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Alt 18.06.2018, 18:22   #1
ginTon
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Standard Eirene

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Wir hatten schon immer Geheimnisse. Wohlbehütet liegen sie auf dem Grund unserer Seele und warten darauf: wie eine Kiste oder leicht schaukelnde Flasche im Wasser geborgen zu werden…

Eirene war plötzlich verschwunden und das Wetter spielte verrückt. Die ganze Vorstellung der Klasse 12b schien somit ins Wasser zu fallen. Sie, die Hauptdarstellerin, spielte den wichtigsten Part. Einer Nymphe gleich erschien sie auf dem Gipfel des Berges Eden in einem weißdurchsichtigen Kleid, um den Frühling zu begrüßen. Sonne sollte es geben und aufblühende Blüten satt. Stattdessen war mehr Sturm und Regen angesagt. Ihre Schwester Eunomia, sehr ordnungsliebend und mit Sinn für Kultur, sah dies alles mit Entsetzen. Ihre Bühneneinrichtung glänzte nass in den Wirren und drohte davonzufliegen. Nur ihr Bruder Polemos betrachtete das Ganze feixend. Er spielte wie immer Krieg auf dem Computer und ballerte seine Gegner scharenweise ab. Ansteckend wirkte dies nur auf jene, die keine Lust auf diese schnulzentriefende Kultur hatten. Zocken, war sein Credo und verführte Diejenigen, die womöglich noch ein Rest Interesse für die Ach so langweilige Aufführung zeigten. Dabei mochten viele seiner Clique Eirene und einige vermutlich mehr als das, aber Polemos hatte die seltsame Eigenschaft alles tot zu reden, was seine Schwestern betraf. Er hasste Eunomia, wenn sie ihn ständig zur Ordnung ermahnte, nur weil sein Zimmer wie ein Schlachtfeld aussah und er betrachtete Dike als Nörglerin, die ständig darum bemüht war es allen recht zu machen. Sie besaß, seiner Meinung nach, die seltsame Eigenschaft alle Tatsachen zu verdrehen, fand sie aber ganz süß, wenn sie ihn vor den Eltern verteidigte. Nicht einmal das Ritalin hilft, dachten die. Polemos hingegen verhökerte eine Pille für 10 Euro auf dem Schulhof. Und überhaupt besitzt er das seltsame Talent, alles zu verkaufen, was irgendwie Geld einbringt und sei es noch so schrottreif. Dies versetzt ihn in die Lage sich für wenig Kleingeld die Gunst seiner Mitschüler zu ergaunern. Polemos pflegte so sich Schweigen oder Reden zu erkaufen. Aber Bitteschön immer seiner Wahrheit entsprechend. All dies machte es seinen Eltern nicht leicht. So auch heute.

Eirene war verschwunden. Als man ihn fragte, wo sie sei, schüttelte er nur stillschweigend mit dem Kopf. Die blöde Kuh, dachte er, will nur mit ihrem schönen Mund und perfekten Körper alle Leute becircen. Allein Eirene besaß die Eigenschaft ihn zu besänftigen, was ihn schon bei dem Gedanken noch aggressiver machte. Er krallte sich in der Computermaus fest und tackerte wild auf der Tastatur herum. Keiner ahnte, dass er sie einfach in der Maske eingesperrt hatte, nur um ihre Aufführung zu boykottieren. Ahnen konnte er jedoch nicht, dass ihn der Hausmeister dabei sah. Jetzt in all dem Chaos ging diesem ein Licht auf und er verhalf der wartenden Eirene aus ihrem Verschluss. Der Himmel brach den Regen auf und die ersten Sonnenstrahlen spielten kleine Farbspiele.

Das Schauspiel konnte beginnen und die Zuschauer versanken in Stille.




frei nach: Aristophanes, Der Frieden

http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-friede-6525/1
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__________________
© Bilder by ginton

die Gedanken, die kommen, auch die flüchtigsten, müssen mich ganz allein finden... (Rilke)


nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt... (Wabi-Sabi)

Geändert von ginTon (19.06.2018 um 23:45 Uhr)
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