protagonist (ich lege ihn jetzt willkürlich auf den männlichen Part fest) befreit sich von seiner Kleiderlast, wobei diese auch stellvertretend für alle Lasten verstanden werden können. Der Begriff Verkleidung kommt von Kleid und eine solche wird nun nicht mehr benötigt.
Er macht sich nichts mehr vor und hält auch nicht länger an den Dingen fest.

Von allen Lasten, die ihm auf dem Gemüt liegen, befreit, spürt er den vertrauten Weg, doch jeglicher Stolz ist ihm in Anbetracht seiner Lage geschwunden.

Nun spricht er zu seiner Begleiterin, daß sie von jetzt an ihren restlichen Lebensweg alleine gehen müsse, zumindest ohne ihn.
Der Weg, der zu ihm geführt habe, sei der Weg, den sie gekommen ist, bzw. auf dem er sie bis hier hin gebracht habe.

Auf diesem Wege würde sie wieder aufgenommen, also könne sie ihn ohne Zögern wieder beschreiten. Die Spuren, die das hinterließe, würden mit der Zeit schon vergehen.

Nun suche ich in diesem Text keinen Grund für einen geplanten Suizid oder eine Trennung, dessen Vorhandensein nehme ich einfach mal an.
In Anbetracht dieser Unkenntnis kommt mir jedoch das Ende recht zynisch und egoistisch daher.
Ist auch die Endaussage, "Die Spuren wird die Zeit verwehen", so steht doch auf jeden Fall aber fest, daß sich der Protagonist hier jeglicher Verantwortung entledigt und sich einfach aus dem Staub macht.
Da scheint mir die letzte Aussage, die Zeit heilt alle Wunden, doch mehr eine Beschwichtigung des eigenen Gewissens zu sein, als ein Trost für den anderen.

Da bleibt bei mir ein fader Nachgeschmack hängen, denn der Protagonist entzieht sich feige der Situation, um seinem Ego bzw. seinem Willen nachzukommen.

Leider muss ich auch formale Bedenken anmelden.

Sicherlich könnte ein geübter Leser diesen Text gekonnt vortragen, doch hier steht er zum Lesen und schauen, so daß metrische Unregelmäßigkeiten und Inversionen doch arg ins Auge fallen und störend wirken.
Kann sich der Text anfangs nicht zwischen Jambus und Trochäus entscheiden, wird er dann letztlich doch jambisch.
Auch wenig hilfreich sind die einzelnen Sätze in den Zeilen, es entsteht beim Lesen keine Homogenität, es wirkt abgehackt, wie eine Aufzählung.

Wir brechen auf zum letzten Gang.

Als Einleitung ok. (Jambus)

Wasser füllt die tiefen Spuren.

In Anbetracht des Weges an einem Strand, geht das auch in Ordnung. (Trochäus und das nach männlicher Kadenz in der ersten Zeile. Das Lesen gerät direkt ins Stocken.)

Gleicht das Ende doch dem Anfang?

Nun, die Frage ist erlaubt und stellt sich jedem wohl an bestimmten Stellen des Lebensweges. (Trochäus. Aber: "Anfang" reimt sich nur bedingt auf "Gang", weil die Betonung bei "Anfang" doch auf "An" liegt und somit "fang" lediglich eine unbetonte, also weibliche Kadenz ist.)

Wellen brechen die Konturen.

Das haben Wellen nun mal so an sich, ok. (Trochäus)

Stück um Stück lass ich nun fallen.

Das klingt eher so, als ob er sonst was fallen ließe und ist m.E. nicht sehr glücklich formuliert. (Trochäus)

Von Kleiderlast ich mich befrei.

Diese Formulierung ist eine schreckliche Inversion. (Ab hier alles im Jambus)

Wozu länger fest sich krallen?

"Wozu" wird auf der zweiten Silbe betont, so daß hier ebenfalls die Metrik gefährlich ins Wanken gerät.

Zu spät für hohle Heuchelei.

Das ist kein vollständiger Satz, weil das Verb fehlt.

Mein Schmuck ist nunmehr bloße Haut.

Ok.

Der letzte Stab ist nur aus Holz.

Wo kommt der denn jetzt auf einmal her? Welche Metaphorik soll der Holzstab an dieser Stelle ausdrücken? Da drängt sich der Verdacht auf, daß dieser nur dem Reim in der letzten Zeile geschuldet ist.

Der Weg fühlt sich so altvertraut.

Aha, der Weg fühlt sich also. Dann ist der Weg also ein fühlendes Wesen? Ansonsten fehlt die Präposition "an" an dieser Stelle.

Wie leicht verschwindet falscher Stolz.

