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Satire Zipfel Für Zyniker und andere Fieslinge

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Alt 14.02.2026, 23:38   #1
Falderwald
Lyrische Emotion
 
Benutzerbild von Falderwald
 
Registriert seit: 07.02.2009
Ort: Inselstadt Ratzeburg
Beiträge: 10.132
Standard Dosenbrot & Batterien / Canned Bread & Batteries




Dosenbrot & Batterien

Die Fressen im Fernsehen sagen mir,
dass die Welt verreckt.
Sie tragen Krawatten, die mehr kosten als meine Miete
und raten mir zu Dosenbrot und Batterien,
damit ich beim großen Knall
wenigstens nicht mit leerem Magen abtrete.

Dann zeigen sie einen Regierungsheini,
der heute den Retter spielt
und morgen das Opfer,
je nachdem, wie der Wind oder jemand anderes bläst.
Dazu die Nachricht, dass ich bald für’s Atmen zahlen darf,
während die oben den Champagner
direkt in die Venen kriegen.

Schnitt.
Roter Teppich. Seide. Gold.
Schnitt.
Ein Kind verreckt im Staub.
Schnitt.
Kauf dir dieses Deo, du stinkendes Schwein,
sonst liebt dich keiner.
Ein verdammter Zirkus ohne Ausgang.

Ich sitze hier im Mief.
Das Glas ist trüb, der Fusel billig.
Durch die Wand kriecht das Kraut der Nachbarn.
Ein alter, süßlicher Geist.
Ihr Hund – ein Pitbull, nur aus Muskeln und Hunger –
ist wahrscheinlich schon high.
Wenn sie irgendwann zu ihrem Asi-Rap umkippen,
wird der Köter sie fressen,
bevor der Bass verstummt.

Sie nennen es Leben.
Ich nenne es Warten.
Draußen die große Lüge,
hier drin die kleine.
Wir hocken alle in unserer eigenen Pisse
und nennen die Wärme Heimat.

Der ganze Laden brennt lichterloh
und wir beschweren uns nur,
dass die Nacht
ein bisschen zu heiß ist.

Das Erwachen:

Am nächsten Morgen
weckt mich das Licht, das wie eine zerbrochene Flasche
durch das Fenster schneidet.
Mein Mund schmeckt nach einer alten Socke,
und der Bass der Nachbarn ist verstummt.
Vielleicht sind sie schon aufgefressen,
vielleicht schlafen sie auch nur den Schlaf der Gerechten.
Ich drehe mich um,
starre die Risse in der Decke an
und warte darauf,
dass die Fressen im Fernsehen mir sagen,
dass ich noch lebe.
Aber das tun sie nicht.
Dafür muss ich schon selbst sorgen.

Verdammte Scheiße…


Falderwald
. .. .


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English Version


Canned Bread & Batteries

The mugs on the screen tell me
the world is croaking.
They wear ties that cost more than my rent
and advise me to stock up on canned bread and batteries,
so when the big bang comes
at least I won't check out on an empty stomach.

Then they show some government hack
playing the savior today
and the victim tomorrow,
depending on which way the wind—or someone else—is blowing.
Followed by the news that I’ll soon be paying for the air I breathe,
while the ones at the top
get their champagne injected straight into the veins.

Cut.
Red carpet. Silk. Gold.
Cut.
A kid croaks in the dust.
Cut.
Buy this deodorant, you stinking swine,
or nobody will love you.
A goddamn circus with no exit.

I’m sitting here in the funk.
The glass is cloudy, the booze is cheap.
The neighbors' weed creeps through the walls.
An old, sweet ghost.
Their dog—a pitbull, nothing but muscle and hunger—
is probably high as a kite by now.
When they finally pass out to their trashy rap,
the mutt will eat them
before the bass even stops.

They call it life.
I call it waiting.
Outside, the big lie;
in here, the small one.
We’re all crouching in our own piss
and calling the warmth home.

The whole place is burning to the ground
and all we do is complain
that the night
is a little too hot.

The Awakening:

The next morning
the light wakes me, cutting through the window
like a broken bottle.
My mouth tastes like an old sock,
and the neighbors' bass has gone silent.
Maybe they’ve been eaten,
maybe they’re just sleeping the sleep of the righteous.
I roll over,
staring at the cracks in the ceiling,
waiting for the mugs on the screen
to tell me that I’m still alive.
But they don’t.
I’ve got to take care of that myself.

