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Alt 05.07.2023, 23:20   #1
thommi
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.12.2013
Beiträge: 102
Standard Essay: Wer braucht heute noch Religion?

Essay: Wer braucht heute noch Religion?

Gläubige vertreten gerne die These vom allmächtigen Gott.
Nun glauben die Menschen aber an verschiedene Gottheiten, was es dem Rationalisten schwer macht, zu entscheiden, wer denn nun in seinem Glauben auf dem richtigen Wege sei.

Aber bleiben wir bei der christlichen Kirche, der vorherrschenden Religion im Abendland.
Hier gibt es den einen allmächtigen Gott. Wenn irgendetwas Negatives geschieht, hört man oftmals den Spruch: „Gottes Wege sind unergründlich.“
Ein guter Spruch, mit dem sich der Priester herausredet und der Gläubige zufrieden geben soll. Aber warum sollte letzterer das tun?

Dieser Gott ist doch angeblich allmächtig? Er hat alles erschaffen, also all inclusive. Warum tut er also so viele unverständliche Dinge? Warum lässt er Kriege, Hungersnöte, Umweltkatastrophen, Krankheiten etc. zu? Warum lässt er Kinder elendig krepieren? Warum lässt er es zu, dass Frauen vergewaltigt und unterdrückt werden? Warum lässt er Mord, Folter, Leid und Elend geschehen?
Inquisition und Hexenverbrennung nicht zu vergessen.
Wie viele Menschen wurden in seinem Namen ermordet?
Dieser liebe Gott macht sich also jede Minute der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, denn er könnte das doch als Allmächtiger mit einem Fingerschnippen verhindern und alles wäre ganz easy. Alle wären glücklich und zufrieden, hätten keine Sorgen mehr und könnten den lieben langen Tag ihrem Gott huldigen und danken. Dann hätte er es auch verdient.

Aber so ist es leider nicht, denn dieser Gott ist nichts, rein gar nichts.
Er existiert nur in den Köpfen von Menschen, die ihn als geistiges Viagra benötigen, um ihr armseliges Innenleben aufzumöbeln, damit sie daran glauben können, dass da ein übernatürliches Wesen ist, dem sie etwas bedeuten und als Zukunftsoption nach dem unausweichlichen Ende. Was diesen Gott aber eben nicht real macht. Und was nur in der Fantasie existiert, wird in der realen Welt nichts erreichen oder verändern können, vor allen Dingen nicht die angeblich damit verbundene „gute“ Moral.

Ganz im Gegenteil! Denn der Mensch ist das schlimmste Raubtier und die übelste Kreatur aller Zeiten. Und zudem noch absolut unvollkommen. Diese Kreatur benötigt Luft, Licht, Wasser, Wärme und muss sich zu allem Überfluss noch von der Lebensenergie anderer Lebewesen ernähren.

Und darum sage ich: Sex & Drugs & Rock & Roll bis zum bitteren Ende.
Ich glaube an das Leben und ich weiß, wenn du und ich den letzten Furz lassen, dann ist alles, was von uns übrig bleibt, nur noch ein kleines fauliges Odeur, das im Winde verweht. Also ran an den Speck.

Deshalb lasst mich bitte mit eurem Unsinn in Ruhe und onaniert geistig im stillen Kämmerlein oder geht in den Swinger-Club mit dem Kreuz, eurem heiligen Symbol, an dem der eigene Sohn des eingebildeten kleinen Götzen elendig verreckt ist. Gut, dass es damals den elektrischen Stuhl noch nicht gab. Das wäre weitaus weniger romantisch, als so ein armer Sack, der langsam und qualvoll für seine Einbildung ans Kreuz genagelt krepiert.
Was für ein erhebendes Glaubenssymbol!

Das hat irgendwie den Beigeschmack von gelebtem Sadomasochismus.