Die Frage lautet nur: Was ist "falscher" Stolz? Gibt es auch "richtigen" Stolz? Oder ist das nur eine individuelle Ansichtssache?
Das gibt doch eine sehr subjektive meinung wieder.
Ich weiß nicht so recht...

"Den Schluss musst du alleine gehen.

Lassen wir so stehen.

Es ist der Weg, den du gekommen.

Das ist ebenfalls ein unvollständiger Satz, weil hier das Hilfsverb "bist" am Ende fehlt, nicht schön.

Von dort hab ich dich dereinst gebracht.

Warum wird mit "dereinst" eine Metrikunregelmäßigkeit an dieser Stelle eingebracht? Es reicht hier "einst" vollkommen aus.
Das ist die Stelle, an der ich mich eigentlich gestoßen habe.
Der Protagonist behauptet einfach, er habe sie von dort gebracht. Kann es nicht auch umgekehrt gewesen sein? Oder lag dem nicht eher eine Willensentscheidung beider zugrunde?
Das klingt sehr überheblich.

Da wirst du wieder aufgenommen.

Ja, lass dich einfach fallen in diesen Weg.

Nun geh - ohne Zaudern unbedacht.

Diese Aussage könnte man auch interpetieren mit: Hau einfach ab.(Kritik s. o.)
Auch das ist metrisch nicht sauber, weil wir hier einen Hebungsprall haben.
Das geht metrisch nicht mal konform mit der oben reimenden und dazugehörigen Zeile aus der vierten Strophe:

Von dort hab ich dich dereinst gebracht.

xXxXxxXxX

Nun geh - ohne Zaudern unbedacht.

xX - XxXxXxX

Die Spuren wird die Zeit verwehen."

Ja, ja, die Zeit heilt alle Wunden. (Kritik s.o.)


Mir drängt sich fast der Eindruck auf, daß hier ein Schnellschuss vorliegt, sowohl was die Bild-, wie auch die Textbearbeitung und die Schluss aussage in der vorliegenden Formulierung angeht.
Da habe ich schon Besseres von dir gelesen, denn die eigentliche Moral, von der eine solche Geschichte oder Idee lebt, ist hier nicht eindeutig zu erkennen.

Vorschlag:

Wir brechen auf zum letzten Gang.
Mit Wasser füllen sich die Spuren.
Ein Anfang ist des Endes Zwang.
Doch Wellen brechen die Konturen.

Ich lasse Stück um Stück mich fallen.
Von Kleiderlast bin ich nun frei.
Wozu noch länger fest sich krallen?
Was soll die hohle Heuchelei?

Mein Schmuck ist nunmehr bloße Haut.
Mein Wanderstab ist nicht aus Holz.
Der Weg ist mir so altvertraut.
Wie leicht verschwindet jeder Stolz.

"Den Schluss musst du alleine gehen.
Wir sind den Weg bis hier gekommen.
Er hat gemeinsam uns gebracht.

Dort wirst du wieder aufgenommen.
Geh ohne Zorn nun, unbedacht.
Die Spuren wird die Zeit verwehen."


Das klingt m. E. viel flüssiger und vor allem auch versöhnlicher am Ende eines Lebensweges - sowohl für den Tod, als auch für einen Abschied.
Meinst du nicht auch?


Gerne gelesen und kommentiert...


Liebe Grüße

Bis bald

Falderwald
__________________


Oh, dass ich große Laster säh', Verbrechen, blutig kolossal, nur diese satte Tugend nicht und zahlungsfähige Moral. (Heinrich Heine)


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Alt 01.10.2012, 18:53   #3
Hans Beislschmidt
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Lächeln

Hey Faldi,

Danke für den ausführlichen Kommentar und Gedanken.

Du hast viele Deutungen zu dem Text ausgearbeitet und einiges davon kann ich gut nachvollziehen. Ich muss also etwas ausholen, warum ich diesen Text geschrieben habe und die Intention, die dahinter steckt. Ich habe die Sommermonate dazu benutzt Seminare über Kommunikationstherapie, unter anderem auch in der Palliativ Medizin (Hospiz Bewegung/Sterbebegleitung) zu machen. Die Beschäftigung mit den fünf Phasen des Sterbens und der Arbeit von Cicely Saunders war sehr interessant und hat mir neue Perspektiven eröffnet.

