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Alt Gestern, 13:39   #1
Taxi5013
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 17.01.2017
Beiträge: 352
Standard Kneipenleben

Kneipenleben

Wenn draußen Neonlichter flimmern,
und Regen auf den Asphalt fällt,
beginnt in dunklen Kneipenzimmern
ein kleines Stückchen Gegenwelt.

Die Türen gehen, Stimmen lachen,
ein Glas wird auf den Tisch gestellt,
hier kann man Sorgen kleiner machen,
hier zählt für Stunden nicht die Welt.

Der Wirt kennt jeden seiner Gäste,
kennt ihre Namen, kennt ihr Leid,
den Einsamen und auch die Reste
vergangner Liebe, längst verstreut.

Am Fenster sitzt ein alter Trinker,
und schaut hinaus ins Lichtermeer,
sein Bier wird langsam immer schaler,
sein Blick jedoch ist dunkel, leer.

Daneben sitzen zwei Studenten,
die laut von großen Dingen reden,
sie wollen morgen Präsidenten –
heut fehlt sogar das Geld zum Leben.

Am Tresen flirtet eine Schöne
mit einem Mann im feinen Kleid,
sie lacht über seine Töne,
doch bleibt noch, sie hat ja aus Zeit.

Ein Taxifahrer erzählt Geschichten,
ein Schauspieler spielt seine große Rolle,
zwei Rentner wollen gar nichts richten,
sie trinken noch gern eine Molle.

Dann kommt ein Fremder durch die Türe,
vom Regen nass, vom Leben müd.
Der Wirt fragt nur: „Was darf's denn sein?“
Der Fremde lächelt: „Irgendwas, das zieht.“

Und plötzlich wird die Nacht lebendig,
ein Lied erklingt aus alter Zeit.
Man singt nicht schön – doch ungezwungen,
und irgendwer vergisst sein Leid.

Hier wird gelogen, hier wird geliebt,
hier wird gestritten und versöhnt.
Hier gibt es manchen, der zu viel gibt,
und manchen, der sich selbst verhöhnt.

Hier trifft der Millionär den Boten,
der Professor sitzt beim Hafenmann,
der eine hat die Welt verboten,
der andre fängt von vorne an.

Und wenn die letzte Runde naht,
wird es auf einmal still im Raum.
Manch einer geht auf geradem Pfad,
manch einer schwankt noch wie im Traum.

Der Wirt löscht langsam die Laternen,
die Stühle rücken an die Wand.
Draußen blinkr der Morgenstern
über dem längst schlafenden Land.

Nur einer bleibt noch an der Theke
und starrt gedankenlos ins Glas.
Der Wirt fragt: „Freund, soll ich dich wecken?“
Er sagt: „Nein – ich such nur noch nach dem, was war.“

Dann geht auch er hinaus ins Morgenlicht,
die Großstadt schluckt ihn irgendwann.
Die Kneipe schweigt – doch lange nicht,
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Alt Gestern, 21:03   #2
Max Vödisch
Max Vödisch
 
Benutzerbild von Max Vödisch
 
Registriert seit: 26.03.2013
Ort: Osterzell
Beiträge: 131
Standard Kneipenleben

Hallo Taxi 5013,

mit „Kneipenleben“ ist dir ein sehr atmosphärisches Gedicht gelungen. Die vielen unterschiedlichen Figuren und kleinen Geschichten machen die Kneipe zu einem lebendigen Abbild des Lebens. Besonders gefallen hat mir, wie du die Mischung aus Hoffnung, Einsamkeit, Freude und Melancholie einfängst. Beim Lesen entsteht das Gefühl, selbst an einem Tisch zu sitzen und den Menschen zuzuhören. Ein warmherziges und authentisches Gedicht mit viel Beobachtungsgabe.

Liebe Grüße
Max
Max Vödisch ist offline   Mit Zitat antworten
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