Aber wer's braucht...



thommi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.09.2026, 13:27   #2
Taxi5013
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Hallo thommy,

du hast es erkannt, nachdem Du Dich an Gott ausgetobt hast.
Ich bin wie Du auch der Meinung, dass es einen Gott, nicht geben kann.
Er ist ein Hingespinnst, eine Fiktion in den Köpfen der Menschen.
Hier ist die Kirche der wahre Verbrecher, Die Bibel ist der erste, bluttrünstige Kriminalroman der Geschichte.
Die Priester, die sich an Kinder Vergehen, fürchten sich nicht davor, dass sie einmal vor Gott treten müßten, um die Beichte abzulegen.
Sie wissen, dass es keinen Gott gibt.

Ja, es gibt Menschen, die an Gott glauben und das ist gut so.
Kranke und Verzweifelte Menschen, bitten Gott um Vergebung, auch das ist gut so.
Diese Menschen befinden sich in größter, seelischer Not.
Ihr tiefer Glaube kann den Schmerz lindern, ihnen das Leben erleichtern.

Die Religion, egal in welchem Land ein "Gott" angebetet wird, hat gerade in den armen Ländern, noch nie etwas Gutes gebracht.

Ein endloses Thema...


LG vom Taxi5013
Taxi5013 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.10.2026, 01:32   #3
thommi
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Hallo Taxi5013,

danke für deinen Kommentar! Du triffst den Nagel auf den Kopf, besonders was die Institution Kirche angeht. Dass Würdenträger im Hintergrund Verbrechen begehen, während sie vorne Moral predigen, zeigt am deutlichsten, dass dieses System auf Heuchelei aufgebaut ist. Dein Argument ist extrem stark: Sie fürchten kein jüngstes Gericht, weil sie insgeheim selbst wissen, dass da nichts ist, vor dem sie sich verantworten müssten.

Spannend finde ich auch deine Differenzierung beim Thema Trost. Ich verstehe absolut, was du meinst: Für Menschen in größter seelischer Not kann der Glaube wie ein Schmerzlinderer wirken. Die Frage, die ich mir dabei nur stelle, ist: Ist ein Trost, der auf einer Illusion basiert, wirklich gut? Oder hält er die Menschen nicht eher in einer Unmündigkeit gefangen, die sie daran hindert, die reale Welt so zu akzeptieren, wie sie ist?
Aber wie du schon sagst: Ein endloses Thema!

Danke dir für den Denkanstoß.

Freundliche Grüße
thommi

thommi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.10.2026, 08:10   #4
Taxi5013
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danke für Deine Antwort.

LG vom Taxi5013
Taxi5013 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.10.2026, 17:09   #5
Floris
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Beiträge: 77
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Hallo Thommi,

danke für deine Gedanken zum Thema Religion. Ich glaube, dass du deinen Beitrag mehr aus dem Gefühl heraus, denn aus Überlegung geschrieben hast. Daher ist es klar, dass du einige deiner Argumente nicht bis ganz zu Ende gedacht hast und dich der gängigen "Vorurteile" bedienst. Ein Beispiel: Du leugnest die Existenz von Gott, gleichzeitig möchtest du aber, dass falls dieser Gott existiert, er "seine Schöpfung" stets glücklich und zufrieden hält. Wir brauchen uns hier nicht darüber unterhalten, dass jedes gequälte Kind, jeder unterdrückte Mensch einer zu viel ist. Dass jeder Krieg schrecklich ist. Aber mir persönlich stellt sich schon die Frage nach dem Verursacher! Und das ist, egal ob es einen Gott gibt oder nicht, immer der Mensch.
Die Mißstände der Menschheit also welchem Gott auch immer zuzuschreiben ist ein einfacher billiger Reflex. Ich glaube das kannst du besser.