Zuerst zu der etwas ungewöhnlichen Farbgebung. Kein Paulchen Panter steckt dahinter, sondern der Umstand, dass mit verschiedenen Farben Experimente gemacht wurden, um festzustellen, welche Farbe wie auf die Emotionalität des Menschen wirkt. Bei der Farbe rosa hat man festgestellt, dass sie zutiefst beruhigend auf das Unterbewusstsein einwirkt und man hat bei Versuchen innerhalb des Spektrums „Gewaltprävention“ in Gefängnissen erstaunliche Ergebnisse erzielt. Natürlich war auch ein gewisser Auffälligkeitsbonus mit im Spiel, weshalb ich mich für Picture&Poetry entschieden habe.

Das Gedicht ist eine Traumparabel und erzählt vom LyIch in der fünften und letzten Phase des Sterbens. Sein Begleiter ist, ähnlich wie in der griechischen Mythologie der Fährmann Charon, der den Mensch nicht nur zurückbegleitet, sondern auch aus der anderen „Welt“ abholt. Damit erschließt sich die Affinität vom „Anfang“ und „Ende“ in dem Gedicht. Das Zurücklassen oder Fallenlassen von „Stück um Stück“ ist einerseits die unnötige Kleidung, andererseits aber auch der unnötige Ballast, der sich im Leben angehäuft hat und nun keine Bedeutung mehr hat. Der Hinweis auf den „Stab“ ist einmal der Stab auf den das LyIch sich stützt, meint aber auch ein Teil der weltlichen Insignien von Macht und Würde, die bald nicht mehr gebraucht werden. Ich wollte deutlich machen, dass der Mensch genauso nackt und „unbedarft“ stirbt, wie er geboren wurde. Weltliche Güter oder zivilisatorische Errungenschaften spielen keine Rolle mehr. Das Gedicht spielt auf keinen religiösen Hintergrund an, bestenfalls auf die philosophische Frage, was mit uns oder mit unserem Geist passiert oder besser noch, ob noch überhaupt etwas passiert.

Die Lesbarkeit lediglich mit dem Auge einer metrischen Erfüllbarkeit zu sehen, war noch nie mein Anspruch an die Lyrik. Insofern sehe ich in einem durchgängigen Jambus kein „Must“ – vielmehr streue ich bewusst einen Trochäus ein, weil er durch seinen kraftvollen Auftakt den jambischen SingSang aufbricht. Ich habe ein eher ursprüngliches Lyrikverständnis. Allein der Begriff „Lyra“ ist ja das Musikinstrument, zu der die Lyrik rezitiert wurde. In dem Wort Dichter steckt in meiner persönlichen Etymologie der 'Dicter' - also der 'Sprecher' oder 'Redner'. (dicere = sprechen, sagen). Die Prosodie des gesprochenen Wortes hat drei wesentliche Grundlagen: Klang, Zeit und Sinn. Kombiniert man Klang und Zeit, so hat man Rhythmik. Kombiniert man Rhythmik mit Sinn, kann mich Lyrik überzeugen. Wenn hingegen Lyrik sich lediglich auf eine Opitzsche Metrik reduziert, mag das wohl schön klingen, verliert aber, weil zu glatt, ihre Kraft und wird mehr und mehr weichgespült und unverbindlich. Deshalb gehört für mich ein eingeschobener, kraftvoller Tröchäus einfach dazu, wie eine Dissonanz im Jazz. Ist halt ein "Beislschmidt"

Ein Beispiel – du schreibst ...
Zu spät für hohle Heuchelei. ... Das ist kein vollständiger Satz, weil das Verb fehlt. .... Meine Version ist ein Appellsatz, braucht ergo gar kein Verb und klingt stärker, fast wie ein Befehl ....
Dein Vorschlag:
Was soll die hohle Heuchelei? ist zwar auch nicht schlecht, nur empfinde ich, er trifft nicht genau das Präsens und die dezidierte Situation und bewegt sich auf Allgemeinschauplätzen.

Trotz allem gefallen mir einige deiner Vorschläge gut, z.B.

Geh ohne Zorn nun, unbedacht. – XxxXxXxX gefällt mir besser (auch wegen dem Trochäus und dem stärkeren Wort Zorn)
Gegenüber meiner Version
Nun geh - ohne Zaudern, unbedacht. xXxxXxXxX

Werde ich gerne übernehmen.

Ferner:
Ein Anfang ist des Endes Zwang.
gegenüber
Gleicht das Ende doch dem Anfang?
– sicher ist Zwang der bessere Reim als Anfang, nur drückt es nicht den Umstand aus, dass Ende und Anfang „eins“ sind – vielleicht fällt dir noch eine andere Variante ein.


Ich hoffe, ich konnte Intention und Herangehensweise etwas verdeutlichen und bedanke mich nochmals für deinen Kommentar.

Gruß nach Ratzeburg vom Hans


Neue Bearbeitung ....
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