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#1 |
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Das Auto der Frau war stehengeblieben, aus welchen Gründen auch immer.
Nun brauchte sie Helfer, um es anzuschieben. Und dazu hatte sie sich diesen genialen Plan ausgedacht: Wir vier starken Männer sollten ihr Auto auf die Schienen der Straßenbahn schieben. Dann sollte die Straßenbahn kommen und das Auto auf den Schienen so lange vor sich herschieben, bis es anspringen würde! Genial, gell! Inzwischen war ein Auflauf entstanden. Immer mehr Männer kamen, um der Frau zu helfen! So ist es doch! Wenn eine Frau um Hilfe schreit, kommen von überall her mutige Männer, um zu helfen! Aber wenn ein Mann um Hilfe schreit, kommen dann auch mutige Frauen? Ich will das mal offen lassen ..... Es kam aber auch ein Beamter der städtischen Stadtwerke, der diese Idee für unsinnig erklärte! Dazu würde er seine schööööne Straßenbahn nicht hergeben! Eine Diskussion entstand über die Möglichkeit, das Vorhaben der Frau durchzuführen! Ich ergriff die Gelegenheit, mich nett zu verabschieden! Denn: Die Frau hatte ja nun genug Cowboys, die ihr zu helfen vermochten, Morgenrot hin oder Abendrot her! |
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#2 |
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Den nächtlichen Hilfeschreien dieser Frau war ich also entkommen.
Nich weit entfernt konnte ich schon die erleuchtete Straßenbahn sehen, die leer an der Endhaltestelle stand und auf Passagiere wartete. Nur ein kurzer Weg für einen Menschen - doch ein langer Weg für einen Nevis! Wie heißt es so schön und treffend: "Zwischen Lipp' und Kelchesrand Schwebt der finstern Mächte Hand." In meinem Falle hatten die Götter zwischen mir und der Straßenbahn zwei rüstige Rentner gesetzt, die sich mit Macht ihre Krücken um die Ohren schlugen. Auf dem schmalen Pfad war nicht an ihnen vorbeizukommen, ohne etwas davon abzubekommen. Ich dachte, Vorsicht sei der bessere Teil der Weisheit, und ginge einen kleinen Umweg - seitlich durchs Unterholz. Denn war es nicht schon dieser Martin von der Familie Luther, der zu Wittenberg diese These verkündet hatte: "Bedenke, oh Mensch! Was nützete es dir, so du gewännest alle Straßenbahnen der Stadt, und nähmest doch Schaden an deinem Schädel?" Und eine fernöstliche Weisheit lautet: "Oh du Fremder, der du dahineilest auf schmalem Pfade, um zu erreichen den eisernen Wagen, der dich bringen soll in die Mitte der Stadt, wo da ruhet der Karl: Findest den gastlichen Weg versperret du von unweisen Alten, die da kämpfen den Kampf der Toren mit Krücken des Zornes, so wähle den anderen Pfad! Den Pfad des Trampelns, der dich da führet durch grünes Gebüsche, holprig wohl, aber sicher und weise!" Und sagt selbst: Wer bin ich, dass ich Konfuzius widerspräche? Oder gar Kon Fu Tse? Also nahm Ne Vis den anderen Pfad .... |
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#3 |
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Ich umging also diese rüstigen Rentner weiträumig.
So wie man es ja von Durchsagen im Autoradio her kennt: *einschalt* "Achtung, Achtung! Eine wichtige Durchsage! In Karlsruhe-Daxlanden ist die Ortstraße 217a auf Grund einer Veranstaltung vorübergehend gesperrt. Vorsicht! Freifliegende Krücken! Es kann zu Schädel-Verletzungen kommen. Nevisse, die sich in diesem Gebiet aufhalten, werden gebeten, die Ortsstraße 217a weiträumig zu umgehen, und den Trampelpfad 745b zu wählen. Sobald die Gefahr vorüber ist, informieren wir Sie wieder!" *ausschalt* Ich folgte dieser inneren Stimme - und erreichte so unverletzt die sichere Straßenbahn, die hell-erleuchtet in der Dunkelheit auf mich wartete. Sie war noch völlig leer. Selbst der Fahrer war ausgestiegen, um draußen im Freien seine Pause zu genießen. Dann sah ich, wie langsam zwei künftige Passagiere auf die Straßenbahn zugingen. Na, wer wohl? Die beiden rüstigen Rentner, die sich inzwischen anscheinend versöhnt hatten! Sehr friedlich wirkten sie aber dennoch nicht - eher auf der Suche nach einem neuen Opfer. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, heißt es. Wenn die Streithähne sich aber wieder versöhnen, tut dieser Dritte gut daran, in Deckung zu gehen Die beiden rüstigen Rentner bestiegen die Straßenbahn .... Wer könnte das neue Opfer sein? Wer war denn da, außer mir? Niemand! ![]() |
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#4 |
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Es geht weiter ...