Ein weiteres Problem, das ich mit deinem Text habe ist, dass du nicht unterscheidest zwischen Glaube und Religion. Natürlich braucht niemand Religion, das kann ich nachvollziehen. Aber Menschen brauchen nicht nur Licht, Luft, Wasser und Proteine sondern auch Liebe, Zuwendung, Inhalte und wenn es dicke kommt, einen Sinn im Leben. Und da kommt Glaube, Moral und Ritus ins Spiel. Das sind, wenn man in deinem Kontext bleiben möchte die Werkzeuge der Kirchen.
Meine These ist, dass so lange wir es den Kirchen überlassen, den Sinn des Lebens zu definieren und den Massen so etwas wie Moral zu vermitteln, wir uns nicht darüber wundern dürfen, wenn die massenhaft austretenden Menschen eben genau dies nicht mehr in ihrem Leben finden. Dein "ich will Sex and drugs ..." heisst nichts anderes als, ich kümmere mich einen Dreck um eure Moral. Und jetzt komme ich mit der Keule: Wenn du das wirklich glaubst, warum bringst du nicht einfach den Nächsten um? Was hält dich davon ab, dem nächsten Mütterlein die Handtasche zu entreißen?
Der Trend im Netz geht dazu, sich selbst immer nur der Nächste zu sein. Es werden Ungeheuerlichkeiten gepostet für einen Moment des Triumphes über Menschen, denen man vorher nie begegnet ist und die man nie Aug zu Aug sehen wird. Die Moral, die Sitte und der Anstand nehmen leider im gleichen Masse ab, wie die Austritte zunehmen. Niemand hält den Mob, der sich um nichts mehr schert.

Wenn du für dich postulierst, dass du selbst gefestigt genug bist ein Leben ohne einen Gott anständig leben zu können und darin Sinn sehen kannst, dann be my guest! Ich ziehe den Hut. Aber in der heutigen Zeit hätte ich lieber mehr Menschen in der Kirche statt auf einem AfD Parteitag.

Abschließend bemerkt und damit du meine Meinung einordnen kannst: ich bin in keiner Kirche, bin vor Jahren ausgetreten und froh darüber. Woran ich glaube ist meine Privatsache. So wie das jeder von uns hält.

Du hast mich ein wenig zum kochen und sehr zum Nachdenken gebracht.

Liebe Grüße
Floris
Floris ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.10.2026, 20:11   #6
thommi
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Beiträge: 102
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Hallo Floris,

zunächst einmal ein ganz herzliches Danke für deinen ausführlichen Kommentar und die tiefen Gedanken, die du dir zu meinem Essay gemacht hast! Du hast mich damit ebenfalls sehr zum Nachdenken gebracht – und genau so soll ein lebendiger Diskurs auf Augenhöhe ja auch sein.

Da du meinen Text so wunderbar seziert hast, erlaube mir, dass ich deine Argumente im Gegenzug ebenfalls ein wenig auf den philosophischen Prüfstand stelle.

Fangen wir mit dem an, was du als meinen „einfachen billigen Reflex“ bezeichnest – nämlich, dass ich Gott das Leid auf der Welt zuschreibe, obwohl der Mensch der Verursacher von Kriegen und Elend ist. Da stimme ich dir psychologisch vollkommen zu. Aber du übersiehst dabei den eigentlichen Kern meines Arguments, das in der Philosophie als das klassische Theodizee-Problem bekannt ist: Ich werfe einem potenziellen Gott nicht vor, dass er das Leid aktiv anzettelt, sondern dass er als per Definition Allmächtiger tatenlos dabei zusieht. Wenn ein Wesen die Macht hat, das unschuldige Krepieren eines Kindes mit einem Fingerschnippen zu verhindern, es aber nicht tut, dann macht es sich moralisch der unterlassenen Hilfeleistung mitschuldig. Dieses theologische Dilemma versuchen die Kirchen seit 2000 Jahren verzweifelt und erfolglos wegzuerklären.

Damit kommen wir direkt zu deiner moralischen Keule und der Frage, warum ich nicht einfach das nächste Mütterlein umbringe oder ihr die Handtasche entreiße, wenn ich doch auf „eure Moral“ pfeife. Du unterstellst damit implizit, dass die Menschheit nur deshalb nicht übereinander herfällt, weil irgendwo ein kirchlicher Ritus oder die Angst vor dem Fegefeuer im Hintergrund mitschwingt. Das hieße ja im Umkehrschluss, dass wir eine Moral aus reiner Angst und Unmündigkeit leben.