Goddamn it...


Falderwald
. .. .


__________________


Manchmal muss man eben Dreck fressen, um Gold kacken zu können (Falderwald)



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Alt 11.03.2026, 13:04   #2
MakaVeli
Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 18.04.2021
Beiträge: 96
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"Ihr Hund – ein Pitbull, nur aus Muskeln und Hunger –"

Diese Zeile alleine macht das Ganze lesenswert - richtig, richtig stark. Selbst jetzt, noch Stunden nach dem Lesen, fühlt sich's an, als hätte ich das Viech sowohl vor Augen als auch im Nacken, wenn ich dran denke.
Insgesamt sind's sehr treffende Worte. Nur als satirisch kann ich sie irgendwie nicht empfinden... sie sind einfach traurige Wahrheit.
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Alt 03.04.2026, 19:50   #3
Schamansky
Nur der Uhu darf turzen.
 
Benutzerbild von Schamansky
 
Registriert seit: 30.12.2013
Ort: Northampton, UK
Beiträge: 208
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Das knallt richtig gut, das Zeug. Scharf wie ein Pitbull.
Schamansky ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.07.2026, 08:11   #4
Falderwald
Lyrische Emotion
 
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Registriert seit: 07.02.2009
Ort: Inselstadt Ratzeburg
Beiträge: 10.132
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Hallo MakaVeli,

danke dir. Gut zu hören, dass die Zeile hängen bleibt. Und ja: Es ist Satire — aber eine, die sich bewusst an die Oberfläche der „traurigen Wahrheit“ anlehnt. Genau da sollte sie treffen.


Hallo Schamansky,

vielen Dank. Der Pitbull scheint seinen Job zu machen.


Viele Grüße

Falderwald


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Manchmal muss man eben Dreck fressen, um Gold kacken zu können (Falderwald)



Falderwald ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.08.2026, 11:17   #5
Xenia
Lim-Fee
 
Registriert seit: 01.05.2014
Beiträge: 225
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Lieber Falderwald,

dein Text wirkt wie ein Blick durch ein Fenster, das niemand putzt, weil die Welt dahinter ohnehin zu grell ist.
Die Schnitte zwischen Glamour, Elend und diesem kleinen, stickigen Zimmer treffen hart, aber nicht laut — eher wie etwas, das man schon lange weiß und trotzdem jedes Mal neu spürt.

Die englische Version trägt dieselbe Schwere, aber anders gefärbt: etwas direkter, etwas karger, fast wie ein zweiter Atemzug desselben Gedankens.
Sie macht die Bilder noch klarer, weil sie die Härte ohne Umwege zeigt.

Besonders stark finde ich die Müdigkeit, die sich durch alles zieht, und dieses Erwachen am Ende, das kein Trost ist, sondern nur ein weiterer Moment, in dem man sich selbst wieder zusammensuchen muss.
Das hat eine eigene, dunkle Ehrlichkeit.

Danke fürs Teilen.

Herzliche Grüße von Xenia
Xenia ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.09.2026, 22:45   #6
Melinda
Neuer Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 17.08.2026
Beiträge: 25
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Lieber Falderwald,

„Dosenbrot & Batterien“ ist kein Gedicht, das man streichelt.
Es ist eins, das man anfasst und merkt, dass man sich daran schneiden kann.
Genau das macht es stark.

Du gehst hier nicht den Weg über Metaphern oder feine Zwischentöne.
Du haust die Welt so hin, wie sie sich anfühlt, wenn man sie nicht mehr schönreden will.
Die Fressen im Fernsehen, der Regierungsheini, der Pitbull, der Bass, der Mief — das ist alles roh, direkt, ungefiltert. Und es funktioniert, weil du nicht versuchst, es literarisch zu entschärfen.

Die Schnitte sind gut gesetzt.
Sie reißen den Leser raus, genau wie die Bilder im Kopf des Erzählers ihn rausreißen.
Roter Teppich, Kind im Staub, Deo‑Werbung — das ist die Art von Kontrast, die nicht subtil sein soll. Sie soll wehtun. Tut sie.