~~~~~~ Ich stelle mir gerade einen Filmtitel vor: "Die Straßenbahn des Grauens." Welch nette gemütliche Situation: Um Mitternacht allein in einer Straßenbahn mit zwei angetrunkenen Schlägern, die trotz fortgeschrittenem Alter noch recht kräftig mit ihren Krücken zuzuschlagen vermögen - und auf der Suche nach einem neuen Objekt ihrer Schlagkraft sind! Da kommt Stimmung auf - wie man so sagt! Vor meinem geistigen Auge erschien schon diese Schlagzeile im Lokalteil der "Badischen Neuesten Nachrichten": Rotkreuzkräfte retten ruhigen Reisenden vor robusten rasend-rüstigen Rentnern. Mit der Frage in der Unterzeile: Rehabilitation ratsam? Doch ging dieser Kelch an mir vorüber. Mein Dank an die Götter! Bacchus oder Dionysos - wer immer auch an jenem Abend gerade Dienst hatte! Die Straßenbahn füllte sich so langsam- und die rüstigen Rentner fanden andere Gesprächspartner, an denen sie im Bedarfsfall ihre Krücken ausprobieren konnten! Die Straßenbahn fuhr los! Meine Erzählung könnte hier zu Ende sein - wenn ich nicht noch an einer gottverlassenen Haltestelle hätte umsteigen müssen! |
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#5 |
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LINK EDITIERT.
Was der Link nicht sagt: Es sind da zwei Haltestellen. Die eine auf einm sehr belebten Platz mit - viel Traffic jeder Art. Die andere Stelle ist in einem finsteren Niemandsland, wo sich noch nicht mal Fux und Haas "Gut Nacht!" sagen, wenn es Nacht ist! Und es war Mitternacht, und weder Fux noch Haas zu sehen! Typisch mal wieder! Wenn man sie braucht, sind sie nie da! Ich stand da ganz alleine rum - oder fast ganz alleine. Nur ein Mitreisender war da - und er saß. Auf der Bank. Er sah aus, als hätte er schon lange gesessen. In einer Justizvollzugsanstalt vielleicht. Sollte ich mich zu ihm setzen? Meine innere Stimme sagte: "NEIN! Mach das nicht!" Dazu muss ich erklären, dass ich gewöhnlich "Du" zu mir sage, denn ich kenne mich ja schon länger. Mein Mitreisender saß da und sagte gar nix. Aber sein Outfit war vielsagend. Es verkündete dezent, dass Deutschland den Deutschen gehören sollte, und Ausländer doch bitte so nett sein mögen, das Land zu verlassen. Ob ich da als Zeichen meines guten Willens nicht wenigstens diese deutsche Haltestelle hätte verlassen sollen? Oder - was meint ihr? Geändert von Nevis (22.03.2009 um 18:38 Uhr) |
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#6 |
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Dazu muss man nun wissen, dass ich fast auf der ganzen Welt für einen Einheimischen gehalten werde - außer in Deutschland.
In Schottland bin ich ein Schotte, in Frankreich ein Franzose, in Spanien ein Spanier, und auch die Moslems in Sibirien haben mich dort in ihrer Moschee für einen der Ihrigen gehalten. Nicht so in Deutschland! Da gelte ich meist als Grieche, gerne auch mal als Perser, Afghane, oder auch Saudi-Araber. Kongolese war ich bisher noch nicht, aber ich arbeite bereits dran! Das Schönste war, wie ich kurz nach dem Einzug im Vorgarten meines Hauses stand, und eine neue Nachbarin vorbeikam. Freundlich sagte sie zu mir: "Sie sind aber kein Deutscher, gell?" Ich ließ das mal offen und frage zurück, was ich denn wohl sei. Da outet sie mich als einen Rumänen. Zigeuner sagte sie jetzt nicht, dachte es aber vielleicht. Wer weiß? Sie selber kam übrigens aus der Ukraine .... ................................... Es war also zu erwarten, dass mein Freund auf der Bank früher oder später auf mich zukommen würde, um mir freundlich, aber bestimmt, anzuraten, ich solle doch bitte dahin verschwinden, wo ich herkäme! Nach Ägypten oder Palästina! Aber gaaaaanz schnell bitte! |
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#7 |
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Dass ich in Deutschland so oft für einen Ausländer gehalten werde, ist ein klein wenig paradox.
Denn: Gibt es jemand, der einheimischer wäre, als ich? Kaum. Durch meine Ahnenforschung weiß ich, dass alle meine Vorfahren seit dem Dreißigjährigen Krieg - und wohl auch davor - immer nur eines waren: Mittelbadische Winzer. Warum nur werde ich dann für einen Griechen gehalten? Ich denke, das geht auf die griechischen Legionäre zurück, die damals zu Caesars Zeiten an den Oberrhein gekommen sind. Vielleicht waren es aber auch Ägypter? Wer weiß? Mein mitternächtlicher Ausländerfreund hätte also mit einem gewissen Recht zu mir sagen können: Geh zurück nach Ägypten, woher du gekommen bist! Und ich hätte dann vielleicht erwidert: Gerne! Können Sie mir sagen, welche Straßenbahn ich da nehmen muss? |
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#8 |
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Es geht weiter .....