Ich sehe den Menschen – genau wie der Philosoph Arthur Schopenhauer – durchaus als triebgesteuertes, egoistisches Raubtier. Aber der entscheidende Unterschied ist: Wir brauchen keine Kirche, um dieses Raubtier zu zähmen. Schopenhauer begründet die Moral durch die Mitleidstheorie: Wenn ich das Leid eines anderen sehe, erkenne ich mich instinktiv selbst darin und helfe – ganz ohne Weihwasser und Dogmen. Und wo das Mitleid versagt, greift Immanuel Kants Kategorischer Imperativ: Der vernunftbegabte Mensch begreift durch pure Logik, dass eine Welt, in der jeder jeden ausraubt, nicht funktionieren kann.

Mein „Sex & Drugs & Rock & Roll“ ist kein Freifahrtschein zur Sittenlosigkeit, sondern konsequenter Hedonismus: Weil das Leben so kurz und danach nichts mehr ist, sollten wir die Zeit maximal genießen – solange wir dabei eben niemandem schaden.

Du schreibst völlig richtig, dass der Mensch nicht nur Proteine braucht, sondern auch Liebe, Zuwendung, Inhalte und Sinn. Aber warum um alles in der Welt sollten wir den Kirchen das Monopol darauf überlassen, diese Werkzeuge zu verwalten? Liebe und Zuwendung sind zutiefst humane, evolutionäre Eigenschaften. Wer einen Ritus braucht, um Sinn zu finden, darf das gerne tun – aber es geht eben auch wunderbar säkular, durch Kunst, Philosophie und echte zwischenmenschliche Begegnung.

Und genau deshalb hinkt für mich auch dein AfD-Vergleich. Die These, dass die Kirchenaustritte direkt zum Sittenverfall und zum Erstarken des Mobs auf Parteitagen führen, ist soziologisch extrem gewagt. Die Geschichte hat uns schmerzhaft gelehrt, dass die Kirchen noch nie ein verlässliches Bollwerk gegen Faschismus oder Unterdrückung waren – im Gegenteil, oft genug haben sie wunderbar mit den jeweiligen Machthabern harmoniert und konspiriert. Der moralische Kompass der Menschen wird heute nicht beschädigt, weil sie nicht mehr in der Kirche sitzen, sondern weil es unserer Gesellschaft an echter, säkularer Bildung und Aufklärung fehlt.

Ich ziehe den Hut vor deiner Konsequenz, selbst ausgetreten zu sein und deinen Glauben als Privatsache zu leben. Genau da gehört er hin. Aber lass uns den Mut haben, die Moral aus den Händen der Institutionen zu befreien und sie dorthin zurückzubringen, wo sie hingehört: in den gesunden Menschenverstand und das echte, empathische Miteinander im Hier und Jetzt.

Liebe Grüße zurück
thommi

thommi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.10.2026, 21:04   #7
Floris
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Lieber thommi,

vielen Dank für die ausführliche Antwort. Ich hab gemerkt, dass ich mich in einigen Punkten noch nicht deutlich ausgedrückt habe. Das ist auch sehr schwer, denn du machst eben mal einen Rundumschlag über Gott und die Welt! Ich finde das klasse, bitte nimm das nicht als Kritik!
Den Reflex, dass ein irgendwie geartetes Wesen/Entität/ Karma/ Irgendwas dazu da wäre, unser Leben und zwar das jedes Einzelnen zu beobachten, die Fehler auszubügeln und immer dann zu helfen, wenn wir es von ihm/ihr/es verlangen , das finde ich nach einem mittlerweile langen Leben schon irgendwie kindlich. Genau so kindlich (nicht kindisch!) ist es zu denken, irgendein Wesen würde sich darum kümmern, ob wir Freitags Fisch essen oder ob wir Käse oder Milch zu Fleisch essen. Warum sollte sich solch eine Entität in das Leben der Menschen einmischen? Wir lernen nur durch Fehler und Leid. Das würde ich postulieren wollen. Leid ist unvermeidlich. Es gehört zu diesem Leben und zum Wachsen dazu. Ohne Leid hätte ich nie mehr zu Schreiben angefangen. Das war mir Geschenk und auch Verhängnis.