Der Mittelteil ist dreckig und ehrlich.
Du beschreibst die Wohnung, die Nachbarn, den Hund, den Fusel, den Geruch, die Wand — und es hat diese Klarheit, die entsteht, wenn man nichts mehr beschönigt. Das ist nicht Jammern, das ist Bestandsaufnahme.

Die Zeile „Wir hocken alle in unserer eigenen Pisse und nennen die Wärme Heimat“ ist brutal und gut.
Sie trifft, weil sie nicht übertreibt.
Sie sagt einfach, was Sache ist.

Der Schluss ist der stärkste Teil.
Kein großes Erwachen, kein pathetisches „Ich habe verstanden“, sondern dieses müde, klare Erkennen:
Niemand sagt dir, dass du lebst.
Du musst es selbst tun.

Das ist ein Satz, der bleibt.

„Verdammte Scheiße“ am Ende ist kein Effekt.
Es ist der einzige logische Ausatmer nach all dem.

Ein hartes, ehrliches Gedicht.
Kein Trost, kein Filter, kein Feigenblatt.
Genau so muss es stehen.

Mit freundlichem Gruß
Melinda
Melinda ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 10:06   #7
Falderwald
Lyrische Emotion
 
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Registriert seit: 07.02.2009
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Beiträge: 10.132
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Liebe Xenia,

danke für deinen Kommentar.
Du liest den Text über die Schnitte, die Müdigkeit und das Erwachen — und das ist tatsächlich der Kern. Ich wollte keine Empörung, sondern diesen abgehangenen Blick, der nicht mehr überrascht ist, sondern nur registriert, was ohnehin jeden Tag passiert.

Dass du die englische Version als karger empfindest, ist interessant. Sie ist nicht als Übersetzung gedacht, sondern als zweiter Aggregatzustand desselben Materials. Weniger Farbe, mehr Direktheit. Dass du das so wahrnimmst, bestätigt mir, dass beide Fassungen denselben Unterton tragen.

Die Müdigkeit, die du ansprichst, ist kein Stilmittel. Sie ist die Haltung des Erzählers. Kein Drama, kein moralischer Zeigefinger — nur das konstante Gefühl, dass die Welt draußen und die Welt drinnen beide auf ihre Weise verrotten.

Das Erwachen am Ende sollte kein Lichtmoment sein. Nur ein weiterer Tag, an dem man feststellt, dass man sich selbst wieder zusammensuchen muss. Du hast das präzise getroffen.


Liebe Melinda,

danke für deinen Kommentar.
Du gehst genau an die Stellen, die den Text tragen: die Schnitte, die Rohheit, die Bestandsaufnahme ohne Filter. Das Gedicht sollte nicht schön sein, sondern ehrlich — und ehrlich ist nun mal nicht glatt.

Die Kontraste sind bewusst gesetzt: Glamour, Staub, Werbung, Elend. Kein subtiler Übergang, sondern harte Schnitte, wie man sie aus einem Nachrichtenfeed kennt, der längst aufgehört hat, irgendetwas zu ordnen. Dass du das als funktionierend beschreibst, freut mich — es sollte wehtun, aber nicht schreien.

Der Mittelteil ist tatsächlich eine Bestandsaufnahme. Kein Jammern, kein Mitleid, nur der Zustand eines Raums, der genauso verkommen ist wie die Welt draußen. Der Pitbull, der Bass, der süßliche Geruch — das ist nicht Symbolik, das ist Inventar.

Die Zeile mit der Pisse ist brutal, ja. Aber sie ist nicht übertrieben. Sie sagt nur, was Sache ist. Dass du das so liest, zeigt, dass der Satz tut, was er soll.

Der Schluss ist bewusst müde gehalten. Kein Erwachen, kein Erkenntnismoment, nur die Feststellung, dass niemand kommt, um einem zu sagen, dass man lebt. Das muss man selbst erledigen. „Verdammte Scheiße“ ist kein Effekt, sondern der einzige logische Ausatmer nach all dem.

Danke für deine direkte, klare Rückmeldung.


Liebe Grüße an euch beide

Falderwald


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Manchmal muss man eben Dreck fressen, um Gold kacken zu können (Falderwald)



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