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Während ich da so stand und wartete, ging mir eine ähnliche Situation durch den Kopf. Diese Geschichte könnte ich vielleicht nennen: "Die Unterführung des Grauens!" Es war zu fast mitternächtlicher Stunde, als ich in einem Karlsruher Vorort auf eine Straßenbahn wartete. Nicht mit einem Ausländerfeind zusammen, sondern mit einer Horde angetrunkener Jugendlicher. Sie redeten oder besser schrien lautstark miteinander. Offenbar stand eine gepflegte Prügelei kurz vor dem Ausbruch. Ich hielt Abstand, denn bei solchen Prügeleien kommt es leicht auch zu Nebenschäden bei Unbeteiligten. Oder "collateral damage", wie die amerikanische Bomberflotte es so schön und treffend formuliert. Die rüstigen Rentner lassen grüßen! Man schaut in solchen Fällen besser gar nicht so genau hin! Sonst heißt es: "Was kuckstu?" Und schon hat man eine über dem Schädel! Oder "in der Fresse" , um beim Sprachgebrauch zu bleiben. Früher hatte das noch mehr Stil. Da hieß es kühl: "Mein Herr! Sie haben mich fixiert! Ich schicke Ihnen meine Sekundanten! Bevorzugen Sie Pistole oder Säbel?" Dann traf man sich im Morgengrauen am Waldesrand, mit oder ohne Feuer! Das heißt, man feuerte schon! Schoss sich so e bissl tot! Romantisch, irgendwie! *träum* Die Duelle sind auch nicht mehr das, was sie mal waren! ----------------------- Um einem solchen modernen Duell zu entgehen, dachte ich, es sei vieleicht besser, auf der anderen Seite der Gleise zu warten, und dann eben schnell wiederzukommen, wenn die richtige Bahn heranfahren würde. Und so ging ich die Steintreppen hinunter in den Untergrund. In die Unterführung des Grauens ...... |
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#9 |
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Mein erster Besuch dort war relativ kurz.
Ich begegnete dort einem Pärchen des Grauens. Die beiden kamen auf mich zu, und der Mann fragte mich irgend etwas Belangloses. Es war klar, er fragte nur, um irgendeinen Kontakt herzustellen, nach Art der Bahnhofspenner. Meine Antwort, die ebenso belanglos war, nahm er dann zum Anlass, einen Streit vom Zaun zu brechen. Seine Begleiterin schaute ihn dabei anhimmelnd an. Nun war es zufällig gerade nicht mein streitlustiger Tag. Ich verabschiedete mich also nett und trat einen geordneten Rückzug an, die Steintreppen wieder hinauf. Die streitlustigen Jugendlichen dort schienen mir auf einmal irgendwie sympathisch, sympathischer jedenfalls als dieses streitlustige Pärchen des Grauens. Die Situation am Bahnsteig hatte sich aber noch nicht entspannt, sondern eskalierte weiter. Die streitlustigen Jugendlichen waren inzwischen noch streitlustiger geworden. Ich hielt mich in sicherer Entfernung von den Randalierern, und sie hielten sich in sicherer Entfernung von mir. Sie hatten ja genug mit sich zu tun, und brauchten im Moment kein weiteres Zielobjekt für ihre Schlägerei. Noch nicht ...... Ich wartete eine Weile, bis ich annehmen konnte, das streitlustige Pärchen in der Unterführung des Grauens habe sich inzwischen verzogen. Zum zweiten Mal also ging ich die Steintreppen hinunter in den Untergrund. Doch auf dem halben Weg schon hörte ich ein bestimmtes Geräusch, das mich davon abhielt, weiterzugehen. |
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#10 |
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Es war das klar erkennbare Geräusch, das dann entsteht, wenn Bierflaschen mit Schwung gegen eine Wand geschleudert werden, und dort mit lautem Knall zerbersten.
Andere Bierflaschen kullerten anscheinend auf dem Boden herum. Ich stellte mir mal die passende Lautsprecherstimme dazu vor: *kling* Achtung, Achtung! Eine wichtige Durchsage des Karlsruher Verkehrsverbunds (K V V) Auf der Bahnstrecke Karlsruhe - Stutensee ist die Unterführung in Höhe Hagsfeld auf Grund einer privaten Feier vorübergehend gesperrt. Vorsicht, freifliegende Bierflaschen! Es kann zu Schnittverletzungen kommen. Reisende, die den gegenüberliegenden Bahnsteig erreichen wollen, werden gebeten, die Schienen oberirdisch zu überqueren, wenn gerade kein Zug einfährt. Falls doch ein Zug einfährt, wünschen wir Ihnen viel Glück! Im Bedarfsfall informieren wir gerne ihre Hinterbliebenen. Dies ist ein kostenloser Service der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) im Verbund mit der Deutschen Bahn AG (DB). Bitte empfehlen Sie uns Ihren Freunden und Bekannten, ggfalls auch Ihren Hinterbliebenen. Wir wünschen Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt und eine gute Nacht! Ihr Karlsruher Verkehrsverbund (K V V) *kling* |
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