Du hast natürlich absolut Recht mit deinem Ansatz dass der Mensch auch ohne Kirche in der Lage ist durch Mitleid bewegt zu werden. Aber du schreibst vom vernunftbegabten Menschen. Ich bin vielleicht zynisch, entschuldige, aber ich sehe sehr viele Menschen, die diesen Impuls zu Mitleid sehr schnell zur Seite wischen können. Leider immer mehr. Und ich sehe auch viele Menschen, denen es egal ist, wie es dem Nächsten geht. Vernunftbegabt ist toll, aber ich habe den Eindruck die Intelligenz ist angefressen und auf dem Rückzug.

Dein Nachsatz, dass du das Leben genießen willst "so lange es niemanden schadet" ist gut und richtig. Das meinte ich mit" du kannst das besser". Du hast das konsequent nachgeschärft. Ja das klingt furchtbar von oben herab. Ist aber absolut nicht so gemeint. Ich selbst bin sehr emotional und habe mir erst in den letzten Jahren eine eher rationale Sichtweise angewöhnt. Von daher hast du meine absolute Sympathie für deinen Ansatz.

Und ich bin absolut einverstanden damit, den Kirchen nicht das Monopol auf Liebe oder oder gar Inhalte zu überlassen. Blos nicht! Das setzt aber voraus, dass es außer uns beiden noch mehr und zwar viel viel mehr Menschen braucht, die sich unsere Gedanken machen. Die in der Lage sind, durch Nachdenken und Empathie zu den gleichen Schlüssen zu kommen wie es sämtliche Religionen und Philosophien in ihrem Regelwerk stehen haben. Und ehrlich? Ich schaue mich um und mir graust.

Ich habe selbst nie gedacht, dass ich einmal ein Verfechter der Kirche sein würde. Du hast natürlich absolut Recht dass sie noch niemals ein Bollwerk gegen Faschismus und Unterdrückung (besonders auch die von Frauen !) waren. Allerdings denke ich, je älter ich werde dass Menschen (nicht alle aber doch einige) Führung und einen Kompass brauchen. Nicht jeder hat die Zeit und den Luxus über Gott und die Welt nachzudenken. Und noch einmal, ich möchte keine Kirche promoten, aber ich glaube tief in uns drinnen wollen wir alle etwas glauben. Zumindest dass unser Leben so groß oder klein es ist, nicht umsonst ist. Wir brauchen ein Seil am Berg an dem wir uns entlang hangeln können. Manchmal reißt es wenn wir fallen. Trotzdem ist es oft das Einzige was manchen Menschen bleibt. Und das möchte ich und ich denke auch du niemand nehmen.

Dass es noch echtes empathisches Miteinander gibt, beweist mir dieser Austausch auf das Schönste! Und wenn du eine Idee hast, wie wir die Moral aus den Händen der Institutionen befreien können, dann schreib das bitte, ich bin dabei !

Liebe Grüße und noch einmal danke für die anregende Unterhaltung!
Floris
Floris ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.10.2026, 22:44   #8
thommi
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Beiträge: 102
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Hallo Floris,

und wieder ein ganz herzliches Danke für diese wunderbare Replik! Es ist ein echtes Privileg, sich in dieser Form austauschen zu dürfen. Weißt du, was mir beim Lesen deiner Zeilen als Erstes durch den Kopf ging? Ich glaube, wir beide reden auf eine höchst faszinierende Weise ein ganz klein wenig aneinander vorbei – aber genau das macht diesen Dialog so spannend.

Wenn wir das Ganze betrachten, bewegen wir uns nämlich auf zwei völlig verschiedenen Ebenen: Ich argumentiere in meinem Essay auf der Individual-Ebene (dem „Ich“). Ich beschreibe den Zustand eines einzelnen, aufgeklärten Geistes, der für sich selbst beschließt, dass er keinen Gott braucht, um anständig zu sein, und stattdessen den Hedonismus feiert. Du hingegen blickst völlig zu Recht auf die Kollektiv-Ebene (die „Masse“). Du schaust dir die Gesellschaft an und siehst die schwindende Empathie, die Orientierungslosigkeit und die Überforderung. Dein Einwand ist absolut berechtigt: Schön und gut, wenn ein thommi das für sich alleine im stillen Kämmerlein gelöst bekommt – aber was macht die breite Masse, wenn das „Seil am Berg“ plötzlich reißt?

Und da gebe ich dir unumwunden recht: Der Blick auf den aktuellen Zustand der Welt lässt einen tatsächlich schaudern. Die Intelligenz und die Nuancen scheinen oft genug im kollektiven Rückzug begriffen zu sein. Dass du das Leid als dein persönliches „Geschenk und Verhängnis“ beschreibst, das dich wieder zum Schreiben gebracht hat, berührt mich sehr. Das ist die produktive, kreative Kraft des Schmerzes, die uns wachsen lässt.

Aber man muss diesen Punkt dennoch hinterfragen. Es gibt für mich einen riesigen, fundamentalen Unterschied zwischen persönlichem Leid – wie Kummer, Krisen, Trennungen oder Verluste –, das uns emotional reifen und schöpferisch werden lässt und dem exzessiven, absolut sinnlosen, globalen Grauen.

Deine These vom „Leid als Lehrmeister“ funktioniert leider nur für privilegierte Menschen, die das Glück haben, eine Krise zu überleben und die inneren Werkzeuge besitzen, sie überhaupt zu reflektieren. Ein Kind, das elendig verhungert, wächst nicht an diesem Schmerz – es krepiert einfach. Ein Mensch, der im Krieg zerfetzt wird, lernt nichts aus Fehlern. Das globale Grauen von Hungersnöten, Genoziden und Folter beraubt die Massen jeglicher Reflexion. Für dieses Ausmaß an Brutalität greift die religiöse oder spirituelle Rechtfertigung, das Leid sei irgendwie „für unser Wachstum da“, schlichtweg zu kurz. Es bleibt das, was es ist: sinnlos, grausam und unentschuldbar für jeden potenziellen Allmächtigen.

Du hast mich am Ende gefragt, wie wir die Moral konkret aus den Händen der Institutionen befreien und den Menschen ein neues, säkulares Seil anbieten können. Wenn ich laut darüber nachdenke, sehe ich vor allem drei konkrete Werkzeuge:

Erstens müssen wir das Fundament in der Bildung völlig neu gießen. Statt Kindern im Religionsunterricht zu erzählen, wer wann übers Wasser gelaufen ist, brauchen wir flächendeckenden, spannenden Ethik- und Philosophieunterricht ab der ersten Klasse. Man muss keine dicken Kant-Wälzer lesen, um Kindern von klein auf Empathie, Argumentation und den Wert des Miteinanders beizubringen.

Zweitens müssen wir die sozialen Ankerplätze ersetzen. Die Kirche war jahrhundertelang der einzige Ort, an dem eine Gemeinschaft bei existenziellen Wendepunkten (Geburt, Heirat, Tod) zusammenkam. Die moderne Gesellschaft hat es versäumt, diese emotionalen Räume adäquat zu ersetzen. Wir brauchen kommunale Kulturzentren, weltliche Rituale und echte Begegnungsräume, die den Menschen Halt und Struktur geben, ohne dass sie am Eingang ihren Verstand gegen ein Dogma eintauschen müssen.

Und drittens brauchen wir einen neuen humanistischen Gesellschaftsvertrag. Der Staat darf sich nicht darauf ausruhen, dass Kirchen die Suppenküchen betreiben und den moralischen Zeigefinger heben. Wenn eine Gesellschaft den Einzelnen spüren lässt, dass er zählt, aufgefangen und geschützt wird, verliert der spirituelle und politische Extremismus ganz automatisch seinen Nährboden.

Es braucht verdammt viel Mut, um die Moral wieder in den gesunden Menschenverstand und das echte Miteinander im Hier und Jetzt zurückzuholen. Aber dass genau das möglich ist, beweist mir unser Dialog. Danke dir dafür!

Liebe Grüße
thommi

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